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15.10.2014

10:33 Uhr

Panasonic HGS10 im Test

"Mit Kopfhörern in den Tod gejoggt?"

VonCarina Kontio

Musik hören und trotzdem etwas von der Umwelt mitbekommen: Das verspricht Panasonic mit dem Kopfhörer HGS10. Der leitet den Schall über die Knochen ins Ohr. Doch im Test zeigt die Konstruktion einen großen Nachteil.

Störendes Rauschen: Der Panasonic-Kopfhörer leitet die Musik über die Knochen zum Ohr – doch der Gegenwind verschlechtert den Klang. Carina Kontio

Störendes Rauschen: Der Panasonic-Kopfhörer leitet die Musik über die Knochen zum Ohr – doch der Gegenwind verschlechtert den Klang.

DüsseldorfDie traurigen Schlagzeilen sind immer wieder zu lesen: „Kopfhörer verursachen Tod eines Radfahrers“, „Mit Kopfhörern in den Tod gejoggt?“, „Unfallopfer hatte Kopfhörer auf“ oder „Verstöpselt in den Tod spaziert“. Wer nichts mitbekommt, lebt im Straßenverkehr gefährlich.

Dabei könnten Schicksale wie diese vermieden werden – zum Beispiel mit dem HGS10 von Panasonic: Die Kopfhörer transportieren die Musik über die Wangenknochen und am Mittelohr vorbei zum Innenohr. Möglich macht das die so genannte „Bone-Conduction-Technology“, die laut Hersteller auch von militärischen Spezialeinheiten genutzt wird. Die Ohren bleiben also dank Knochenschall frei; nichts steckt mehr im, am oder auf dem Ohr und jeder kann während der Radfahrt oder des Trainings seine Musik hören, ohne gleichzeitig von der Außenwelt entkoppelt zu sein.

Das ist zweifellos gut gemeint. Wer könnte, wenn es um die Sicherheit im Straßenverkehr geht, ernsthaft Einwände erheben? Doch dem motivationsbedürftigen Sportler wird dieser Conduction-Kopfhörer nicht viel helfen. Wer Beats mit Bumms und Wumms zum Training braucht, um seinen Schweinehund in die Flucht zu schlagen, ist hier genau falsch. Auch wenn der Bügel-Kopfhörer gut und fest sitzt und sogar im Dunkeln reflektiert: Musikalischer Genuss geht anders, denn Bässe sind Mangelware. Schließlich können unsere Knochen tiefere Frequenzen nicht so gut weiterleiten.

Panasonic HGS10 in aller Kürze

Was ist in der Verpackung?

Der Kopfhörer, verpackt in weißes Vlies, und eine kurze Bedienungsanleitung.

Was sagt die Werbung?

„Bringt die Musik über den Knochen ins Ohr.“ Und: „Der perfekte Sport- und Outdoor Begleiter.“

Was kostet es?

Der Hersteller empfiehlt einen Preis von 69,99 Euro, bei Amazon wird das Gerät für weniger als 50 Euro angeboten.

Was ist gelungen?

Der Kopfhörer sitzt gut, wackelt nicht, kann bei Regen getragen werden und reflektiert im Dunkeln.

Was ist nicht so gelungen?

Die maximale Lautstärke ist voreingestellt und fürs Radfahren und Joggen zu leise. Sitzt man damit in Bus oder Bahn, dringen Geräusche nach außen, so dass der Sitznachbar immer ein bisschen mithört.

Ist das Produkt empfehlenswert?

Für ein intensives und schnelles Lauf- oder Radtraining mit lautem Fahrtwind ist der Panasonic-Kopfhörer unbrauchbar. Als Alternative zur Freisprecheinrichtung im Auto taugt er aber.

Außerdem ist die maximale Lautstärke am angeschlossenen Smartphone (oder mit was auch immer man den HGS10 verbindet) voreingestellt. Damit muss man zwar immerhin keinen Gehörschaden befürchten, aber ich habe es gerne einen Tick lauter – Gimme, gimme, gimme that beat. Leider wird auch noch ein Teil des Sounds nach außen abgestrahlt, was die Kopfhörer für Fahrten in Bus und Bahn eigentlich zu einem Tabu macht, denn die Sitznachbarn hören immer ein bisschen mit. Extrem hoher Nervfaktor für unsere Mitmenschen.

Dass Panasonic keine Transporttasche liefert und der HGS10 auch sonst keine Annehmlichkeiten wie Lautstärkeregler am Kabel, Anrufannahmeknöpfe oder ein Mikrofon zum Telefonieren bieten kann, lässt sich bei einem empfohlenen Preis von rund 70 Euro gerade noch verschmerzen. Wer ein paar Euro mehr in die Hand nehmen will, wird da aber schnell bei anderen Firmen wie dem amerikanischen Hersteller Aftershokz fündig, der sogar schon ein Knochenschall-Modell mit Bluetooth im Angebot hat.

Was das ganze Konzept aber völlig ins Wanken bringt, ist die Aerodynamik: Da hat man dann also irgendeinen hämmernden Motivationsrock auf den Wangenknochen, aber störenden Fahrtwind im Ohr. Und je flotter wir Rad fahren oder joggen, desto schneller prallen wir mit irgendwelchen Luftmolekülen zusammen und desto lauter wird es. Kurz: für ein intensives und schnelles Lauf- oder Radtraining ist der Panasonic-Kopfhörer vollkommen unbrauchbar.

Fazit: Für den Sport ungeeignet

Es gibt Menschen und Einsatzgebiete, die von der Technologie profitieren können. Man denke nur an Hörgeschädigte oder Blinde, die mit freien Ohren ihrer akustischen Fußgängernavigation zuhören wollen. Und auch im Großraumbüro und zu Hause in der Wohnung kann man gut mit Kopfhörer rumlaufen und seine Musik hören, ohne andere wichtige Geräusche wie Telefon, Türklingeln, „Mittagspause“-Rufe oder den üblichen Flurfunk zu überhören. Denkbar ist der Knochenschall-Kopfhörer auch als Alternative zur Freisprecheinrichtung im Auto.

Aber was Sport im Straßenverkehr anbelangt, bringt ein billiger Rückspiegel am Fahrrad deutlich mehr Sicherheit. Und wer beim Joggen seine Dopamin- und Endorphin-Produktion mit Musik anregen möchte, sollte nicht in den Flow abdriften, sondern voll aufmerksam sein und sich nicht von den Stöpseln im Ohr ablenken lassen. Zum eigenen Schutz, aber auch zum Schutz seiner Mitmenschen.

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