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12.12.2015

17:53 Uhr

Analyse zum Klimagipfel

Der Paris-Deal – ausgewogen statt ambitioniert?

VonSilke Kersting

Die Welt hat wohl ein neues Klimaabkommen. Haben sich die Staaten in Paris auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, oder kam mehr heraus bei den knapp zweiwöchigen Verhandlungen? Eine Analyse.

Frankreich hat dem Weltklimagipfel ein bindendes Abkommen vorgelegt. AFP

Kundgebung vor dem Eiffelturm

Frankreich hat dem Weltklimagipfel ein bindendes Abkommen vorgelegt.

ParisAm Ende geriet der Zeitplan nochmals ins Wanken. Statt wie ursprünglich geplant um neun Uhr, legte der französische Außenminister und Verhandlungsführer der Klimakonferenz, Laurent Fabius, erst mehr als zweieinhalb Stunden später den endgültigen Vertragsentwurf für ein neues globales Klimaabkommen vor. Vor allem die Frage nach Finanzhilfen für Entwicklungsländer – und wer diese trägt - hatte die Verhandlungen in den vergangenen Tagen ins Stocken gebracht.

Kurz vor halb zwölf am Samstag stieg die Spannung, die Delegationen strömten in den Plenarsaal. Der Text enthalte wichtige Fortschritte, die viele vorher für unmöglich gehalten hätten, so Fabius, zu seiner Rechten Frankreichs Präsident François Hollande, zu seiner Linken Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. So solle die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden, die Staaten sollten sogar versuchen, 1,5 Grad zu erreichen. Über dieses Ziel, unterstützt von der deutschen Regierung, war erstmals ernsthaft bei einem Klimagipfel diskutiert worden. Außerdem enthält der Text Fabius zufolge einen Mechanismus zur Überprüfung und Steigerung der selbstgesetzten nationalen Klimaziele alle fünf Jahre.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Anders als das 1997 verabschiedete und 2005 in Kraft getretene Kyoto-Protokoll wird das neue Abkommen aber wohl keine bindenden Ziele zur CO2-Reduktion für einzelne Staaten festschreiben. Man setzt auf freiwillige Maßnahmen. Dem Kyoto-Protokoll waren allerdings entscheidende Klimasünder wie die USA nie beigetreten. Der Uno-Generalsekretär forderte die Staaten auf, dem Dokument zuzustimmen: „Die ganze Welt schaut auf Sie.“

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Sichtlich bewegt hat Frankreichs Außenminister Fabius den Abschlusstext für das weltweite Klimaschutzabkommen vorgelegt. Der Entwurf soll für die Unterzeichner rechtlich bindend sein. Noch ist aber nichts entschieden.

Der Text, so Fabius, sei ausgewogen - und in diesem Sinne das Beste, was verhandelt werden konnte. „Jeder kann mit erhobenem Kopf hinausgehen und zu Hause eine gute Botschaft verkünden.“ Der Vertrag muss aber von den Delegierten der UN-Konferenz noch gebilligt werden. Die dafür vorgesehene Schlussberatung sollte nach mehreren Verzögerungen am Samstagabend beginnen. Vorgesehen sind eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 bis zwei Grad sowie finanzielle und technische Hilfen für Entwicklungsländer.

Das genau scheint das Problem zu sein: niemand sollte eine zu fette Kröte schlucken. Ob sich damit das Weltklima retten lässt, darf freilich bezweifelt werden. Wenn schon angestrebt wird, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit zu begrenzen, was Wissenschaftler für überaus ambitioniert halten, dann muss auch der notwendige Weg dahin konkret und verbindlich festgelegt werden.

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