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28.04.2015

17:39 Uhr

Linked-In-Experiment „Future Me“

Ich – in fünf Jahren

VonGrischa Brower-Rabinowitsch

Das Business-Netzwerk Linked In hat mehr als 330 Millionen Mitglieder. Unser Autor ließ sich daraus sein „Future Me“ vorhersagen. Das Experiment zeigt, wie rasant die Digitalisierung die Personalbranche verändert.

Der Autor wagte das Experiment – und traf sein „Future Me“. Hier rechts im Bild haben wir seine Alterung um fünf Jahre schon einmal simuliert. Maika Paetzold

Grischa Brower-Rabinowitsch

Der Autor wagte das Experiment – und traf sein „Future Me“. Hier rechts im Bild haben wir seine Alterung um fünf Jahre schon einmal simuliert.

New YorkDa sitzt sie vor mir, meine Zukunft, und lächelt mich an. Ich lächele zurück, suche nach Worten und Gemeinsamkeiten mit dem Menschen, der mir gegenübersitzt. Die Situation hat etwas skurriles, ich empfinde eine Verbindung zu ihm, den ich das erste Mal sehe, weil die Daten mir sagen, dass er in gewisser Weise wie ich sei.

Ein Experiment hat mich an diesem sonnigen New Yorker Nachmittag in ein schmuckes Hochhaus geführt. Ein Experiment, das Linked In mit mir gestartet hat, das weltweit größte Business-Netzwerk. Ich treffe mein „Future Me“. Es ist der Mensch, der heute schon den Job hat, den ich in fünf Jahren sehr wahrscheinlich haben werde. Die Analyse der riesigen Datenbasis von Linked In und seiner mehr als 332 Millionen Mitglieder hat ihn als die beste Wahl ausgespuckt.

Wofür steht Big Data?

Der Hype um die Daten

Unter Big Data versteht man Technologie zur Verknüpfung und Auswertung riesiger Datenmengen. Ziel ist es, neue Erkenntnisse zu gewinnen – etwa welche Produkte einem Kunden gefallen oder wo unentschlossene Wähler wohnen.

Riese Datenmengen

Das Datenaufkommen verdoppelt sich ungefähr alle zwei Jahre. Viele der Informationen erzeugen nicht Menschen, sondern Maschinen – beispielsweise Smartphones, intelligente Stromzähler oder Autos. Gerade Bewegungsdaten sind fürs Marketing relevant.

Vielfältige Quellen

Big Data bedeutet auch: Es werden Daten aus verschiedensten Quellen miteinander verknüpft und zu einem Profil verschmolzen. Marketing-Experten setzen beispielsweise auf klassische Kundendatenbanken, Bewegungsdaten von Smartphones sowie Informationen aus Sozialen Netzwerken. Auch die Wettervorhersage kann nützlich sein, um bestimmte Produkte zu verkaufen.

Ergebnisse in Echtzeit

Besonderen Reiz gewinnt Big-Data-Technologie durch ihre Geschwindigkeit: In vielen Fällen spucken die Superrechner die Ergebnisse in Echtzeit aus, oder sie beschleunigen zumindest die Berechnungen im Vergleich zu herkömmlichen Technologien deutlich.

Korrelation statt Kausalität

Big Data führt zu einer Veränderung im Denken: Wer große Datenmengen auswertet, kann statistische Zusammenhänge entdecken, ohne die Gründe dafür zu verstehen – Korrelation statt Kausalität. Das könnte langfristig verändern, wie wir Menschen Probleme lösen.

Schuld daran, dass ich hier nun in einem kleinen Konferenzraum einem eigentlich wildfremden Menschen gegenüber sitze und nach Worten suche ist Lutz Finger. Der Deutsche leitet das Datenanalyse-Team von Linked In in Kalifornien. Wenn Finger über Daten spricht, dann blitzen seine Augen und er gerät ins Schwärmen, so wie andere über ihren Lieblings-Fußballverein ins Schwärmen geraten. Selbst bei dem Barbecue in Austin in Texas, bei dem ich ihn kennengelernt habe, verwickelt er mich in ein Gespräch über das Thema.

Finger hat mir das Experiment „Future Me“ vorgeschlagen. Es ist kein fertiges Tool von Linked In, Finger und sein Team tauchen extra für mich ganz tief in die Daten ein. Bisher hat er das nur ein Mal für einen jungen amerikanischen Kollegen von „Mashable“ gemacht.

Angesteckt von Fingers fesselnder Art habe ich sofort zugesagt. Doch der Deutsche ist kein Datenfetischist, er ist nicht blind datenhörig. Ganz im Gegenteil, er sagt Sätze wie: „Big Data ist ein Problem...“, sagt Finger, „es gib einen großen Hype darum. Aber wir brauchen kein Big Data, wir brauchen nur einen Namen“. Sprich: Big Data zu besitzen alleine bringe noch gar nichts. Man muss die Daten vielmehr richtig analysieren, was gar nicht so einfach ist, wenn man Lutz Finger zuhört.

Zukunft des Recruiting: Datenrausch für die Karriere

Zukunft des Recruiting

Premium Datenrausch für die Karriere

Computer statt Persönlichkeitstest: Algorithmen können heute berechnen, wer morgen Top-Verkäufer, Vorstand oder Burn-Out-Kandidat ist. Das bedeutet: Nie mehr im falschen Job landen. Oder aber: Nie mehr einen Job finden.

Die Kunst besteht darin, die Daten so wenig wie möglich zu manipulieren, indem man zu viele einengende Annahmen trifft. Gleichzeitig muss man aber „die richtigen Fragen“ stellen, wie Finger es nennt, um die richtigen Antworten zu bekommen. Und vor allem muss man wissen, was man eigentlich wissen will.

Beim „Future Me“ ist die Antwort auf die Frage, was man wissen will, einfach. Doch der Weg dahin ist es nicht. Finger und sein Team arbeiten sich schrittweise an die Antwort heran.

Kommentare (1)

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Herr Daniel Huber

28.04.2015, 19:48 Uhr

„Nicht mehr nur der Mensch, sondern auch der Computer, Algorithmen und Daten bestimmen über die Auswahl von Bewerbern. Manchmal bereits auch schon nur noch sie.“
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Liebe Industrie -und Wirtschaftspersonaler, warum klont ihr euch nicht einfach eure aalglatt-smarten, karrieregeilen, Master- und Bachelorüberflieger/innen?
Wäre doch viel einfacher und kostengünstiger, als auch noch in Assessment-Centern und psychologischen Rollenspielchen die vermeintlich Besten aussieben zu müssen, dann stimmen auch die genetischen Voraussetzungen und innere Einstellung beim Wunschkandidaten/in.
Schöne neue Welt nach Huxley, angepasstes und perfekt funktionierendes Humankapital, Alphas und Epsilons, die je nach ihrer Kastenklassifizierung funktionieren und (ver)konsumieren. Ehrlich gesagt, geht mir diese ganze Entwicklung, Verdenglischung und Amerikanisierung so langsam auf den Sack.
Ich bin Deutscher und lebe und arbeite in Deutschland.
Diesen Perfektionierungs- und Leistungswahnsinn halte ich für geisteskrank.
Es wundert mich deshalb rein gar nicht mehr, weshalb in dieser Gesellschaft und Arbeitswelt mittlerweile so viele psychisch Unzurechnungsfähige, Narzissten und pathologisch Geistesgestörte herumlaufen, anstatt notwendigerweise in einer geschlossenen Anstalt zur Behandlung und hoffentlichen Genesung einzusitzen.

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