Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.05.2015

10:30 Uhr

Industrie 4.0

Die Angst des Mittelstands vor der Digitalisierung

VonKatrin Terpitz

Deutsche Mittelständler schauen der digitalen Revolution bisher meist tatenlos zu. Dabei bedrohen innovative Wettbewerber das Geschäftsmodell von immer mehr Firmen. Was machen diese Vorreiter anders?

Für immer mehr Firmen wie hier bei Bosch wird die digitale Vernetzung zum Alltag. dpa

Tablet in der Werkshalle

Für immer mehr Firmen wie hier bei Bosch wird die digitale Vernetzung zum Alltag.

DüsseldorfFrüher haben sie in der Werkstatt Auftragszettel aus einem Setzkasten geholt, um den aktuellen Produktionsplan zu erfahren. Heute fotografieren die Mitarbeiter des baden-württembergischen Antriebsspezialisten Wittenstein mit einem Tablet-Computer ihre Maschinen Auf denen prangt ein QR-Code, der alle Informationen an ihr Tablet sendet. Das vermeidet Fehler und steigert die Effizienz. Durch digitale Planung kommt das Material genau zu den Maschinen, die Nachschub brauchen. Der zuständige Kollege muss so nur noch halb so oft fahren wie bisher.

Die digitale Werkstatt steht für etwas, das derzeit in aller Munde ist: Industrie 4.0, die vierte industrielle Revolution. Die Firma Wittenstein ist einer der digitalen Pioniere im deutschen Mittelstand. Jedes sechste mittelständische Unternehmen hierzulande zählt zu diesen digitalen Vorreitern. Das ist Ergebnis der aktuellen Mittelstandsstudie der Commerzbank. Quer durch alle Branchen wurden Top-Entscheider aus 4000 mittelständischen Unternehmen zum Thema Digitalisierung befragt.

Die digitalen Innovatoren vernetzen ihre Wertschöpfungskette (81 Prozent), optimieren die Administration (76 Prozent), erneuern Produktionsformen (69 Prozent) und Geschäftsmodelle (63 Prozent). „Diese Vorreiter gibt es in allen Branchen ¬- unabhängig von der Unternehmensgröße oder dem Alter der Manager“, erklärt Markus Beumer, Vorstand der Commerzbank und verantwortlich für das Mittelstandsgeschäft.

Die Mehrheit der Unternehmen (86 Prozent) hat die Chancen der Digitalisierung für den Industriestandort Deutschland zwar erkannt, verhält sich aber eher abwartend: 63 Prozent der Befragten räumen selbstkritisch ein, dass der Mittelstand das Thema derzeit eher noch vernachlässige. Dabei bewegen sich zwei Drittel der Firmen nach eigenem Bekunden in Märkten, die gekennzeichnet sind durch starken Verdrängungswettbewerb und immer kürzere Produkt- und Innovationszyklen.

Trotzdem handeln die meisten Firmen derzeit eher defensiv als visionär. Den Fachkräftemangel (63 Prozent) und Kostenreduktion (43 Prozent) betrachten sie als wichtigste Herausforderungen der nächsten fünf Jahre. Innovationen (37 Prozent) und neue Vertriebswege (32 Prozent) stehen dagegen weniger im Fokus.

Das kann gefährlich werden. Schließlich berichtet jede dritte Firma, dass sich Schlüsseltechnologien in ihrer Branche im Umbruch befinden. Bei jedem vierten Mittelständler bedroht die Digitalisierung bereits bewährte Geschäftsmodelle. Neue innovative Nischenanbieter als Wettbewerber beobachten immerhin 28 Prozent der Unternehmen. Bei 22 Prozent der Firmen drängen zudem starke branchenfremde Wettbewerber in den Markt, vor allem im Handel.

Industrie 4.0

Die vierte industrielle Revolution

So mancher sieht die Vernetzung der Fabrik als vierte industrielle Revolution – nach der Mechanisierung mit Wasserkraft und Dampfmaschinen, arbeitsteiliger Massenproduktion auf Fließbändern und Einführung von Elektronik und IT.

