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22.01.2015

16:50 Uhr

Management der Zukunft

Warum es auch 2050 keine Gleichberechtigung gibt

VonDana Heide

Frauen in der Chefetage sind eine Seltenheit. Das wird auch 2050 noch so sein. Handelsblatt Online wagt in einer Serie einen Blick in die Zukunft – und verändert sich selbst: Am 28. Januar kommt das neue Design.

DüsseldorfZu Ruhm haben es in der Zentrale der Commerzbank ausgerechnet die Toiletten geschafft. Denn am Pissoir auf der Vorstandsetage kann man über ganz Frankfurt schauen, den Männern liegt die Stadt zu Füßen. Gleich nebenan ist die Frauentoilette – grau-weiße kleine Ställchen, stellen Sie sich eine Bahnhofstoilette in sauber vor, keine Fenster, keine Aussicht.

So sahen die stillen Örtchen der Vorstandsetage vor vier Jahren aus. Dieser enorme Unterschied sollte dem Konzern eigentlich schon damals peinlich gewesen sein. Doch bis heute ist niemand da, der sich wirksam darüber aufregen könnte. In der fast 150-jährigen Geschichte gab es auf Vorstandsebene nicht eine einzige Frau. Nicht eine.

Bekanntermaßen ist die Commerzbank damit nicht allein. Dass sich dieses Verhältnis in den nächsten 35 Jahren gravierend ändern wird, ist zu bezweifeln. Viel zu viele Punkte sprechen dagegen. Ganz profan zeigt ein Rechenspiel, wie es in Sachen Gleichberechtigung in Deutschland im Jahr 2050 aussehen könnte.

Heidelberg-Cement etwa steigerte den Anteil von Frauen in Führungspositionen zwischen 2010 und 2013 um 0,2 Prozentpunkte von 6,8 Prozent auf sieben Prozent. Würde der Konzern in diesem Tempo weitermachen, wäre er im Jahr 2050 bei rund zehn Prozent Frauenanteil in Führungspositionen.

Frauenquote in anderen Ländern

Frankreich

In Frankreich sollen bis 2017 mindestens 40 Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich sein. In einem ersten Schritt soll die Frauenquote bis 2014 auf 20 Prozent angehoben werden. Die Vorschrift gilt für börsennotierte Unternehmen sowie alle Firmen mit mehr als 500 Beschäftigten oder mehr als 50 Millionen Euro Umsatz. Auch im Staatsdienst hat Frankreich eine Frauenquote eingeführt, mit der bis 2018 ein Anteil von 40 Prozent Frauen in Spitzenpositionen erreicht werden soll.

Spanien

In Spanien wurde 2007 eine gesetzliche Quote verabschiedet. Sie verpflichtet Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten dazu, bis 2015 einen Frauenanteil in der Chefetage von 40 Prozent zu erreichen. Dieses Minimum gilt demnach auch für Männer, so dass mehr als 60 Prozent Frauen nicht möglich wären. Spanien fördert das Modell, indem Firmen bei öffentlichen Aufträgen der Vorzug gegeben wird, die die Quote erfüllen.

Belgien

Belgien hat im Sommer 2011 eine Quote festgeschrieben. Sie sieht einen Anteil von jeweils mindestens einem Drittel Frauen und Männern in Führungsgremien von börsennotierten und staatlich kontrollierten Unternehmen vor. Für erstere sind laut Brüssel Sanktionen vorgesehen. Danach wäre jede Neubesetzung eines Postens automatisch nichtig, falls ein Unternehmen die Quote verletzt.

Niederlande

Im Mai 2011 wurde von den niederländischen Nachbarn ein Gesetz verabschiedet, das ab 2016 mindestens 30 Prozent Frauen und Männer in Vorständen vorsieht. Es bezieht sich auf börsennotierte Firmen sowie sonstige Unternehmen, wenn diese mindestens 250 Mitarbeiter beschäftigen.

