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16.09.2014

09:39 Uhr

IFA & Cebit

Kein Platz für zwei: Wenn IT und Industrie verschmelzen

VonJens Koenen

Die IFA in Berlin sieht in diesem Jahr ihre Rolle als weltweit bedeutende Messe für Unterhaltungs- und Hauselektronik gestärkt, während die Cebit in Hannover seit Jahren schrumpft. Ist die IFA also die bessere Cebit?

Die IFA hat zum Abschluss ein positives Fazit gezogen. An den sechs Messetagen habe der Handel Bestellungen von rund 4,25 Milliarden Euro vereinbart. dpa

Die IFA hat zum Abschluss ein positives Fazit gezogen. An den sechs Messetagen habe der Handel Bestellungen von rund 4,25 Milliarden Euro vereinbart.

FrankfurtDer Markt hat immer recht, so heißt es. Geht es nach dieser Weisheit, sieht es für die Computermesse Cebit in Hannover nicht sonderlich gut aus. Während sie seit Jahren schrumpft, wächst die Bedeutung der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Ist die IFA also die bessere Cebit, vielleicht sogar die einzige Cebit der Zukunft?

Die Frage ist nicht ganz trivial. Tatsächlich spüren beide Messen seit längerem die Macht des Marktes. Die eingangs erwähnte Weisheit wirkt hier also durchaus. Beide Messen erleben die Folgen der gewaltigen Verschiebung, die die Informationstechnologie derzeit durchmacht. IT steht nicht mehr für sich selbst, IT wird zu einem elementaren Teil anderer Branchen und Industrien. Wir kennen die Stichworte „Internet der Dinge“, „Industrie 4.0“ oder „Vernetztes Heim“ zur Genüge.

Die Leidtragende ist in erster Linie die Cebit. Sie wurde einst just mit der Begründung aus der Industriemesse in Hannover ausgegliedert, sie repräsentiere eine zunehmend eigenständige Branche. Viele Jahre stimmte das auch. Doch mittlerweile ist diese Begründung dahin.

Industrie 4.0

Die vierte industrielle Revolution

So mancher sieht die Vernetzung der Fabrik als vierte industrielle Revolution – nach der Mechanisierung mit Wasserkraft und Dampfmaschinen, arbeitsteiliger Massenproduktion auf Fließbändern und Einführung von Elektronik und IT.

Unterschiedliche Begriffe

Für die Vernetzung der Produktionsanlagen wird häufig der Begriff Industrie 4.0 verwendet – die Hannover Messe machte den Begriff vor einigen Jahren populär. Fachleute sprechen auch von cyberphysischen Systemen, in denen also physische und virtuelle Welt sich vermischen. Wenn Gegenstände vernetzt werden, ist auch vom Internet der Dinge die Rede – das gilt nicht nur für Fabriken, sondern auch für Autos oder Häuser.

Industrie kauft immer mehr IT

Weil industrielle Fertigung und IT immer stärker zusammenwachsen, wird die Industrie zu einem wichtigen Kunden für die IT-Branche: Sie trägt inzwischen rund ein Fünftel zum Umsatz bei, wie der Branchenverband Bitkom mitteilt. Da verwundert es nicht, dass die Organisation auf der Industriemesse präsent ist.

Gefördert von der Bundesregierung

Auch die Politik bemisst dem Thema große Bedeutung bei, die Bundesregierung betrachtet Industrie 4.0 in seiner Hightech-Strategie als „Zukunftsprojekt“. Gut für Wirtschaft und Wissenschaft: Das beinhaltet ein Fördervolumen von 200 Millionen Euro.

Viele offene Fragen

Der Durchbruch der Industrie-4.0-Technologie steht indes noch aus. Nicht zuletzt, weil viele Fragen offen sind. Welche Standards gelten? Welche Kommunikationsnetze werden dafür benötigt? Wie ist es um die Sicherheit der Anlagen bestellt?

Profiteure der Entwicklung sind wiederum Messen wie die IFA. Auch sie wurde vor Jahren bereits einmal totgesagt, weil die gezeigten Produkte - seien es Fernseher oder Waschmaschinen - zur langweiligen Massenware verkamen. Doch die Vernetzung macht genau diese Alltagsgegenstände nun plötzlich attraktiv. Und nicht nur das: Sie machen Informationstechnologie für den Besucher greifbar, persönlich erlebbar.

Alles halb so schlimm, könnte man nun meinen. Soll sich doch die IFA um die Konsumenten kümmern und die Cebit um die Profinutzer in den Unternehmen. Inhaltlich würde das perfekt zu den Wurzeln der beiden Veranstaltungen passen. Wäre da nicht ein ziemlich großes Problem.

Beide Seiten, die der Privat- und die der Profinutzer, verschmelzen. Hersteller von medizinischen Produkten etwa wie Philips, General Electric oder Siemens lieferten ihre medizinischen Geräte bislang an Kliniken und Ärzte. Nun können und werden sie mit Hilfe der Vernetzung ihrer Geräte ganz neue Geschäftsmodelle für die Patienten entwickeln. Autohersteller, die den Kontakt zum Kunden bislang über die Händler hielten, rücken über die Vernetzung ihrer Autos plötzlich ganz nah an die Käufer.

Wo also sollen die Unternehmen ihre Neuheiten künftig zeigen? Auf der IFA, auf der Cebit oder vielleicht doch eher auf der brancheneigenen Messe wie einer Automobilausstellung IAA oder einer Industriemesse in Hannover? Auch dort ist die Digitalisierung natürlich eines der treibenden Themen.

Es hilft alles nichts: Früher oder später werden sich die Cebit und die IFA die Frage stellen müssen, ob in Deutschland wirklich Platz für zwei große Messen ist, deren Kern Informationstechnologie ist. Die Antwort müsste lauten: Nein.

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