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04.09.2014

19:20 Uhr

Smart Home auf der IFA

Chaos im schlauen Zuhause

VonChristof Kerkmann

Der Kaffee fließt, wenn der Wecker klingelt, die Heizung schaltet ab, wenn man geht: Das vernetzte Zuhause soll das Leben erleichtern. In der Praxis läuft die Technik aber noch nicht rund. Warum sich Warten lohnen kann.

Getty Images

BerlinWenn morgens um halb 7 der Wecker klingelt, tröpfelt in der Küche schon der Kaffee in die Kanne. Im Bad hat die Heizung das Handtuch vorgewärmt, aus den Lautsprechern dudelt die Playlist mit der Gute-Laune-Musik. Wer länger schlafen will, muss schon die Decke über den Kopf ziehen: Die Rollläden surren automatisch hoch.

Geht es nach der Elektronikbranche, werden sich schon bald viele Menschen so wecken lassen. Das vernetzte Zuhause soll das Leben bequemer machen und dank intelligenter Steuerung von Heizung und Licht auch noch Energie sparen. IT-Riesen wie Google und Samsung investieren gewaltige Summen in Start-ups (siehe Info-Kasten). Und auf der Elektronikmesse Ifa, die in Berlin mit zwei Pressetagen beginnt, werden viele dieser technischen Helfer zu sehen sein.

Doch wer mit frischem Kaffee und einem warmen Handtuch in den Tag starten will, muss vorher viel Geduld aufbringen. Denn die meisten Lösungen für das sogenannte Smart Home verstehen sich untereinander nicht, weil sie unterschiedliche Standards verwenden. Für den Nutzer bedeutet das viel Bastelei – und einen Grund, besser noch abzuwarten. Zumindest bis Konzerne wie die Deutsche Telekom und Apple dem Konzept zum Durchbruch im Massenmarkt verhelfen. Der Bonner Konzern prescht mit seiner Plattform Qivicon vor.

Smart Home - Das schlaue Zuhause

Ein Begriff, viele Szenarien

Alle reden drüber, aber nicht alle meinen dasselbe: Smart Home ist ein populäres Thema in der  Elektronikbranche. Immer mehr Firmen bringen eigene Lösungen auf den Markt. Die Berater von Deloitte unterscheiden vier Kategorien.

Die eigenen vier Wände im Blick

Viele Lösungen ermöglichen es, Licht und Rollläden automatisch zu steuern. Hinzu kommen Sicherheitsfunktionen wie vernetzte Feuermelder und Sicherheitskameras. Die Auswahl ist bereits groß.

Platz für die Daten

Auch Speichersysteme für Computer und Smartphone zählen die Deloitte-Experten zum Smart Home. Auf diesen Miniservern können Nutzer ihre Daten, aber auch Filme und Musik ablegen und von überall aus im Haus darauf abrufen. 

Hilfe für die Oma

Smart-Home-Systeme können die Pflege älterer Menschen erleichtern, etwa mit einem Hausnotruf. Geräte für die Ferndiagnose sollen bei der Betreuung von Kranken helfen. Für den Bereich Pflege und Gesundheit gibt es bereits etliche Anwendungen. 

Energie und Geld sparen

Licht und Heizung aus, wenn man rausgeht: Intelligente Systeme können für mehr Energieeffizienz sorgen. Perspektivisch könnte auch der Trockner automatisch anspringen, wenn Strom billig ist. Angesichts der hohen Komplexität sei der Bereich "Smart Energy" aber am Anfang, so  Deloitte. 

Komplettpaket oder Standard?

Schon jetzt gibt es Anbieter, die kaufkräftigen Kunden eine Wunschlos-Glücklich-Lösung einbauen – Deloitte definiert das als Luxussegment. Zunehmend kommen aber Pakete auf den Markt, mit denen Käufer relativ günstig smarte Funktionen nachrüsten können.

Die Technik für die allumfassende Vernetzung gibt es längst. Dank der millionenfachen Verwendung in Smartphones sind Sensoren und Funkverbindungen so billig geworden, dass man sie auch zu vertretbaren Kosten in Kameras, Lampen oder Steckdosen einbauen kann. Und mit dem Smartphone hat fast jeder eine Universalfernbedienung in der Tasche. Per Smartphone-App lassen sich Garagentore schließen, Türschlösser kontrollieren, Heizungen ausschalten. Die meisten Geräte kommunizieren indes nicht mit anderen.

Aber: „Der eigentliche Mehrwert von Smart Home liegt im intelligenten Zusammenspiel der Komponenten und nicht in der Ansteuerung der einzelnen Hardware“, sagt Gunther Wagner, Technologieexperte beim Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte. So sei es hilfreich, wenn die Nutzer Szenen programmieren können. Aufwachen mit Kaffee, Heizung und Jalousien, in den Urlaub mit ausgeschalteten Steckdosen und eingeschalteter Überwachungskamera.

Doch damit die Geräte miteinander kommunizieren können und sich mit einer einzigen App steuern lassen, brauchen sie eine einheitliche Arbeitssprache. Derzeit ähnelt die Situation indes eher dem biblischen Babylon: Es kommen viele Standards zum Einsatz, von denen nur wenige miteinander kompatibel sind. Nutzer müssen entweder alle Geräte von einem Hersteller kaufen, frickeln oder einen Dienstleister teuer bezahlen.

Kommentare (4)

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Herr Nicht - Dumm

05.09.2014, 09:39 Uhr

Langsam komme ich mir vor, wie in einer Realsatire. Was für sinnlose "Neuheiten" wie z.B. eine App, wenn die Butter zu weich geworden ist oder das Auslösen der Klospülung via Internet, müssen wir denn noch über uns ergehen lassen, um den Zusammenbruch unserer gesättigten Konsumwirtschaft hinauszuzögern.

Herr Georg Lahmer

05.09.2014, 09:57 Uhr

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es ein zentrales Steuergerät bzw. Apps gibt, die zumindest die drei oder vier großen Standards beherrschen. Aller anderen, weniger bedeutenden Standards werden ein Nieschendasein führen oder ganz vom Markt verschwinden. Ab diesem Zeitpunkt kann man die Geräte kaufen.

Fraglich ist bei jedem einzelnen Gerät nur, welchen Sinn das Ganze überhaupt macht.

(Stichwort: Mein Kühlschrank schreibt mir nicht vor, was ich einkaufen soll, aber er kann mich, wenn ich im Laden stehe, gerne informieren, was gerade im Kühlschrank noch vorhanden ist und was nicht.)

Herr Thomas Riemke

05.09.2014, 10:21 Uhr

Wenn ich wissen möchte, was in meinem Kühlschrank noch vorhanden ist, schaue ich hinein. Dafür brauche ich keine App. Die Leute verlassen sich immer mehr auf elektronische Hilfsmittel und werden somit immer hilfloser. Ich kenne Jugendliche, die finden ohne Navi nicht mal das Klo. Selbstständiges Entscheiden wird immer mehr zur Nebensache. Dafür gibt es ja eine App.

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