Italien

Italien führte im Sommer 2011 eine Quote ein, die für börsennotierte sowie vom Staat kontrollierten Unternehmen gilt. Ab 2015 müssen demnach beide Geschlechter je mindestens ein Drittel der Vorstände stellen. Unternehmen, die sich nicht an die Vorgaben halten, drohen Sanktionen.

Norwegen

Das Nicht-EU-Land Norwegen gilt in Europa bei Frauenquoten als Vorreiter. Nach verschiedenen Gesetzen, die bis ins Jahr 2003 zurückreichen, müssen die Vorstände staatlicher und großer börsennotierter Konzerne zu rund 40 Prozent mit Frauen besetzt sein. Allerdings sind nicht an der Börse notierte Unternehmen davon befreit, obwohl sie die Mehrheit der norwegischen Firmen ausmachen.

Island

Der EU-Anwärter hat 2010 ein Quoten-Gesetz erlassen. Es sah vor, dass bis September 2013 jedes Geschlecht mit mindestens 40 Prozent in den Vorständen bestimmter Unternehmen vertreten ist, wobei hier wie in anderen Ländern Schwellen bei der Mitarbeiterzahl gelten.

Nach derselben Rechnung hätte Thyssen-Krupp 2050 einen Frauenanteil, der leicht über zehn Prozent liegen würde. Volkswagen käme immerhin auf rund 26 Prozent. Das alles allerdings wohlgemerkt im Jahr 2050, 132 Jahre, nachdem das Frauenwahlrecht eingeführt wurde und mehr als 100 Jahre, nachdem das Grundgesetz Frauen Gleichberechtigung garantieren sollte.

Insgesamt waren Ende des vergangenen Jahres lediglich 5,4 Prozent der Vorstandsmitglieder in Deutschland weiblich, zeigt eine aktuelle Studie des DIW. In den MDax-Unternehmen sank die Zahl der Frauen in den Vorständen sogar – von 3,8 auf 2,7 Prozent. In den Unternehmen des TecDax reduzierte sich ihre Zahl im selben Zeitraum um drei Prozentpunkte auf 5,4 Prozent.

Die Vorstände „bleiben männliche Monokulturen, trotz der Selbstverpflichtung zu mehr Frauen in Führungspositionen, die die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft im Jahr 2001 eingegangen sind“, sagte Studienautorin Elke Holst. 56 Jahre würde es nach den Berechnungen des DIW dauern, bis in den Vorständen der Firmen zumindest genauso viele Frauen wie Männer tätig sind.

Gleichberechtigung im Jahr 2050 - Fehlanzeige. Dass in den Führungsetagen auch 2050 Jahre nach Christi Geburt die entscheidenden Stellen überwiegend mit Männern besetzt sein werden, dafür sprechen fünf Punkte.

Kommentare (2)

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Herr walter danielis

22.01.2015, 19:11 Uhr

Wirklich gleichberechtigt sind die Frauen erst, wenn es auf der Damentoilette auch ein Pisoir gibt.

Herr John Smith

23.01.2015, 10:49 Uhr

Warum keine Gleichberechtigung im Bergbau? Oder in der Abfallwirtschaft? Kanalreinigung ? Alles um die 90% Männeranteil.Als ich bei Mercedes im Rohbau vorbeigeschaut habe, hatte sich keine Frau beschwert, dass Ihre Teile für die Magazine der Anlagen ca. 5-10 mal leichter sind als die der Männer. Ist das ein Grund für den Mann, sich nun auch zu beschweren ? Das man lieber in der Chefetage sitzt und einen Haufen Kohle verdient ist mir auch klar. Ich wäre allerdings für "Gas bei der Arbeit geben", anstatt jedes mal dieses Thema auszulutschen und rumzuheulen. Gewisse männliche Ausländer mit bestimmten Religionen haben zu 100% ebenfalls einen Nachteil bei der Jobsuche, hiervon lese ich jedoch nichts (habe eine Chefin, ich darf das sagen ;) ).

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