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04.11.2016

07:59 Uhr

Ökologischer Umbau in Essen

Von der Kohlehochburg zur grünen Oase

VonFranz Hubik

Staubige Luft, verseuchte Flüsse und kontaminierte Böden gehören in Essen der Vergangenheit an. Seit dem Ende der Kohle- und Stahlindustrie wandelt sich die Ruhrmetropole zu einer ökologischen Vorzeigestadt. 

Ein Radfahrer auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen. Der Radschnellweg Ruhr soll die Städte zwischen Hamm und Duisburg miteinander verbinden. dpa

Fahrrad-Autobahn im Ruhrgebiet

Ein Radfahrer auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen. Der Radschnellweg Ruhr soll die Städte zwischen Hamm und Duisburg miteinander verbinden.

EssenSimone Raskobs grünes Wunder erstreckt sich über 21 Kilometer und ist voll asphaltiert. Entlang der ehemaligen Trasse der Rheinischen Bahn lässt die Umweltdezernentin der Stadt Essen so etwas wie eine Fahrrad-Autobahn errichten. Auf der kreuzungsfreien Strecke, die im Endausbau von Duisburg über Essen bis nach Dortmund reichen soll, können Zweiradfans unbeschwert in die Pedale treten – Autofahrer müssen sie nicht fürchten.

„Jeder soll seinen Arbeitsweg umweltfreundlich bestreiten können“, erklärt Raskob. Die quirlige Politikerin will mit dem Radschnellweg Pendler dazu animieren, ihren Pkw zu Hause zu lassen. Der Dauerstau in Deutschlands bevölkerungsreichster Region soll damit bald vorbei sein. Dass die Radstrecke ausgerechnet dort gebaut wird, wo einst voll beladene Züge mit Kohle und Schwermetallen zur Eisenhütte Phönix oder zur Zeche Carl tuckerten, ist typisch für Essen.

„Das steht beispielhaft für die Wandlungsfähigkeit unserer Stadt“, sagt Raskob. Industrielle Brachflächen wie die alte Eisenbahntrasse werden in der Ruhrmetropole konsequent neu belebt. Der Charme des Vergangenen geht dabei in Zukunftsprojekten auf. Das Bild der Stadt prägen aber längst nicht mehr rauchende Schlote und Kohlekumpel, sondern Bürotürme und Landschaftsgärtner.

Essen hat sich neu erfunden. Die einstige Industriehochburg gilt mittlerweile fast schon als ökologische Oase, deren gelungene Transformation anderen Städten als Vorbild dient, die ebenfalls mit strukturellen Umbrüchen kämpfen.

150 Jahre lang hatte die Montanindustrie Essen voll vereinnahmt. Im Herzen des Ruhrpotts wurden Waffen für den ersten und zweiten Weltkrieg geschmiedet und das deutsche Wirtschaftswunder angeheizt. Die ganze Region machte sich von Kohle, Stahl und Eisen abhängig. Als 1958 die Kohlekrise ausbrach und billiges Erdöl erstmals die teure Ruhrkohle als Brennstoff verdrängte, verloren zehntausende Arbeiter ihre Jobs. Die Wohlstandsillusion platze. Ein schleichender Niedergang begann.

Wer konnte, floh aus Essen. Die Stadt hat 50 Jahre lang Einwohner verloren. Doch seit vier Jahren ziehen wieder mehr Bürger hinzu als weg. Das Klischee, Essen habe nichts zu bieten außer vor sich hin rostendende Fabriken und hohen Schulden, stimmt immer weniger mit der Realität überein. Erstmals seit 25 Jahren wird die Stadt 2017 wieder schwarze Zahlen schreiben und einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen.

Bereits 1986 schloss mit der Zeche Zollverein die letzte Kokerei der Stadt. Heute zählt das Kohlerelikt zum Unesco-Weltkulturerbe und lockt mit Konzerten, Museen und Gastronomie tausende Besucher an. Aber nicht nur kulturelle Impulse machen Essen immer lebenswerter. Gut 54 Prozent der Stadtfläche ist grün. Damit ist Essen nach Magdeburg und Hannover die drittgrünste Stadt Deutschlands. Und auch wirtschaftlich ergeben sich neue Perspektiven.

In Essen sind einige der größten Konzerne Deutschlands beheimatet. Die Energieriesen Eon, RWE und Steag haben hier ihren Hauptsitz ebenso wie der Industriegigant Thyssen-Krupp, der Chemiekonzern Evonik oder die Supermarktkette Aldi Nord. Rund 14.000 Jobs sind in den vergangenen Jahren zudem im Bereich Umwelttechnologie entstanden.

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