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14.01.2014

14:01 Uhr

Themenwoche Landwirtschaft

Bauer sucht Cloud

VonChristof Kerkmann

Von wegen Landliebe-Idylle: Immer mehr Bauern verwalten mit Cloud-Diensten ihren Hof. Sie sehen auf einen Blick, wo noch Dünger aufs Feld muss und wie viel Milch die Kühe geben. Wenn die Verbindung schnell genug ist.

Laptop und Tablet helfen, Entscheidungen beim Düngen oder der Tierzucht abzunehmen.

Laptop und Tablet helfen, Entscheidungen beim Düngen oder der Tierzucht abzunehmen.

DüsseldorfAllein auf sein Gefühl will sich Andreas Steier nicht verlassen. Der 35-jährige ist Landwirt, der Hof der Familie liegt im Örtchen Großwaltersdorf im Erzgebirge. 280 Hektar beackert er gemeinsam mit seinem Vater: Weizen, Gerste, Ackerbohnen, Raps. Ob die Pflanzen gesund sind, sieht Steier mit dem bloßen Auge. „Aber ich kann den gesamten Bestand nicht vom Feldrand aus beurteilen.“

Deswegen setzt das Unternehmen der Familie Steier auf moderne Technologie. Traktoren, Düngerstreuer und Mähdrescher sind mit Sensoren ausgerüstet. Diese messen, wie die Pflanzen mit Nährstoffen versorgt sind; sie protokollieren, auf welchem Teil des Ackers sie wie viel Dünger auswerfen; und sie halten fest, wie hoch die Ernte ausfällt. Die Daten wandern anschließend ins Internet: In einem Online-Portal kann Steier nachsehen, welche Felder besonders ergiebig sind und wo er viel düngen musste. „Mein Auge wird durch die Technik unterstützt.“

Der Sachse ist ein Vorreiter: Neue Online-Portale sollen Landwirten helfen, Düngereinsatz und Erträge im Blick zu behalten – und so das Management des Betriebes erleichtern. „Cloud Computing ist unter deutschen Landwirten noch ein Nischenthema, aber es gibt gerade sehr viel Bewegung im Markt“, sagt Michael Clasen, Professor an der Hochschule Hannover. Die Devise lautet: Bauer sucht Cloud.

Vor- und Nachteile des Cloud Computing

Kosten

Wenn ein Unternehmen seine Kundendatenbank nicht im eigenen Rechenzentrum pflegt, sondern einen Online-Dienst wie Salesforce.com nutzt, spart es sich Investitionen in die Infrastruktur. Die Abrechnung erfolgt außerdem zumeist gestaffelt, zum Beispiel nach Nutzerzahl oder Speicherverbrauch. Geschäftskunden erhoffen sich dadurch Kosteneinsparungen.

Skalierbarkeit

Wer Speicherplatz im Netz mietet, kann flexibel auf die Nachfrage reagieren und den Bedarf unkompliziert und schnell erhöhen oder versenken. Wenn beispielsweise ein Startup rasant wächst, fährt es einfach die Kapazitäten hoch. Somit fallen auch niedrige Fixkosten an.

Einfachheit

Die Installation auf den eigenen Rechnern entfällt. Damit lässt sich ein neues System äußerst schnell einführen. Auch die Updates bereiten keine Probleme mehr, somit sinkt der Administrationsaufwand. Allerdings lassen sich die Cloud-Dienste in der Regel auch nicht so individuell konfigurieren.

Ortsunabhängigkeit

Zur Nutzung der Cloud-Dienste benötigen Mitarbeiter lediglich einen Internetanschluss – unabhängig von ihrem Aufenthaltsort und dem Gerät, das sie nutzen.

Sicherheit

Die Daten-Dienstleister werben damit, dass sie sich intensiver mit der IT-Sicherheit beschäftigen als einzelne Nutzer oder Unternehmen. Allerdings sind die Rechenzentren der Cloud-Anbieter aufgrund der große Datenmenge auch ein attraktives Ziel für Angreifer von Hackern. Auch Geheimdienste zeigen großes Interesse. Zudem ist von außen schwer nachzuvollziehen, ob der Anbieter die Daten ausreichend vor den eigenen Mitarbeitern schützt. Die Auslagerung bedeutet somit einen Kontrollverlust.

