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20.06.2014

10:05 Uhr

Wearables

Die körpernahe Revolution

VonIna Karabasz

Das Silicon Valley hat einen neuen Hype: kleine Computer am Körper. Intelligente Brillen oder Uhren sind nur der Anfang. Die Technik ist einfach und günstig geworden - und die Fantasie der Entwickler grenzenlos.

Smarte Kleidung ist eine Spielart des Trends zu "Wearables". Das Hemd misst die Körperfunktionen seines Trägers und überträgt die Daten mittels Bluetooth. dpa

Smarte Kleidung ist eine Spielart des Trends zu "Wearables". Das Hemd misst die Körperfunktionen seines Trägers und überträgt die Daten mittels Bluetooth.

San FranciscoDie Frage, ob Wearables, also tragbare Technologien, das „nächste große Ding“ sein könnten, überrascht Daniel Gonzales sichtlich. Für wenige Sekunden weiß der junge Mann mit der bereits leicht angegrauten Jimi-Hendrix-Frisur nicht, was er sagen soll, bis er amüsiert und mit leichtem Kopfschütteln erklärt: „Das sind sie doch längst.“

Gonzales ist Topmanager beim kalifornischen Gründerzentrum NestGSV und hat gerade den Gewinner des „Wearable Hackathons“ gekürt. Bei dem Wettbewerb haben die Teilnehmer 24 Stunden Zeit, einem bestehenden Gerät neue Funktionen beizubringen. Die Sieger haben aus einer Smartwatch, also einer intelligenten Armbanduhr, einen „Driving Tracker“ entwickelt: Die Uhr funkt Weg und Fahrstil eines Autofahrers an eine App, mit der etwa Eltern überprüfen können, ob ihr Kind sicher am Ziel angekommen ist.

An diesem Tag haben noch zwölf andere Gruppen ihre Ideen beim NestGSV vorgestellt. Sie reichen von intelligenten Brillen für Diabetiker, die den Zuckergehalt der Lebensmittel während des Essens messen, bis hin zu Sensoren in Schuhen, die die Gehgeschwindigkeit mit dem Musikspieler verbinden.

Cyborg-Technologien

Mensch-Maschinen I

Neil Harbisson gilt als der erste Cyborg der Welt, ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Der Katalane hat einen Chip in seinem Hinterkopf installiert, der mit einem Farbsensor neben seinem Auge verbunden ist. Er ermöglicht ihm, Farben zu hören.

Harbisson ist seit seiner Geburt völlig farbenblind, er sieht alles in schwarz-grau Schattierungen. Dank des elektronischen Sensors kann er nun mehr Farben unterscheiden, als es das menschliche Auge kann. 2010 hat er die Stiftung Cyborg gegründet.

Mensch-Maschinen II

Auch der kanadische Informatiker Steve Mann ist einer der Ersten seiner Art. Der Professor an der Universität von Toronto wird als Vater von Wearable Computern bezeichnet. Er trägt selber seit Jahren ein Gerät, das seine Sehfähigkeit verbessern soll, ohne medizinische Notwendigkeit. Bislang waren seine Erfindungen stets reine Forschungsobjekte.

Nun hat Mann ein Gerät entwickelt, das markttauglich sein könnte: EyeTap. Es wird vor dem Auge getragen und mischt die Lichtstrahlen, die auf das Auge treffen mit künstlich erzeugten. Im Gegensatz zu Brillen, wie etwa Google Glass, die mehr ein Miniaturprojektor vor dem Auge sind, kann EyeTap verändern, was der Nutzer sieht.

Medizintechnik I

Wer die bittere Pille schon einmal schlucken muss, soll dabei wenigstens einen Zusatznutzen haben, dachte sich die US-Firma Proteus Digital Health, die unter anderem mit dem Schweizer Pharmakonzern Novartis zusammenarbeitet. Sie entwickelt Pillen, die neben dem Heilmittel zusätzlich noch einen kleinen Sensor in sich tragen. Er soll dem Patienten Feedback darüber geben, wie er das Medikament verträgt und ob er es auch wirklich regelmäßig nimmt. Dies soll auch Familienangehörigen bei der Pflege helfen.

Medizintechnik II

Die Firma Vancive stellt unter dem Namen Metria ein intelligentes Pflaster her, dass neben körperlichen Aktivitäten unter anderem auch den Blutdruck misst. Es wird von der Deutschen Telekom in Zusammenarbeit mit Medisana angeboten. Die Daten werden im Internet gespeichert und sollen dem Arzt helfen, Lebensgewohnheiten der Patienten besser einzuschätzen und Tipps zu geben.

Medizintechnik III

Auch Branchenriese Google will den Trend nicht verpassen. Das US-Unternehmen hat Anfang des Jahres bekanntgegeben, an Kontaktlinsen zu arbeiten, die über Sensoren den Blutzuckerspiegel von Diabetikern messen können. Der Konzern hat sich bereits ein elektronisches Tattoo patentieren lassen, das mit Smartphones verknüpft werden kann.

Die meisten dieser Erfindungen werden es wahrscheinlich nie bis zur Marktreife bringen. Doch darum geht es weder den Teilnehmern noch den Organisatoren. Sie wollen zeigen, warum das Thema Wearables im Silicon Valley derzeit omnipräsent ist: Die Technik ist leicht geworden, günstig, einfach zu programmieren – und die Anwendungsmöglichkeiten sind schier endlos.

Über Google Glass, die intelligente Brille des US-Konzerns, die in Deutschland meist sofort mit Wearables in Verbindung gebracht wird, schütteln viele Entwickler hier den Kopf. Ein prominenter Name, viel zu invasiv. Sie haben sich längst anderen Optionen zugewandt.

Das Marktforschungsunternehmen Gartner prognostiziert, dass bis 2017 268 Milliarden mobile Apps heruntergeladen wurden und über 77 Milliarden Dollar Umsatz schaffen. Die Hälfte der Interaktionen mit den Apps wird dabei über Wearables passieren.

Laut einer Studie des US-Marktforschers Transparency wird der Umsatz mit den tragbaren Geräten von 750 Millionen Dollar im Jahr 2012 auf etwa 5,8 Milliarden im Jahr 2018 steigen. Analysten von Juniper Research gehen sogar von 19 Milliarden Dollar im selben Jahr aus.

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