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22.01.2014

08:37 Uhr

Leit-Artikel Fairphone

Fair ist schwer

VonJakob Struller

Es ist nicht nur ein Smartphone, sondern auch ein Statement: Das Fairphone soll zu fairen Bedingungen hergestellt werden. Das gelingt nicht ganz, das Gerät ist nur ein Anfang – aber das ist schon eine ganze Menge.

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Kann das Fairphone die Welt retten?

Techniktest-Video: Kann das Fairphone die Welt retten?

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DüsseldorfStarte eine Bewegung! Nicht weniger verlangt mein neues Handy jedes Mal von mir, wenn ich es einschalte. Glücklicherweise teilt es mir gleichzeitig mit, diese Aufgabe schon erfüllt zu haben – indem ich eben jenes Gerät gekauft habe. Es ist ein Fairphone.

Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Handy, unter dessen Herstellung niemand leiden soll. Die Umwelt nicht, die Menschen nicht, die es zusammenbauen und auch die nicht, die die Rohstoffe aus der Erde holen, aus denen es besteht. Das gleichnamige Unternehmen aus Amsterdam hat das Fairphone entwickelt und per Crowdfunding finanziert. Seit Anfang Januar werden die 25.000 Geräte an die Käufer ausgeliefert.

Vorweg: Es handelt es sich um ein völlig normales Handy, technisch unterer Durchschnitt. Und es rettet auch nicht die Welt. Es ist noch nicht einmal so fair, wie der Name es suggeriert. Aber ich bin trotzdem froh, 325 Euro dafür bezahlt zu haben und es jetzt statt meines iPhones 4S zu verwenden.

Alles rund ums Fairphone

Der Organisator

Hinter dem fairen Smartphone steht das gleichnamige Startup, das der Niederländer Bas van Abel gegründet hat. Der Firmengründung Anfang 2013 ging ein zweieinhalbjähriges Projekt voraus.

Die Idee

Bas van Abel will ein Smartphone herstellen, dessen Materialien unter fairen Umständen gefördert werden – und die Einzelteile sollen unter fairen Bedingungen zusammengebaut werden. Zudem setzt er auf volle Transparenz: Käufer und Verbraucherschützer können so genau nachvollziehen, woher welche Materialien stammen und wer im Auftrag des Startups arbeitet.

Das Produkt

Herausgekommen ist ein Mittelklasse-Smartphone für 325 Euro. Als Betriebssystem ist Android installiert, allerdings sollen Nutzer auch Alternativen wie Firefox OS aufspielen können. Eine Besonderheit: Nutzer können zwei SIM-Karten einstecken.

Die Produktion

Fairphone hat zunächst 25.000 Geräte herstellen lassen. Dafür beauftragte das Startup eine Fabrik in China. Ein beträchtlicher Teil der verwendeten Rohstoffe soll unter fairen Arbeitsbedingungen gewonnen werden. Zu 100 Prozent fair ist das Gerät allerdings nicht, wie die Macher selbst zugeben.

Die Rohstoffe

In einem Handy stecken rund 30 Metalle – ein beträchtlicher Teil stammt aus fragwürdigen Quellen, etwa Bürgerkriegsregionen im Kongo. Die Fairphone-Macher wollen dafür vertrauenswürdige Lieferanten suchen. Nicht für alle Metalle ist das gelungen, die Macher arbeiten aber an weiteren Kooperationen.

Der Vertrieb

2013 startete Fairphone einen Vorverkauf, im Winter begann die Auslieferung der ersten Serie. Nun sammelt das Unternehmen wieder Bestellungen für die nächste Produktion.

Die beiden Geräte sind durchaus vergleichbar. Das Fairphone ist ein Handy der Mittelklasse, es läuft mit dem Betriebssystem Android 4.2, hat eine Auflösung von 960 x 540 Pixeln bei einer Bildschirmgröße von 4,3 Zoll  und einen 1,2 Gigahertz–Prozessor. Das Technik-Magazin Golem.de hat das Gerät ausführlich getestet und kommt zu einem durchwachsenen, aber nicht niederschmetterndem Ergebnis.

Gefühlt ist das Fairphone jedenfalls auf einem Level mit dem iPhone 4S. Es ist so schnell, wie ich es gewöhnt bin, der Akku hält solange, wie ich es gewöhnt bin, ich kann damit Musik hören und in der Straßenbahn Quizduell spielen. Von den Unterschieden zwischen iOS und Android einmal abgesehen hat sich für mich nichts geändert. Nur die Kamera ist ziemlich enttäuschend, aber die soll in einigen Tagen per Software-Update verbessert werden. Außerdem ist das Gerät etwas schwerer (ca. 160 Gramm bei einer Größe von 126,1 x 63,3 mm) und etwas dicker als die meisten aktuellen Smartphones.

Wieso freue ich mich also so über das Handy? Wieso zahle ich ein halbes Jahr im Voraus für ein Gerät, das ich so ähnlich auch sofort hätte haben können – und auch noch deutlich günstiger? Weil es ein Versprechen ist. Ich und 24.999 andere sind Teil einer Bewegung, wir machen die Welt besser – zumindest hat man uns das gesagt.

Kommentare (4)

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connie

22.01.2014, 09:35 Uhr

Bessermenschen... ach je! Was sind die, die sich keine Gedanken um Menschenrechte und Naturschutz machen? Schlechtermenschen? Und so wird in unserer Gesellschaft ein eigentlich positiver Ausdruck ins Gegenteil verwandelt. Besser- und/oder Gutmensch wird als Schimpfwort benutzt, was wohl zeigt, auf welchem Weg "wir" Menschen sind... Für mich persönlich hat sich der Ausdruck "menschlich" verändert. Menschlich ist heutzutage nur noch durchsetzt von Habgier, Rücksichtslosigkeit, Intoleranz, Egoismus, Neid und Größenwahn. Und ja: ich habe auch ein fairphone!

SensAbility

22.01.2014, 11:54 Uhr

Es wird höchste Zeit, dass wir über faire Elektronik sprechen!
Und nicht nur das: Wir sollten auch in anderen Bereichen viel mehr Wert auf Nachhaltigkeit legen - von Kleidung bis Finanzanlagen. Die Möglichkeiten hierzu werden dank vieler Sozialunternehmen immer zahlreicher...

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Sam

22.01.2014, 12:25 Uhr

"Faire" Elektronik gibt es nicht. Unsere Welt funktioniert einfach nicht so wie Idealisten es sich vorstellen. Wer sich ein bisschen in die Geschichte seit der Industriellen Revolution vertieft sieht das dieselbe Diskussion um Fairness und Umweltschutz seit jeher aktuell sind, nur der Kontext ändert sich. Das Problem besteht darin das niemand sein Konsumverhalten ändern will, oder sogar auf bestimmte Sachen verzichten will. Was noch fairer ist, wäre ein bewusster Umgang mit bereits produzierten Sachen. Der "Schaden" durch die Produktion ist ja schon entstanden, also sollten wir dafür sorgen das wir das optimale aus Produkten rausholen. So sollten wir nicht immer neue Sachen kaufen, sondern mehr auf gebraucht setzen. Ob es sich nun handelt um Gebrauchtwagen, oder aber auch refurbished (generalüberholte) Handys und anderes IT Equipment.

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