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24.04.2013

11:08 Uhr

Leit-Artikel Tolino Shine

Die deutsche Antwort auf den Kindle

VonChristof Kerkmann

Gemeinsam gegen den Marktführer: Die großen deutschen Buchketten haben einen E-Reader herausgebracht, der dem Kindle von Amazon Konkurrenz machen soll. Der Preis ist überzeugend, die Software aber nicht. Ein Test.

Neues Kapitel für die deutsche Buchketten: der E-Reader Tolino Shine. Thalia

Neues Kapitel für die deutsche Buchketten: der E-Reader Tolino Shine.

DüsseldorfDie deutsche Buchbranche will Amazon den Markt für E-Books nicht kampflos überlassen: Die Großketten Thalia, Weltbild, Hugendubel und Club Bertelsmann, sonst Konkurrenten, bieten gemeinsam mit der Deutschen Telekom einen eigenen E-Reader an, den Tolino Shine. Was taugt die deutsche Antwort auf den Kindle? Wir haben den Reader ausprobiert.

Dass die Buchketten es ernst meinen, zeigt schon der Preis: Der Tolino kostet rund 100 Euro und damit rund 30 Euro weniger als der vergleichbare Kindle Paperwhite von Amazon. Trotzdem wirkt das Gerät nicht billig. Die gummierte Oberfläche fühlt sich angenehm an, das Leichtgewicht liegt gut in der Hand.

Vorteile und Nachteile von E-Readern

Ausdauernder Akku

Die E-Ink-Displays sind sehr energieeffizient, daher muss der E-Reader erst nach mehreren tausend Seiten wieder an die Steckdose – das reicht für Wochen.

Angenehmes Lesen

Dank der E-Ink-Technik ähnelt der Bildschirm von E-Readern einer Buchseite – das ist für die Augen angenehm. Zudem lässt sich damit auch bei direkter Sonneneinstrahlung lesen. Geräte mit Beleuchtung wie Kindle Paperwhite und Tolino Shine ermöglichen es zudem, auch im Dunkeln zu lesen.

Geringes Gewicht

Die meisten E-Reader sind Leichtgewichte, die um die 200 Gramm wiegen. Tablet-Computer im Sieben-Zoll-Format bringen oft das Doppelte auf die Waage, Zehn-Zöller sogar das Dreifache. Zudem sind die meisten Lesegeräte so kompakt, dass sie auch in die Jackentasche passen.

Große Kapazität

Aktuelle E-Reader haben mehrere Gigabyte Speicher und erlauben teils noch eine Erweiterung per Micro-SD-Karte. Selbst wenn man Bildbände oder Comics aufspielt, reicht das für Hunderte Bücher – das spart beispielsweise im Urlaub Gepäck.

Strenger Kopierschutz

Viele E-Books haben einen Kopierschutz. Damit können Käufer ihre digitalen Bücher nicht einfach an Freunde verleihen. Zwar ist es möglich, ein E-Book auf mehreren Geräten gleichzeitig zu öffnen, allerdings ist das an das eigene Benutzerkonto geknüpft.

Formate-Wirrwarr

Nicht jeder E-Reader kann jedes E-Book öffnen. Marktführer Amazon nutzt das AZW-Format, das sich nur mit dem Kindle öffnen lässt. Die Tolino-Allianz, der die Buchhändler Thalia, Hugendubel, Weltbild und Club Bertelsmann angehören, setzen auf das EPUB-Format, das die meisten Modelle öffnen können, der Kindle jedoch nicht. Bei E-Books ohne Kopierschutz ist aber eine Konvertierung relativ einfach machbar.

Eingeschränkte Möglichkeiten

E-Reader sind Lesegeräte – nicht mehr, nicht weniger. Wer nur gelegentlich ein E-Book liest, ist mit einem Tablet-Computer besser bedient. Mit dem kann man auch im Internet surfen und Filme gucken.

Wie bei Kindle, Sony Reader und Kobo kommt ein Display mit elektronischer Tinte zum Einsatz – E-Ink. Der Tolino Shine punktet mit einem hohen Kontrast, so dass ich auch in der Sonne problemlos lesen kann. Dank der LED-Beleuchtung kann ich aber auch unter der Bettdecke oder im Dunkeln schmökern. Die leichten Schatten am unteren Rand stören nicht weiter.