Abhängigkeit

Viele Unternehmen sind von ihrem Dienstleister abhängig, weil sie nicht ohne weiteres zu einem anderen Anbieter wechseln können. Das liegt etwa daran, dass sie ihre Systeme aufwendig an die Schnittstellen anpassen müssen. Auch Nutzer haben oft Schwierigkeit, wenn sie mit ihren Daten den Anbieter wechseln wollen. Eine weitere Frage: Was ist, wenn der Betreiber eines Dienstes pleite geht? Erst wenn es Standards gibt, die den Wechsel von einem zum anderen Dienstleister ermöglichen, sinkt die Abhängigkeit.

Die Landwirtschaft ist ein technisches Wettrüsten. Mähdrescher und Feldhäcksler werden immer intelligenter, um möglichst große Erträge in möglichst kurzer Zeit von möglichst wenig Ackerland zu holen. Das Cloud Computing setzt danach an. Es soll dabei helfen, die Feldarbeit zu koordinieren – möglichst in einem „durchgehenden Prozess“, wie Claas-Chef Theo Freye kürzlich im Interview mit Handelsblatt Online betonte.

Im besten Fall könnte es so laufen: Vom Dach des Schleppers aus messen Sensoren bei der Fahrt über das Feld, wie es um die Pflanzen links und rechts bestellt ist. Die Farbe der Pflanzen zeigt, wie viel Stickstoff sie enthalten. Darauf reagiert der angehängte Düngerstreuer, indem er die passende Menge Wachstumshelfer abwirft. Die Daten werden anschließend zum Online-Portal übertragen.

Der größte Vorteil: Die Plattform bietet einen detaillierten Überblick, wie es um den Weizen, Mais oder Raps bestellt ist. „Der moderne Landwirt düngt nicht pauschal, er wählt die optimale Strategie, um beim Aufwuchs zu helfen“, sagt Antje Krieger von der Firma Agricon, die so ein System entwickelt hat. Gleichzeitig unterstützte es im Papierkrieg: „Die Software ordnet die entstehenden Daten automatisch und bereitet sie für die weitere Nutzung durch den Landwirt auf. Das erleichtert automatisch auch die Arbeit für die Kontrollbehörden.“

Kommentare (2)

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Frank-O.

14.01.2014, 14:50 Uhr

Das immer mehr Landwirte mit Elementen von (neudeutsch) precision farming arbeiten, ist seit Jahren bekannt. Nur leider hat es das Handelsblatt wohl erst jetzt bemerkt...

kfvk

14.01.2014, 16:24 Uhr

Außer dass das Wort "Cloud" arg strapaziert wird, ist nichts so richtig Neues in dem Artikel. Natürlich kann man mit den geeigneten Sensoren alles Mögliche messen und die Ergebnisse als den Input eines Regelkreises verwenden, der eben Dünger streut, Felder bewässert, Kühe mit dem richtigen Futter versorgt. Diese Regelkreise funktionieren aber völlig ohne Internet und Cloud. Was man gemacht hat, kann man dann auch speichern, kann es benutzen um Dünger und Futter zu bestellen usw. Dazu braucht man aber kein besonders schnelles Internet. Man stellt den Traktor in die Scheune die einen WLAN Anschluß hat und kann von da aus alles auf seinen Server schaffen oder ins Internet oder in die Cloud, wenn es eben sein muss. Hat es der Landwirt im Internet / in der Cloud kann er nun wundervollerweise am Urlaubsort seine Eierstatistiken sehen oder sich am Wachstum der Zuckerrübe freuen. Kann er aber auch, wenn er einfach Zugriff auf seinen Server neben dem Hühnerstall hat. Vorteilhaft mag sein, dass ein gewisser Programmieraufwand bei zentralen Lösungen entfällt. Nur ohne Anpassungen an den konkreten Betrieb wird es wohl kaum gehen ...
Wie so oft im HB bei technischen Dingen -- viel Lärm um eher triviale Dinge.

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