Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.04.2014

07:05 Uhr

Verkaufsaktion für Cyberbrille Glass

Googles Resterampe

VonAxel Postinett

Von wegen einmalige Gelegenheit: Google startet eine Verkaufsaktion für seine Datenbrille Google Glass. In Wirklichkeit ist es nicht mehr als die Verramschung eines bald veralteten Produktes. Eine Abrechnung.

Mit den Augen steuerbar

Google-Brille im Test

Mit den Augen steuerbar: Google-Brille im Test

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

New YorkSeit Google die Entscheidung verkündet hat, seine Datenbrille Google Glass an diesem Dienstag ab 9 Uhr New Yorker Zeit für einen Tag in den freien Verkauf zu geben, steht nur eine Frage im Raum: Was soll das?

Auf jeden Fall bringt es Aufmerksamkeit. Der Hype um das Gerät ist seit dem Erscheinen der ersten Testmodelle 2012 ziemlich abgeflaut. Noch immer beherrscht die Brille nicht mehr, als jedes Smartphone auch kann: Richtungen oder E-Mails anzeigen, Bilder und Videos, aufnehmen oder dem Träger Kauftipps aufdrängen.

Muss man dafür jetzt 1500 Dollar aus dem Sparschwein der Kinder für das College greifen, um diese einmalige Gelegenheit zu nutzen? Sogar im Silicon Valley sieht man kaum noch Brillenträger von Google herumrennen.

Journalistenkollegen, die ich kenne, ziehen ihre Brille auf, wenn sie das Gebäude mit der Pressekonferenz betreten und nehmen sie wieder ab, wenn sie rausgehen. Warum? „Soll ich sie mir klauen lassen?“, ist oft die Antwort. Denn man kann sie nirgendwo tragen, ohne potenziell Ärger zu bekommen. Weder im Restaurant, noch im Konzert oder Kino. In der U-Bahn sind die Chancen, dass sie einem vom Kopf gerissen wird, so groß wie auf den Straßen von San Francisco und New York.

Apropos San Francisco: Hier ist Google Glass in Zeiten, in denen die Mieten wegen gut zahlender High-Tech-Arbeiter explodieren, gelebter Klassenkampf. Wer sie trägt, gibt nicht nur zum Ausdruck, dass er mal eben 1500 Dollar Spielgeld rumfliegen hat. Glass sondert trennt einen auch von der Masse. Das Schlimmste wäre in SF derzeit wohl, mit Glass auf der Nase morgens an der Haltestelle auf den klimatisierten Luxusbus zu warten, der einen zur Arbeit ins Google Hauptquartier fährt. Viel Spaß!

Google Glass

Prestigeprojekt des Gründers

Die Datenbrille ist für den Internet-Konzern ein Prestigeprojekt – Mitgründer Sergey Brin kümmert sich darum persönlich. Seine Vision: Mithilfe des kleinen Bildschirms soll das Internet noch nahtloser in den Alltag integriert werden, etwa indem dort Informationen wie Wegbeschreibungen, E-Mails oder das Wetter eingeblendet werden.

Erste Geräte für Tester

Google Glass war anfangs noch nicht reif für den Massenmarkt, Google versorgte einige Tausend Testnutzer mit Brillen. Sie mussten 1500 Dollar plus Steuern zahlen. Im April will der Konzern das Gerät in den freien Verkauf geben, allerdings nur in den USA und in begrenzter Stückzahl.

Olympus arbeitet an Datenbrille

Auch andere Unternehmen arbeiten an einer Datenbrille, etwa Olympus und Epson. Allerdings richten sich die Konkurrenzmodelle nicht unbedingt an Privatnutzer, sondern eher an Unternehmen, die eines Tages etwa Lagerarbeiter damit ausstatten könnten.

Andere tragbare Computer

Andere Anbieter arbeiten ebenfalls an tragbaren Geräten, die sich mit dem Computer verbinden können. So haben diverse Unternehmen, darunter Samsung, Sony und das Start-up Pebble, Smartwatch-Modelle im Angebot, die Nachrichten auf einem kleinen Monitor am Handgelenk anzeigen und ermöglichen, auf Anrufe zu reagieren.

Zukunftssicher? Das heutige Modell ist kein Serienmodell, und Hersteller von Luxusbrillen, mit denen Google kooperiert, haben für 2015 schon modischere Modelle angekündigt. Gestelle von Oakley oder Ray-Ban werden dann wahrscheinlich nicht nur besser aussehen, sondern auch noch deutlich billiger sein. Damit sie den Massenmarkt durchdringen, dürfen sie höchstens ein paar Hundert Dollar kosten. Auf jeden Fall will das aktuelle System dann keiner mehr haben. Wiederverkaufswert? Fraglich. Schon heute werden gebrauchtet Geräte auf eBay um 1200 bis 1300 Dollar angeboten. Warum dann jetzt noch für 1500 Dollar kaufen?

Die Apps. Google verkauft seine Brille bisher nur auf Einladung, weil sie weit davon entfernt ist, ein fertiges Produkt zu sein. Das hat Gründe. Wer nicht zur Entwicklergemeinde gehört, der will Apps einfach herunterladen – und sie sollten möglichst funktionieren. Das geringe Angebot ist aber, verständlicherweise, noch in einem sehr frühen Stadium. Am Dienstag werden viele Käufer dazukommen, die es am Mittwoch bereuen werden.

Der 24-Stunden-Zwang. Das letzte Mal, als mich jemand dermaßen unter Zeitdruck setzen wollte, blind und sofort („einmalige Gelegenheit“) ein Produkt zu kaufen, ging es um eine Timesharing-Immobilie in der Karibik. Ich bin heute noch froh, dass ich es nicht gemacht habe. Gibt es einen älteren Trick, um Handlungsbedarf vorzutäuschen, der tatsächlich nicht existiert? Ach ja, gibt es: Glass gibt es am Dienstag nur in nicht näher spezifizierter „limitierter Menge“. Also besser beeilen ...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×