Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.11.2016

10:35 Uhr

Ökostrom

Energie vom Erzeuger aus der Nachbarschaft

VonSteffen Ermisch

Virtuelle Kraftwerke verbinden Solarzellen, Windräder und Biogasanlagen. Das bietet neue Chancen für Ökostrom-Erzeuger - sie können sich gezielt Haushalten in der Nachbarschaft als Stromlieferant andienen.

Virtuelle Kraftwerke verbinden Solarzellen, Windräder und Biogasanlagen dpa

Ökostrom aus der Nachbarschaft

Virtuelle Kraftwerke verbinden Solarzellen, Windräder und Biogasanlagen

DüsseldorfSupermarkt-Kunden machen es vor: Da viele Frischwaren als regionale Produkte gekennzeichnet sind, greift man hier besonders guten Gewissens zu. Geht es nach Torge Wendt, ist räumliche Nähe künftig auch beim Energieeinkauf ein Faktor. Sein Unternehmen hilft Windmüllern, Solarparkbetreibern und Bauern mit Biogasanlagen in Schleswig-Holstein, sich Haushalten in der Nachbarschaft als Stromlieferant anzudienen.

„Das stärkt Wirtschaftskreisläufe in der Region und erhöht die Akzeptanz für die Anlagen“, sagt der Chef von Nordgröön. Kürzlich gestartet, ist die regionale Direktvermarktung die jüngste Dienstleistung des 2012 gegründeten Unternehmens. Den Anlagenbetreibern verspricht Wendt Zusatzerlöse mit überschaubarem Aufwand: Nordgröön unterstützt sie auf dem Weg zum privaten Energieversorgungsunternehmen, der wegen vieler bürokratischer Hemmnisse mühsam ist.

Das Start-up sorgt zudem dafür, dass bei Bedarf Anlagen anderer Betreiber einspringen. Umgekehrt wird bei einem Überangebot an Strom, der lokal nicht verbraucht wird, die überschüssige Energie gewinnbringend weiterverkauft. Hinter dem Geschäftsmodell stehen ausgeklügelte Algorithmen und eine Vernetzung über das Internet.

Mehrere Hundert Solar-, Wind- und Biomasseanlagen hat Nordgröön zu einem sogenannten virtuellen Kraftwerk mit einer Leistung von 800 Megawatt zusammengeschlossen. Gebündelte Kapazitäten verkaufen die selbst ernannten Energielogistiker nicht nur an regionale Abnehmer, sondern auch über die Strombörse und an Übertragungsnetzbetreiber. Es ist ein lohnendes Geschäft: Nordgröön gibt seine Umsätze anteilig an die Anlagenbetreiber weiter, die so mit ihrem Regionalstrom höhere Erlöse als durch die starre Einspeisevergütung erzielen können.

Auch das Projekt Energiewende profitiert, denn der flexible Anlagenverbund hilft, Stromangebot und Nachfrage in Einklang zu bringen. Je nach Bedarf können Erzeuger neu gebündelt werden, dank der flexiblen Biogasanlagen sind auch schnelle Leistungsänderungen möglich. So liefert das virtuelle Kraftwerk - ähnlich wie etwa Gaskraftwerke - auch Regelenergie, mit der Übertragungsnetzbetreiber kurzfristig Schwankungen der Stromfrequenz ausgleichen.

Deutschlandweit gibt es laut PwC etwa 100 virtuelle Kraftwerke. Davon nehmen 37 am Regelleistungsmarkt teil, 26 vermarkten an der Strombörse. Das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft, sagt Joachim Albersmann, Energiemarktexperte der Unternehmensberatung. „Virtuelle Kraftwerke versprechen Flexibilität, die immer mehr gefragt ist, weil herkömmliche Kraftwerke vom Netz gehen und der Zubau der Erneuerbaren anhält.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×