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14.04.2015

16:54 Uhr

Neues Milliardengeschäft

IBM und Apple stürzen sich auf Krankendaten

VonChristof Kerkmann

Mit Künstlicher Intelligenz gegen Krebs und Diabetes: IBM gründet eine Firma, die mit 2000 Mitarbeitern Gesundheitsinformationen aus verschiedensten Quellen auswertet. Auch die Daten von iPhone-Nutzern sollen einfließen.

Behandlungsempfehlungen aus der Wolke: IBM baut eine Gesundheitsplattform in der Cloud auf. Reuters

IBM-Stand auf der Cebit

Behandlungsempfehlungen aus der Wolke: IBM baut eine Gesundheitsplattform in der Cloud auf.

DüsseldorfWenn es darum geht, Patienten zu heilen, benötigen Ärzte Fachwissen und Intuition. Geht es nach IBM, soll künftig auch Künstliche Intelligenz zur Genesung beitragen: Der Computerkonzern gründet eine Tochterfirma, die auf einer Online-Plattform Gesundheitsinformationen auswertet. Mithilfe des Computersystems Watson will er Therapien erleichtern, aber auch die Forschung voranbringen. Die Plattform Watson Health ermögliche eine personalisierte Medizin im großen Maßstab, erklärte John Kelly, der bei IBM neue Forschungsinitiativen leitet. Zu den ersten Partnern gehört Apple – die neue Computeruhr des iKonzerns könnte demnächst Daten zu Pulsschlag oder Bewegung liefern.

Im Zentrum von Watson Health steht eine Cloud-Plattform, auf der große Datenmengen aus verschiedenen Quellen gespeichert und in rasanter Geschwindigkeit ausgewertet werden können – Experten bezeichnen diese Technologie als Big Data. Sie soll einerseits Therapien verbessern: Je mehr man über einen Patienten weiß, desto besser. Krankenakten will IBM ebenso auswerten wie Daten aus Apps und von Fitness-Trackern, etwa zu sportlichen Aktivitäten, Schlafgewohnheiten und Ernährung. Andererseits soll das System große Datenberge durchsuchen, um Krankheiten auf die Spur zu kommen und mögliche Therapien zu entwickeln.

Bisher nennt IBM nur wenige konkrete Anwendungen. Johnson & Johnson, einer der größten Hersteller von Knie- und Hüftimplantaten, will mit dem System beispielsweise Patienten vor und nach der Operation betreuen. Medtronic will aus den Daten lernen, wie gut seine Produkte funktionieren, etwa Insulinpumpen.

Zu den ersten Partnern gehört auch Apple. iPhone- und iPad-Nutzer können mit dem Programm Healthkit die Fitness- und Gesundheitsdaten von verschiedenen Apps und Geräten sammeln, zum Beispiel zurückgelegte Schritte, Herzfrequenz und verbrannte Kalorien. Diesen Fundus könnten die beiden Firmen für Nutzer gemeinsam auswerten. Der iPhone-Hersteller bietet außerdem mit Researchkit die Möglichkeit, anonym Informationen für Forschungszwecke bereitzustellen.

Wofür steht Big Data?

Der Hype um die Daten

Unter Big Data versteht man Technologie zur Verknüpfung und Auswertung riesiger Datenmengen. Ziel ist es, neue Erkenntnisse zu gewinnen – etwa welche Produkte einem Kunden gefallen oder wo unentschlossene Wähler wohnen.

Riese Datenmengen

Das Datenaufkommen verdoppelt sich ungefähr alle zwei Jahre. Viele der Informationen erzeugen nicht Menschen, sondern Maschinen – beispielsweise Smartphones, intelligente Stromzähler oder Autos. Gerade Bewegungsdaten sind fürs Marketing relevant.

Vielfältige Quellen

Big Data bedeutet auch: Es werden Daten aus verschiedensten Quellen miteinander verknüpft und zu einem Profil verschmolzen. Marketing-Experten setzen beispielsweise auf klassische Kundendatenbanken, Bewegungsdaten von Smartphones sowie Informationen aus Sozialen Netzwerken. Auch die Wettervorhersage kann nützlich sein, um bestimmte Produkte zu verkaufen.

Ergebnisse in Echtzeit

Besonderen Reiz gewinnt Big-Data-Technologie durch ihre Geschwindigkeit: In vielen Fällen spucken die Superrechner die Ergebnisse in Echtzeit aus, oder sie beschleunigen zumindest die Berechnungen im Vergleich zu herkömmlichen Technologien deutlich.

Korrelation statt Kausalität

Big Data führt zu einer Veränderung im Denken: Wer große Datenmengen auswertet, kann statistische Zusammenhänge entdecken, ohne die Gründe dafür zu verstehen – Korrelation statt Kausalität. Das könnte langfristig verändern, wie wir Menschen Probleme lösen.

IBM betont, dass die Analyse von Daten zu Forschungszwecken anonym geschehe. Wenn Patienten über Apps aus der Watson Health Cloud betreut werden, liegen personenbezogene Daten vor, auf diese können nach Angaben des Unternehmens aber nur die Nutzer selbst zugreifen und sie dann bei Bedarf ihren Ärzten zur Verfügung stellen.

Bei der Auswertung setzt IBM auf das Computersystem Watson, das große Datenmengen in natürlicher Sprache verarbeitet und auf dieser Grundlage Fragen – ebenfalls in natürlicher Sprache – beantworten kann. Bekannt geworden ist es im Jahr 2011 mit einem schlagzeilenträchtigen Sieg bei der amerikanischen Rate-Show „Jeopardy“, als es zwei menschliche Champions schlug. Das Wissen stammte damals aus Wikipedia, „New York Times“ und der Bibel.

Derzeit investiert IBM massiv, um Watson in kommerziellen Produkten zum Einsatz zu bringen – im vergangenen Geschäftsjahr eine Milliarde Dollar. Mögliche Einsatzszenarien sieht der Konzern etwa im Gesundheitswesen, dem Kundenservice und der Finanzbranche. Andere Unternehmen können über Schnittstellen auf die künstliche Intelligenz zugreifen. IBM selbst will damit beispielsweise in der E-Mail-Anwendung Verse die Nachrichtenflut sortieren und beherrschbar machen.

Kommentare (2)

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Sergio Puntila

14.04.2015, 17:22 Uhr

Erlaubt schon normal gewachsene Intelligenz mitunter erhebliche Zweifel, dürfte der Grad von Problemen mit dem derzeitig erreichten Stand "künstlicher Intelligenz" exponentiell steigen angesichts bereits jetzt schon geplant wirkender Daten.

Cave

Herr Sebastian Döllerer

15.04.2015, 14:35 Uhr

"Mithilfe eines Computersystems, das den Namen des Sherlock-Holmes-Assistenten Watson trägt"
(Aus dem Handelsblatt Newsletter)
wäre es nicht naheliegender, dabei an Thomas J. Watson, bis 1956 Vorstandsvorsitzender von IBM, zu denken?

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