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31.01.2014

09:40 Uhr

Verkehrsgerichtstag in Goslar

Heikle Datenströme im Auto

VonChristian Raum
Quelle:CarIT

In modernen Autos sind bis zu 80 Geräte, die Daten erheben. Damit arbeiten Werkstätten. Versicherer und Finanzierer sind daran interessiert. Aber wem gehören die Informationen? Die Unsicherheit ist groß.

Nicht nur bei moderner Car-to-X-Kommunikation fallen eine Vielzahl von Daten an – deren Schutz eine Grauzone ist. PR

Nicht nur bei moderner Car-to-X-Kommunikation fallen eine Vielzahl von Daten an – deren Schutz eine Grauzone ist.

Für viele Menschen ist das Verhältnis zu ihrem Auto hoch emotional. Häufig betrachten sie es als einen geschützten Raum, in dem sie sich von der Welt zurückziehen können. Es ist ein Lebensraum – eine Art Intimsphäre. Das Auto bietet auch Platz für Träume.

Im echten Leben ist das Fahrzeug meist aber ein Investitionsobjekt der Leasingbanken. Für die Versicherung ist der Fahrer ein ständiger Risikofaktor. Werkstätten können nur dann ihre Umsatzvorgaben erfüllen, wenn der Kunde in den vorgegebenen Intervallen vorspricht. Und die Intention eines Flottenmanagers ist es, den gesamten Fuhrpark möglichst ohne Verschleiß und Schäden über die Zeit zu retten. Deshalb nehmen sie jetzt alle gemeinsam die Idealisten an die elektronische Leine. Big Brother is watching you?

Über eine Onboard-Unit verlässt künftig ein stetiger Datenstrom die Fahrzeuge. Der kleine digitale Helfer sammelt – banal ausgedrückt – stetig Informationen aus Steuergeräten und Sensoren, aus Internetanwendungen und Apps. Sein Gegenstück ist – mindestens – ein Rechenzentrum, das gleichzeitig zehntausende Datenströme entgegennimmt, bündelt und auswertet.

Eine – mögliche – Liste der Daten aus dem vernetzten Fahrzeug

Identifikationsdaten des Fahrzeugs

Identifikationsdaten des Fahrzeugs und der Hardware – etwa Codierung in Prozessoren oder Chips, Softwarelizenzen, Computerzugänge für Updates oder Wartung.

Kommunikations- und Logdaten

Kommunikations- und Logdaten wie IP-Nummer oder Mobilfunknummer.

Übertragen und Verifizieren der Identifikationsdaten des Fahrers oder des Besitzers

Das ist nicht nur das Einloggen in den Bordcomputer des Autos. Das Fahrzeug loggt sich in das Mobilfunknetz ein und greift auf die unterschiedlichsten Cloud- oder Rechenzentrumsanwendungen verschiedener Hersteller zu. Die
Identifikation ist beispielsweise über Passwort, Kreditkarte, Augenscan oder Fingerabdruck möglich.

Übertragung der technischen Daten des Autos

Der Bordcomputer sammelt diese Daten von den Sensoren oder Messgeräten im Fahrzeug. Sie geben den Leasingbanken oder den Werkstätten detailliert Auskunft über Zustand, Wartung und Wert des jeweiligen Fahrzeugs.

Daten des digitalen Fahrtenbuches

Das sind beispielsweise Bewegungsdaten, die über GPS und Kartendienste gesammelt werden. Der Weg eines Fahrzeugs führt über Berge oder durch die Stadt. Die Anwendungen in den Rechenzentren kalkulieren besondere Risiken durch Abnutzung, Diebstahl, Steinschlag ...

Daten über das Fahrverhalten des Fahrers zur Ergänzung des Profils

Wo ist die Person momentan unterwegs, wie ist der Fahrstil? Ergänzung und Update des Datenbestandes mit den Daten der aktuellen Fahrt.

Daten aus dem Mobiltelefon

Das Mobiltelefon ist als Schnittstelle an den Bordcomputer angeschlossen. Es liefert Logdateien an den Mobilfunkanbieter, Verbindungsdaten und Daten für die Datenübertragung und Telefongespräche. Die Datensätze zeigen
Dauer und Umfang des Downloads, Gesprächsdauer und Ort des Gespräches.

Daten aus der Cloud oder den Rechenzentren der Autohersteller

Die Anwendungen sammeln Daten über den Zustand der Leasingflotte, den Wert jedes einzelnen Fahrzeugs, dessen Abnutzung, und berechnen einen Blick in die Zukunft. Wie sehr wird das Fahrzeug vom derzeitigen Halter beansprucht und wie hoch ist der Wertverfall bis zum Ablauf des Leasingvertrages?

