Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.07.2015

09:56 Uhr

Viagra, Herceptin & Co.

Digitaler Schutz vor falschen Pillen

Nicht nur Potenzpillen wie Viagra werden gefälscht. Auch Krebs- und teure Rheumamittel tauchen im Handel auf, denn die Gewinnspannen für Fälscher sind sehr hoch. Die vernetzte Produktion soll Plagiate unmöglich machen.

Für Produktpiraten sehr lukrativ. ap

Viagra

Für Produktpiraten sehr lukrativ.

FrankfurtViereinhalb Jahre hatten die beiden Hamburger Brüder gefälschte Packungen des weitverbreiteten Magenmittels Omeprazol in den Markt gebracht, bevor der Betrug aufflog: 600.000 Schachteln für 15 Millionen Euro gelangten so von 2008 bis 2013 über die Apotheken zum Patienten. Wer bei gefälschten Arzneimitteln an Potenzmittel à la Viagra denkt, die illegal über Internetportale verkauft werden, liegt zwar richtig, hat aber nur einen Teil des Problems erfasst. Denn immer wieder gelingt es Betrügern, gefälschte Arzneimittel in legale Lieferketten zu bringen.

Das Internet der Dinge

Alltägliche Objekte im Netz

Das Internet ist bekannt als Infrastruktur, über die Menschen Daten austauschen – ob mit dem PC, Laptop oder Smartphone. Es geht also letztlich um Computer, die miteinander kommunizieren. Doch heutzutage lassen sich immer mehr Objekte vernetzen: Heizung und Haustür, T-Shirt und Brille, Auto und Heizung.

Eine Sache, viele Begriffe

Den Begriff „Internet der Dinge“ prägten Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston Ende der 90er Jahre. Es kursieren aber viele Begriffe. „Industrial Internet“ betont die wirtschaftliche Bedeutung, „Machine to Machine“ (abgekürzt M2M) beschreibt eher technisch, dass Geräte autonom Daten austauschen.

Einsatz in der Wirtschaft

Bislang ist das Internet der Dinge vor allem eine Sache der Wirtschaft: Logistikunternehmen verfolgen beispielsweise den Weg von Lieferungen. Technologie-Hersteller bringen aber zunehmend auch Produkte für Verbraucher auf den Markt, etwa Heizungssteuerungen.

Mini-Computer und Funkantenne

Vernetzte Objekte benötigen eine Art Mini-Computer und eine Funkantenne, außerdem Sensoren – im Fall einer Heizungssteuerung etwa, um die Temperatur zu messen. Diese Komponenten sind in den vergangenen Jahren so geworden, dass immer neue Einsatzgebiete in Frage kommen.

Sextillionen von Adressen

Damit vernetzte Objekte übers Internet gesteuert werden können, muss man sie eindeutig ansprechen können. Ein neuer Standard namens IPv6 soll dafür sorgen, dass auch im Zeitalter vernetzter Autos und Heizungen genügend IP-Adressen vorhanden sind – es sind 340 Sextillionen, also eine 340 mit 36 Nullen.

Markt mit Riesenpotenzial

Es ist schwierig, den Vernetzungstrend in Zahlen zu fassen, der Markt ist noch zu jung. Der Marktforscher Gartner wagt die Prognose, dass bis 2020 rund 26 Milliarden Geräte im Internet der Dinge sind – PCs, Tablets und Smartphones sind darin nicht eingeschlossen. Der Umsatz mit Produkten und Diensten werde auf mehr als 300 Milliarden Dollar wachsen. Noch optimistischer ist der Netzwerkausrüster Cisco, der bis dahin 50 Milliarden vernetzte Geräte erwartet.

Diskussion über Datenschutz

Der Siegeszug der vernetzten Geräte dürfte einige Diskussionen über den Datenschutz nach sich ziehen. Ein Beispiel: Darf eine Versicherung die Bewegungsdaten eines Autobesitzers auswerten, um den Tarif ans Fahrverhalten anzupassen? Oder darf die Polizei nach einem Unfall überprüfen, ob der Fahrer zu schnell war?

Vergangenen Monat etwa stellten Behörden in Italien gefälschtes Viagra in einer dem Original täuschend ähnlichen Packung sicher. Gefälschte Varianten des High-Tech-Krebsmedikaments Herceptin des Schweizer Roche-Konzerns tauchten vergangenes Jahr in Deutschland, Finnland und Großbritannien auf. Ebenso Fälschungen anderer teurer biopharmazeutischer Medikamente wie des Rheumamittels Remicade. Die Europäische Gesundheitsbehörde vermutete, dass die Medikamente in Italien gestohlen und dann manipuliert wurden. Es sind die hohen Gewinnspannen, die die Fälscher bei den Biotech-Produkten locken, die pro Packung zwischen mehreren Hundert bis ein paar Tausend Euro kosten.

Um solchen Arzneimittelfälschungen in der legalen Lieferkette vorzubeugen, hat die EU-Kommission beschlossen, dass spätestens ab Anfang 2019 jede legal abgegebene Medikamentenpackung zweifelsfrei identifizierbar und bis zum Hersteller rückverfolgbar sein muss. Europa ist nicht die einzige Region, die den Weg verschreibungspflichtiger Medikamente lückenlos überwachen will. Die USA wollen eine entsprechende Kennzeichnung mit einem zweidimensionalen Data Matrix Code (ähnlich wie ein QR-Code) schrittweise bis 2023 einführen.

Vor allem den Verpackungsmaschinenherstellern winkt dabei ein großes und interessantes Geschäft. Ihnen kommt die Aufgabe zu, die Fertigungsstraßen bei den Pharmaherstellern so umzurüsten, dass die Kennzeichnung auf den Schachteln einwandfrei von Scannern gelesen werden kann. Rund 8.000 dieser Produktionslinien hat allein Marktführer Bosch weltweit errichtet. „Die Pharmaunternehmen sind hier auf die Gerätehersteller angewiesen“, sagt Reinhard Hoferichter, Sprecher des Lenkungsausschusses von Securpharm. Die Initiative aus Arzneimittelherstellern, Pharmagroßhändlern und Apothekern wurde 2011 gegründet, um den deutschen Arzneimittelvertrieb vor dem Eindringen gefälschter Arzneimittel zu schützen. Hoferichter schätzt, dass auf die Pharmaindustrie für die Umrüstung Kosten in Höhe von 100.000 Euro pro Fertigungsstraße zukommen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×