Unterschiedliche Begriffe

Für die Vernetzung der Produktionsanlagen wird häufig der Begriff Industrie 4.0 verwendet – die Hannover Messe machte den Begriff vor einigen Jahren populär. Fachleute sprechen auch von cyberphysischen Systemen, in denen also physische und virtuelle Welt sich vermischen. Wenn Gegenstände vernetzt werden, ist auch vom Internet der Dinge die Rede – das gilt nicht nur für Fabriken, sondern auch für Autos oder Häuser.

Industrie kauft immer mehr IT

Weil industrielle Fertigung und IT immer stärker zusammenwachsen, wird die Industrie zu einem wichtigen Kunden für die IT-Branche: Sie trägt inzwischen rund ein Fünftel zum Umsatz bei, wie der Branchenverband Bitkom mitteilt. Da verwundert es nicht, dass die Organisation auf der Industriemesse präsent ist.

Gefördert von der Bundesregierung

Auch die Politik bemisst dem Thema große Bedeutung bei, die Bundesregierung betrachtet Industrie 4.0 in seiner Hightech-Strategie als „Zukunftsprojekt“. Gut für Wirtschaft und Wissenschaft: Das beinhaltet ein Fördervolumen von 200 Millionen Euro.

Viele offene Fragen

Der Durchbruch der Industrie-4.0-Technologie steht indes noch aus. Nicht zuletzt, weil viele Fragen offen sind. Welche Standards gelten? Welche Kommunikationsnetze werden dafür benötigt? Wie ist es um die Sicherheit der Anlagen bestellt?

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

12.05.2015, 10:41 Uhr

Digitalisierung heißt Überwachung und jeder Unternehmer ist gut beraten sich zu überlegen, wie weit er sich öffnen möchte....In einer Digitalisierten Welt = gläseneren Welt steckt auch sehr viel Risiko ausspioniert und sabutiert zu werden. Und nicht jeder will dieses Risiko tauschen. Vor allen auch nicht den Tausch von einer unabhängigen und selbstbestimmten Unternehmensführung zu einer überwachten und ferngesteuerten Unternehmensführung hin.

Herr Udo Schäfer

12.05.2015, 12:22 Uhr

Die deutsche Politik tut sehr wenig für eine sichere digitale Revolution.
So könnte die deutsche Politik die Entwicklung von Linux als Basisbaustein einer deutschen IT-Strategie vorantreiben. China geht da energisch voran. Die Chinesen wollen sich eben nicht ausspionieren lassen. Aber vielleicht dürfen wir als Deutsche keine solch unkeuschen Gedanken gegenüber unseren angelsächsischen Verbündeten haben. Die Gefahr ist auch, dass China durch seine vielen Anwender einen realen Vorsprung bei Linux erreichen kann und diesen Vorteil für die eigene Spionage nutzen wird. Wenn die Angelsächsische Allianz der Five Eyes keine wirklich sichere Verschlüsselung in der Praxis bei uns erlauben wird, dann können wir einen wertschöpfenden deutschen Beitrag zu Industrie 4.0 vergessen.
Wir brauchen eine echte deutsche Souveränität, um eine sichere Verschlüsselung auf deutschem Boden gegen unsere angelsächsischen Partner durchzusetzen, um überhaupt bei Industrie 4.0 mit IT-Leistungen etwas verdienen zu können.

Herr Roy Schmitt

13.05.2015, 16:48 Uhr

Viele Unternehmen wissen wahrscheinlich nicht, was alles durch Industrie 4.0 möglich ist und wer Ihnen da helfen kann. Im Artikel wurden ja schon viele interessante Beispiele genannt.

Ich habe mir letzte Woche einmal das White-Paper von www.m2m-nutzen.de angeschaut, in dem noch einige mehr Studienergebnisse stehen und weitere Beispiele. Vielleicht ist das ja für den ein oder anderen interessant.

Grüße Roy

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×