Daten aus den digitalen sozialen Netzwerken

Gleichgültig ob der Fahrer chattet, telefoniert, Bilder postet oder Geschäftskontakte recherchiert, die sozialen Netzwerke halten den Kontakt und schicken Bilder, Werbung und Text direkt ins Auto.

Daten aus den Fahrerassistenzsystemen

Das Fahrzeug überträgt ständig Positionsdaten und erhält Daten beispielsweise über die anderen Fahrzeuge auf einer Straße zurück.

Daten aus Clouds der Business-Prozess- oder Office-Anbieter

Die Anbieter von Unternehmenssoftware haben ihre Anwendungen für mobile Geräte erweitert. Autofahrer können über ihre Bordcomputer oder Smartphones auf Dokumente, Datensätze, Mails, Chats und Listen zugreifen und sie in das Fahrzeug übertragen.

Verbindungsdaten des Netzanbieters

Entlang der gefahrenen Strecke erhält der Mobildienstleister die Verbindungsdaten mit dem Mobilfunknetz.

Stromlieferanten

Beim Laden identifizieren sich die Elektrofahrzeuge gegenüber dem ausgewählten Stromlieferanten für die Abrechnung – beispielsweise über die Telefonrechnung oder die Kreditkarte.

Der eCall-Datensatz

Ein kleiner Datensatz, der die Rettungskräfte über einen Unfall sofort informiert (ab 2015 wohl Pflicht in Neuwagen). Der Datensatz ist bei Autoherstellern und Versicherungen sehr begehrt. Derjenige, der den Datensatz als Erster bekommt, bestimmt das Geschäft mit Reparatur, Werkstätten und Unfallwagen.

Die Onboard-Unit meldet womöglich Position, Temperatur, Tempo, Verbrauch et cetera und lässt mit dieser Fülle an Informationen auch Rückschlüsse zu, ob der Fahrer vernünftig fährt oder sich in riskanten Gebieten aufhält. In den Rechenzentren arbeiten die Big-Data-Anwendungen an der Auswertung dieser Daten.

Man muss kein Prophet sein: Die vernünftige Fahrweise werden die Provider über kleine Boni und Rabatte bei den Versicherung oder Leasingprämien belohnen. Riskante Fahrstile oder Aufenthaltsorte dagegen mit zusätzlichen Kosten abstrafen.

Interview: „Die rechtliche Situation ist unklar“

Interview

„Die rechtliche Situation ist unklar“

Es gibt kein zivilrechtliches Eigentum an Daten. Zu dieser Einschätzung kommt IT-Experte Alexander Duisberg. Der Weg zur Datensicherheit im Auto steht seiner Meinung nach noch ganz am Anfang.

Experten sehen die Vernetzung der Fahrzeuge als die wichtigste Innovation der Automobilindustrie. Doch es gibt angebrachte Zweifel, ob die Hersteller auf die Digitalisierung und die damit verbundenen Datenströme und Rechtsfragen bereits gut vorbereitet sind. Stellungnahmen aus der Automobilindustrie sind dazu kaum zu erhalten. Zu heikel ist das Thema derzeit offensichtlich noch.

Das so genannte „Internet of Things“ sei mittlerweile Realität, heißt es verklausuliert bei einem deutschen Premiumhersteller, und weiter: „Die Welt ist vernetzt, unsere Geräte sind ‚always on‘. Der Austausch von Daten rund um die Uhr ist Normalität geworden. Früher trugen wir Bilder unserer Familie im Geldbeutel, heute haben wir ganze Fotoalben in der Cloud.“ Also alles in bester Ordnung?

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

31.01.2014, 10:28 Uhr

Im Falle eines Unfalls wird die Position an eine Zentrale gesendet und gut ist.
Alle anderen Daten werden evtl. gesammelt und im Auto gespeichert und können im bestimmten Fällen vom Fahrer oder Eigentümer frei gegeben werden. Warum muß immer alles Online zur Auswertung bei irgendwelchen Datensammlern zur Verfügung stehen??????

billyjo

31.01.2014, 11:06 Uhr

Dann können sicher auch bald Unfälle vorhergesagt und an zuständige Stellen weiter geleitet werden, ist doch Toll so überwacht zu werden. Der Unfall geschieht und Polizei und Krankenwagen sind schon vor Ort.

RumpelstilzchenA

31.01.2014, 11:24 Uhr

Daten-Spionage im Auto. NSA in jeder Schublade. Bewegungsdaten der Deutschen für die Besatzungsmacht, USA.
Besatzungsmacht und Freunde? Ich hoffe, Struck war der letzte Spinner!

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