E-Books im EPUB-Format sehen auf dem E-Ink-Display klasse aus, mit PDF-Dateien habe ich aber meine Mühe. Das Zoomen und Navigieren auf dem Touchscreen ist hakelig, weil der Bildschirm langsam reagiert und flackert – dafür ist er eben nicht ausgelegt. Zudem muss ich auf jeder Seite die Einstellungen erneut anpassen.

Während es an der Hardware wenig zu meckern gibt, offenbart die Software Schwächen. Ich kann weder Textstellen markieren, Anmerkungen schreiben noch Wörter im Lexikon nachzuschlagen. Dass ich meine erlesenen Erkenntnisse bei Facebook posten kann, tröstet da wenig. Für den Einsatz an der Uni oder im Job eignet sich der Tolino damit nur bedingt – schade.

Die Buchhändler sind mit ihrem E-Reader vielleicht spät dran, aber sie haben von Amazon gelernt. Ähnlich wie die Kindle-Geräte ist der Tolino nicht nur ein Lesegerät, sondern auch ein elektronischer Kaufhauskatalog. Ist man mit dem Nutzerkonto angemeldet, kann man mit wenigen Klicks neue E-Books kaufen. Jede Kette installiert ihren eigenen Online-Shop vor, das Testgerät hatte den direkten Draht zu Thalia. Die Anbieter versprechen eine Auswahl von mehr als 300.000 Titeln.

Allerdings sind Leser nicht an einen Anbieter gebunden: Sie können auch E-Books von anderen Buchketten importieren oder in der Stadtbibliothek ausleihen, so lange die Bücher das richtige Format haben. Der Tolino Shine unterstützt EPUB-, PDF- und TXT-Dateien, verschluckt sich allerdings am Amazon-Format AZW. Die Buchsammlung vom Kindle können Nutzer also nicht herüberkopieren.

Kommentare (4)

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Peter_G

24.04.2013, 13:06 Uhr

Tolino oder Kindle für Romane. Für aktives Lesen: iPad

Der Kritiker vermisst beim Tolino die Funktionen zum aktiven Lesen. Nach meiner Erfahrung ist der traditionelle Kindle mit e-Ink (den Kindle Fire habe ich nicht ausprobiert), dazu ohnehin nicht so geeignet. Ich benutze den Kindle daher zum Lesen von Büchern, die man von vorn bis hinten einmal durchliest, also von Romanen oder leichten Sachbüchern. Daür ist er richtig gut. Und das scheint der Tolino ja ebensogut zu können.

Aber für "aktives Lesen", bei dem man unterstreicht, highlightet, Randbemerkungen macht und ähnliches, benutze ich inzwischen den iPad; dort gibt es Apps, mit denen das sehr schön geht.

Das einzige was mir fehlen würde beim Tolino ist die Lexikonfunktion. Bei fremdsprachigen Büchern, die ich auf dem Kindle lese, schlage ich dort viel nach.

Soweit meine Erfahrungen.

Afrikaner

24.04.2013, 14:24 Uhr

Ich habe mich aufgrund der eingeschränkten Formate gegen einen Amazon (zahlt übrigens Steuern in Luxemburg) e-reader entschieden, und nutze seit fast einem Monat den Tolino. Nach dem (hoffentlich bald folgendem) Software Update dürften auch die etwas behäbigen Reaktionszeiten der Vergangenheit angehören.
Ich nutze den Tolino zum Lesen. Für alles andere gibt es Smartphones, Pads etc.

bibliotox

24.04.2013, 15:11 Uhr

Textstellen markieren und Anmerkungen machen ... ist nice to have ... besonders beim Lesen von Belletristik ... Krimis und Herzschmerzschwarten als Ebook total überflüssig. Das ist bei Sachbüchern sicher ganz anders ... aber wer liest bitte sein Ebook über Photoshop in einem Ebookreader? Ich sehe genug Leute in unserer Stadtbibliothek, die sich ständig im Irrgarten überdimensionierter Menüfelder verlaufen ... also weniger ist manchmal mehr. Ach ja ... Amazon hat ein tolles Ebookangebot und tolle Geräte ... aber man geht einen Bund fürs Leben ein und das mag ich nicht.

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