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24.09.2014

09:13 Uhr

Supermarkt der Zukunft

Sprechender Wein und rechnende Einkaufswagen

Bücher und Mode kaufen viele längst im Internet. Bei Milch und Gemüse sind sie zögerlich. Genau deshalb hat der Supermarkt auch weiterhin eine Zukunft, meinen Experten. Doch dafür muss er sich ändern.

Experten bescheinigen dem Supermarkt eine Zukunft - aber er muss sich ändern. dpa

Experten bescheinigen dem Supermarkt eine Zukunft - aber er muss sich ändern.

BerlinAnfangs brauchten die Kunden eine Bedienungsanleitung. „Sie fühlten sich wie Diebe, wenn sie die Ware aus dem Regal nahmen“, erzählt Einkaufsexperte Stephan Becker-Sonnenschein. Man gab es ihnen schriftlich: Zucker, Marmelade, Milch einfach einpacken und zur Kasse schieben. Das war vor 65 Jahren, als am 5. September 1949 in Hamburg Deutschlands erster Selbstbedienungs-Supermarkt öffnete. Drehtüren, Einkaufswagen, eine ungekannte Auswahl - und das schleichende Ende der Tante-Emma-Läden.

Jetzt sieht sich der Lebensmittelhandel wieder vor einer Zäsur. „Mit der digitalen Technologie kommt ein Wandel in Servicequalität und Bequemlichkeit“, sagt Becker-Sonnenschein, der Geschäftsführer des Vereins Lebensmittelwirtschaft, voraus. Zwar glauben Experten kaum, dass der Onlineeinkaufs-Boom von Büchern und Mode auf Gemüse und Milch überschwappt. Doch Supermärkte müssen sich verändern.

Industrie 4.0

Die vierte industrielle Revolution

So mancher sieht die Vernetzung der Fabrik als vierte industrielle Revolution – nach der Mechanisierung mit Wasserkraft und Dampfmaschinen, arbeitsteiliger Massenproduktion auf Fließbändern und Einführung von Elektronik und IT.

Unterschiedliche Begriffe

Für die Vernetzung der Produktionsanlagen wird häufig der Begriff Industrie 4.0 verwendet – die Hannover Messe machte den Begriff vor einigen Jahren populär. Fachleute sprechen auch von cyberphysischen Systemen, in denen also physische und virtuelle Welt sich vermischen. Wenn Gegenstände vernetzt werden, ist auch vom Internet der Dinge die Rede – das gilt nicht nur für Fabriken, sondern auch für Autos oder Häuser.

Industrie kauft immer mehr IT

Weil industrielle Fertigung und IT immer stärker zusammenwachsen, wird die Industrie zu einem wichtigen Kunden für die IT-Branche: Sie trägt inzwischen rund ein Fünftel zum Umsatz bei, wie der Branchenverband Bitkom mitteilt. Da verwundert es nicht, dass die Organisation auf der Industriemesse präsent ist.

Gefördert von der Bundesregierung

Auch die Politik bemisst dem Thema große Bedeutung bei, die Bundesregierung betrachtet Industrie 4.0 in seiner Hightech-Strategie als „Zukunftsprojekt“. Gut für Wirtschaft und Wissenschaft: Das beinhaltet ein Fördervolumen von 200 Millionen Euro.

Viele offene Fragen

Der Durchbruch der Industrie-4.0-Technologie steht indes noch aus. Nicht zuletzt, weil viele Fragen offen sind. Welche Standards gelten? Welche Kommunikationsnetze werden dafür benötigt? Wie ist es um die Sicherheit der Anlagen bestellt?

Wenn wahr wird, was sich Gerrit Kahl vom Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken vorstellt, wäre eine Bedienungsanleitung auch diesmal keine schlechte Idee: Er hat einen intelligenten Einkaufswagen entwickelt, mit einem online von zu Hause gefüllten Einkaufszettel und Navigationssystem, das den Weg zur Ware kennt. Ein Einkaufswagen, der dem Kunden folgt wie ein Hund.

„Wir brauchen mehr Spaß im Supermarkt“, sagt der junge Informatiker - und meint damit auch Weißwein, der sich mit französischem Akzent selbst vorstellt, wenn er aus dem Regal genommen wird: „Ich bin ein Chardonnay.“ Doch es geht nicht nur um Spielerei: Ein mit Allergie-Informationen gefüttertes Handy könnte den Kunden vor Müsli mit Nüssen warnen, der Einkaufswagen den Warenwert zusammenrechnen.

Kommentare (2)

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Frau Dagmar Kohlrausch

24.09.2014, 09:47 Uhr

Braucht es das Alles wirklich? Hat der Mensch sein Hirn nur noch um eine Fernbedienung oder ein Smartphone zu bedienen? Muss mir mein Kühlschrank aufs Handy melden, das die Milch alle ist? Wir werden nicht nur per Medien hirngewaschen, sondern sollen das auch noch in allen anderen Lebensbereichen hinnehmen. Für mich bedeutet das keinerlei Fortschritt sondern einen massiven Rückschritt. Mit solchen Dingen machen wir uns völlig grundlos von einer überflüssigen Technik abhängig.

G. Nampf

24.09.2014, 14:47 Uhr

@Dagmar Kohlrausch

-Die Wirtschaft profitiert davon, weil wir den Müll kaufen müssen

- unsere Obrigkeit profitert davon, weil wir auch noch unsere allerletzte Privatshäre aufgeben (müssen)

-beide können bequeme, vollkommen entmündigte Menschen viel leicher manipulieren.

Und wenn die Technik einmal versagen sollte (das wird sie geradezu zwangsläufig), stehen alle herum und wisssen nicht mehr, was sie tun sollen.

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