Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.12.2015

11:55 Uhr

Agora-Studie

Der schleichende Ausstieg

VonKlaus Stratmann

Wenn Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen will, muss laut einer neuen Studie der Ausstieg aus der Kohle bis 2040 besiegelt sein.

43 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms stammen derzeit aus Kohlekraftwerken. dpa

Kohlehalde in Kamp-Linfort

43 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms stammen derzeit aus Kohlekraftwerken.

BerlinNoch stammen 43 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms aus Kohlekraftwerken, davon 25 Prozent aus Braunkohle und 18 Prozent aus Steinkohle. Doch die Jahre der Kohleverstromung sind gezählt. Passend zum Auftakt der Weltklimakonferenz in Paris präsentierte der Thinktank Agora Energiewende am Montag eine Studie mit einer klaren Botschaft: Wenn Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen will, muss der Ausstieg aus der Kohle bis 2040 erledigt sein.

Energie-Eckpunkte der Parteispitzen von CDU, CSU und SPD

Kohlekraftwerke

Um das Klimaschutzziel zu erreichen, müssen 22 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich eingespart werden - durch eine Kombination verschiedener Maßnahmen. Zwischen 2017 und 2020 sollen Braunkohle-Kraftwerksblöcke mit 2,7 Gigawatt Leistung vom Netz genommen und als Kapazitätsreserve für den Fall von Engpässen aufgebaut werden. Die Konzerne erhalten dafür eine Vergütung. Das soll rund 11 Millionen Tonnen CO2-Minderung bringen. Weitere 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr soll die Braunkohlewirtschaft ab 2018 erbringen - wie, ist noch offen. Die Strafabgabe für alte Kohle-Meiler ist damit vom Tisch.

Kraft-Wärme-Kopplung

Hoch effiziente, mit Gas gefeuerte KWK-Anlagen zur öffentlichen Versorgung sollen befristet gefördert werden, um den Erhalt zu sichern. Für den Ersatz kohlebefeuerter durch gasbefeuerte Anlagen und den Neubau werden 500 Millionen Euro pro Jahr per Umlage bereitgestellt. Die Fördergrenze wird von 750 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro pro Kalenderjahr angehoben. So soll der CO2-Ausstoß um 4 Millionen Tonnen reduziert werden. Damit Mehr-Kosten nicht nur von Haushaltskunden und dem Mittelstand getragen werden, wird ein fairer Lastenausgleich angestrebt.

Effizienz

Die verbleibenden 5,5 Millionen Tonnen CO2 sollen ab 2016 durch mehr Energieeffizienz in Gebäuden, Kommunen, der Industrie sowie bei der Bahn AG erbracht werden. Dazu sollen bis 2020 jährlich bis zu 1,16 Milliarden Euro an öffentliche Mitteln fließen.

Netzausbau

Stärker als bisher sollen bestehende Trassen genutzt und neue soweit wie möglich vermieden werden. Bei neuen Gleichstromtrassen haben teure Erdkabel Vorrang vor Freileitungen.

Atommüll

Bei den langfristigen Kosten des Atomausstiegs bleiben die Energiekonzerne in der Pflicht. Grundsatz ist, „dass die Kosten für Stilllegung, Rückbau, Zwischen- und Endlagerung von den Verursachern getragen werden“. Bis Ende September sollen per Stresstest auch die nötigen Rückstellungen für Atom-Altlasten sowie Vermögensposten in den Bilanzen der Konzerne untersucht werden.

Und wenn man dieses Ziel erreichen will, so macht Agora unmissverständlich deutlich, reichen die bisherigen Instrumente zum Klimaschutz, allen voran das europäische Emissionshandelssystem, nicht aus: Es seien daher „zusätzliche Klimaschutzinstrumente auf nationaler Ebene unumgänglich“. Erforderlich sei „eine im Konsens entwickelte langfristige Strategie für einen Kohleausstieg und den damit verbundenen Strukturwandel“, sagte Agora-Direktor Patrick Graichen.

Der Thinktank greift damit eine Forderung auf, die in der vergangenen Woche auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) aufgestellt hat, als sie einen Kohleausstiegsplan gefordert hatte. Ziel müsse es sein, innerhalb von 20 bis 25 Jahren, also spätestens bis 2040, das letzte Kohlekraftwerk abzuschalten.

Klimaschützer begrüßen solche Überlegungen einhellig. Große Teile der Industrie dagegen sind äußerst skeptisch. Sie fürchten steigende Strompreise und sorgen sich um die Verlässlichkeit der Stromversorgung, wenn der Ausstieg aus der Kohle zu rasch vollzogen werden sollte. Denn trotz aller Erfolge beim Ausbau der erneuerbaren Energien: Solange ausreichende Möglichkeiten zur Stromspeicherung fehlen, sind fossile Kraftwerke zunächst unverzichtbar. Denn Sonnen- und Windstrom steht nicht jederzeit in ausreichendem Maße zur Verfügung.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hält sich in der Debatte bislang zurück. Das Ministerium, das neben dem Klimaschutz auch die Versorgungssicherheit und die Bezahlbarkeit im Auge behält, teilt mit, es seien keine Planungen für einen Kohleausstieg bekannt. Gleichwohl wird hinter vorgehaltener Hand eingeräumt, dass man sich über eine Exit-Strategie für die Kohle unterhalten müsse, wenn man die Klimaziele ernst nehme. Im Moment stehe das Thema aber nicht zur Debatte.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×