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13.10.2014

14:58 Uhr

Halbleiterindustrie

Wenn sich Autos unterhalten

VonJoachim Hofer

„Vorsicht, Glatteis auf der Brücke!“ Oder: „Achtung, Stau an der Kreuzung am Marktplatz.“ So könnte es bald im Cockpit tönen, wenn Autos miteinander reden. Das brächte zusätzliche Aufträge für Chiphersteller.

Unersetzlich für fast alle elektronischen Geräte: Ein Chip ap

Unersetzlich für fast alle elektronischen Geräte: Ein Chip

Das sind gute Aussichten für die Menschen hinterm Lenkrad, vor allem aber für die Halbleiterindustrie. Denn die bekommt immer mehr Aufträge von den Autoherstellern.

So wie der Chipproduzent NXP. Gerade haben die Niederländer einen wegweisenden Vertrag mit Delphi unterschrieben, einem der größten Autozulieferer der Welt. Der US-Konzern kauft bei der ehemaligen Philips-Tochter Halbleiter ein, mit denen Fahrzeuge einerseits untereinander sprechen können. Andererseits sind sie bald in der Lage, sich mit Ampeln, Geschwindigkeitsanzeigen oder sogar Baustellen auszutauschen. So könnten Pendler beispielsweise frühzeitig und automatisch darauf hingewiesen werden, dass ihr üblicher Weg zur Arbeit heute wegen eines Wasserrohrbruchs gesperrt ist.

"Für uns ist das ein zusätzliches Geschäft", meint Kurt Sievers, Chef der Autosparte von NXP. "Das wird 2016 starten und sich dann bis 2020 sprunghaft entwickeln." Sievers zufolge ist es das erste Mal, dass Chips für das vernetzte Auto in die Massenproduktion gehen. Erster Kunde von Delphi ist General Motors. Alle Modelle der Konzernmarke Cadillac werden ab 2017 damit ausgestattet.

Industrie 4.0

Die vierte industrielle Revolution

So mancher sieht die Vernetzung der Fabrik als vierte industrielle Revolution – nach der Mechanisierung mit Wasserkraft und Dampfmaschinen, arbeitsteiliger Massenproduktion auf Fließbändern und Einführung von Elektronik und IT.

Unterschiedliche Begriffe

Für die Vernetzung der Produktionsanlagen wird häufig der Begriff Industrie 4.0 verwendet – die Hannover Messe machte den Begriff vor einigen Jahren populär. Fachleute sprechen auch von cyberphysischen Systemen, in denen also physische und virtuelle Welt sich vermischen. Wenn Gegenstände vernetzt werden, ist auch vom Internet der Dinge die Rede – das gilt nicht nur für Fabriken, sondern auch für Autos oder Häuser.

Industrie kauft immer mehr IT

Weil industrielle Fertigung und IT immer stärker zusammenwachsen, wird die Industrie zu einem wichtigen Kunden für die IT-Branche: Sie trägt inzwischen rund ein Fünftel zum Umsatz bei, wie der Branchenverband Bitkom mitteilt. Da verwundert es nicht, dass die Organisation auf der Industriemesse präsent ist.

Gefördert von der Bundesregierung

Auch die Politik bemisst dem Thema große Bedeutung bei, die Bundesregierung betrachtet Industrie 4.0 in seiner Hightech-Strategie als „Zukunftsprojekt“. Gut für Wirtschaft und Wissenschaft: Das beinhaltet ein Fördervolumen von 200 Millionen Euro.

Viele offene Fragen

Der Durchbruch der Industrie-4.0-Technologie steht indes noch aus. Nicht zuletzt, weil viele Fragen offen sind. Welche Standards gelten? Welche Kommunikationsnetze werden dafür benötigt? Wie ist es um die Sicherheit der Anlagen bestellt?

Das sind auch für Deutschland gute Nachrichten. NXP kommt zwar aus dem niederländischen Eindhoven - doch von dem Auftrag profitiert vor allem der Standort Hamburg, von dem aus Manager Sievers die Autodivision führt.

Wie schnell sich das Geschäft entwickelt, hängt nicht nur von den Autoherstellern ab. Einen Schub geben könnte eine Behörde aus Washington, die National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA). Die Bürokraten prüfen, ob künftig alle Autos mit solchen Chips ausgestattet werden müssen. Für NXP oder den Münchener Wettbewerber Infineon wäre das wie ein Sechser im Lotto. "Bislang war es unser Ziel, dass Menschen einen Crash überleben", sagt der US-Verkehrsminister Anthony Foxx. "Mit der neuen Technik können wir Unfälle nun vermeiden und ganz nebenbei Geld und Benzin sparen."

Schon einmal haben die Amerikaner den Chipfirmen Freude gemacht: Vor zehn Jahren schrieben sie fest, dass ein System den Reifendruck in jedem Auto kontrollieren muss. Der Absatz für Sensorhersteller ist seither garantiert. Kein Wunder, dass die Autosparten gut laufen: Bei NXP sprang der Umsatz im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 14 Prozent, bei Infineon ging es elf Prozent nach oben.

Für Manager Sievers ist das sprechende Auto nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zum autonomen Fahren. Dafür, so sein Kalkül, brauchen die Automarken noch viel, viel mehr Chips.

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