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30.06.2015

15:04 Uhr

Tata, Arcelor, Thyssen-Krupp

Der Stahl wird digital

VonMartin Wocher

Europas Stahlkonzerne vernetzen ihre Datenströme in Produktion und Logistik. Durch die Digitalisierung könnten sie jährlich Millionen sparen – und auch die eher konservative Kundschaft erkennt allmählich die Vorteile.

Stahlhersteller vernetzen ihre Produktion und Logistik immer stärker. dpa

Stahlwerk der Salzgitter AG

Stahlhersteller vernetzen ihre Produktion und Logistik immer stärker.

DüsseldorfDie „Solina“ hat eine weite Reise hinter sich: Einmal quer über den Atlantik, durch den Sankt-Lorenz-Strom und dann rein in die großen Seen Nordamerikas, so lässt sich die Route des 30.000-Tonnen-Frachters auf dem Computer-Bildschirm nachverfolgen. Gut 6.000 Kilometer liegen zwischen dem Startpunkt Ijmuiden in den Niederlanden und Zielort Cleveland im US-Bundesstaat Ohio am Ufer des Eriesees. Doch in weniger als 36 Stunden ist es geschafft – Ankunft 18 Uhr Ortszeit steht rechts oben auf der Service-Plattform „Eyefright“ im Kontrollzentrum des niederländischen Stahlwerks von Tata Steel Europe. Dann kann das unter der Flagge der Bahamas fahrende Schiff endlich seine Fracht von 22.000 Tonnen Warmbandstahl löschen.

„Die Kunden wissen jetzt genau, wann die Lieferung eintreffen wird“, sagt Andrew Black, Vertriebsdirektor bei Europas zweitgrößtem Stahlhersteller und dort für das Thema Digitalisierung verantwortlich. „Sie können mit diesen Informationen nun präziser planen, letztlich ihre Lagerhaltung reduzieren und so ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.“

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Die Rund-um-die-Uhr-Übersicht über den genauen Aufenthalt und die voraussichtliche Ankunft der georderten Ware ist nur ein kleines Mosaiksteinchen einer umfassenden digitalen Strategie der großen Stahlhersteller: Ob Tata Steel, Arcelor-Mittal, Thyssen-Krupp oder Salzgitter – alle Konzerne haben sich auf den Weg gemacht, mit Hilfe digitaler Datenströme ihre Abläufe zu optimieren, um letztlich die Produktivität zu erhöhen und die Kosten für sich und ihre Abnehmer zu senken. Ein nicht zu unterschätzendes Argument bei einer Branche, die seit Jahren mit weltweiter Überproduktion, Import- und Preisdruck zu kämpfen hat. Das Hauptaugenmerk liegt derzeit bei der Auftragsabwicklung und der Logistik.

„Wir müssen schneller und zuverlässiger werden“, sagt Karl-Ulrich Köhler, Europa-Chef von Tata Steel. „Alle sitzen noch auf viel zu großen Lagerbeständen, um ja nicht plötzlich ohne Material dazustehen. Das können wir mit Hilfe neuer Systeme optimieren.“ Köhler macht dabei eine einfache Rechnung auf: Wäre seine Branche in der Lage, über den digitalen Datenabgleich die Vorratshaltung nur um einen Tag zu verringern, ließen sich bei den gewaltigen Mengen des hin- und hertransportierten und gelagerten Stahls allein über die Verringerung des Netto-Umlaufvermögens mehrere Dutzende Millionen Euro freisetzen – Geld, das die klammen Stahlkonzerne gut gebrauchen können.

Die größten Stahlhersteller der Welt

Platz 1: Arcelor-Mittal

Der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt ist Arcelor-Mittal. Der Konzern mit europäischen und indischen Wurzeln stellte 2015 gut 97 Millionen Tonnen Stahl her.

Quelle: World Steel Association

Platz 2: Hesteel Group

Der zweitgrößte Hersteller kommt aus China: Die Hebei Iron and Steel Group stellte 2015 rund 47,8 Millionen Tonnen Stahl her. Auch dieser Konzern ging aus einer Fusion hervor, die Unternehmen Tangsteel und Hansteel schlossen sich 2008 zusammen.

Platz 3: Nippon Steel & Sumitomo Metal

Auf Platz drei abgerutscht ist der japanische Konzern Nippon Steel & Sumitomo Metal. Die beiden japanischen Hersteller hatten sich im Oktober 2012 zusammengeschlossen und kamen 2015 zusammen auf ein Produktionsvolumen von 46,3 Millionen Tonnen Stahl, knapp 3 Millionen weniger als im Vorjahr.

Platz 4: Posco

Mit einer Produktion von rund 42 Millionen Tonnen Stahl ist Posco der viertgrößte Hersteller. Das Unternehmen ist der größte südkoreanische Anbieter und macht viele Geschäfte mit China.

Platz 5: Baosteel Group

Auf Platz fünf folgt ein weiterer chinesischer Konzern: Baosteel Group. Das Unternehmen mit Sitz in Shanghai produzierte knapp 35 Millionen Tonnen Stahl. Schlagzeilen machte der Hersteller im Jahr 2000 mit seinem Börsengang, der damals in China Rekorde brach.

Platz 16: Thyssen-Krupp

Im Vergleich zu Arcelor-Mittal, Hesteel & Co. ist Thyssen-Krupp ein Leichtgewicht. 2015 ging es für den größten deutschen Stahlproduzent mit einer Produktion von 17,3 Millionen Tonnen aber immerhin drei Plätze hinauf auf Rang 16. Ähnlich viel produziert der Konkurrent Gerdau aus Brasilien (17 Millionen Tonnen).

Genug Motivation, um die Projekte rasch voranzutreiben. Schon in zwei Jahren sollen alle Transaktionen zwischen Stahlhütte und Kunde nur noch digital abgewickelt werden, sagt Black. Also alles zwischen Auftragseingang, Abrechnung und Auslieferung „Das beschleunigt die Abwicklung und mindert die Fehlerquote“, glaubt der Tata-Vertriebsmanager. Menschen sollen in dieser Prozesskette – wenn möglich – kaum noch auftauchen.

Ob die Kunden dem folgen werden, die heute noch gern ihre Stahlträger über Fax oder Telefon ordern? „Unsere Klientel ist sehr konservativ, das stimmt“, sagt Black. „Aber das ändert sich gerade sehr schnell. Die Kunden beginnen, das Potenzial zu erkennen.“ Bei der Stahltochter von Thyssen-Krupp nutzen schon mehrere hundert Kunden und Dienstleister die Vorteile der Vernetzung bei der Abwicklung. Die e-Business-Plattform „Steel Online“ liefert den Abnehmern darüber hinaus 24 Stunden an sieben Tagen alle Informationen über den Status seiner Aufträge.

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