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19.11.2015

12:35 Uhr

Australien

Klimasünder ohne Reue

VonUrs Wälterlin

Die Politik in Australien steht im Bann des Klimakillers Kohle. Das Land hält einen traurigen Rekord: bei den Klimagas-Emissionen pro Kopf steht es an der Spitze. Daran ändert auch der neue Premierminister wenig.

In Australien bewilligte die Regierung gerade eben eine neue Megakohlemine.

In Australien bewilligte die Regierung gerade eben eine neue Megakohlemine.

CanberraAustralien hält einen bedenklichen Rekord, steht es bei den Klimagas-Emissionen pro Kopf doch regelmäßig an der Spitze der Industrienationen. Das Land erwirtschafte seinen Wohlstand mit dem „Export von Klimawandel“, sagen Kritiker. Denn emissionsreiche Kohle ist nach Eisenerz der zweitwichtigste Exportrohstoff. Mit Ausnahme der Grünen stehen Politiker jeder Couleur im Bann der Kohle - und des schnellen Geldes, das sie seit Jahrzehnten bringt.

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Kosten

Diese zahlen die Stromverbraucher. Die Ökostrom-Umlage und Rabatte für die Industrie belasten ihre Stromrechnungen.

Fördersystem

Die Wirtschaft warnt vor Planwirtschaft und fordert ein Förder-Ende sowie Wettbewerb auch für Ökostrom-Erzeuger.

20 Jahre Garantie

Da Solar- und Windanlagen bisher 20 Jahre lang Vergütungen bekommen, kann der Strompreis erstmal nicht sinken.

Soziale Schieflage

Die Zahnarzthelferin zahlt über den Strompreis die Renditen für Solarpanele, die sich ihr Chef aufs Dach setzt.

Industrie

Sie muss entlastet werden, damit niemand abwandert. Aber wie stark? Die Bürger müssen dadurch Mehrbelastungen schultern.

Zielkonflikt

Weniger Atomstrom führt dazu, dass mehr Kohlestrom produziert wird. Der CO2-Ausstoß ist 2012 und 2013 gestiegen.

Länder-Interessen

Der Norden will mehr Windräder, der Westen fürchtet um seine Industrie, der Süden will mehr Gaskraftwerke.

Stromnetze

Große Nord-Süd-Trassen werden gebraucht, sonst gibt es im Norden viel zu viel Strom. Aber die Bürger protestieren.

Fehlende Steuerung

Bisher können quasi unbegrenzt Ökoenergie-Anlagen gebaut werden - es fehlt oft an bedarfsorientierter Planung.

Grundlast-Problem

Ohne Speicher sind wegen der je nach Wetterlage schwankenden Ökostrom-Produktion weiterhin viele Kraftwerke nötig.

Strombörse

Im Einkauf fallen dank viel Ökostrom die Preise - die Bürger spüren davon wegen der Umlagen beim Endpreis kaum etwas.

Fehlender Markt

Viele Kraftwerke rechnen sich nicht mehr - der mit viel Geld geförderte Ökostrom stellt den Markt auf den Kopf.

Überkapazitäten

Wegen des rasanten Ausbaus wird oft zu viel Strom produziert. Nie wurde so viel Strom exportiert wie 2013.

Ärger bei den Nachbarn

Polen lässt Netzsperren einbauen, auch andere Länder klagen über Preis- und Stromfluss-Unwuchten.

Wärmemarkt

Im Wärmebereich hakt es besonders stark, auch beim Energiesparen - Gebäudesanierungs-Ziele werden kaum erreicht.

Kohle als Klimakiller? Das stritt der jüngst von Malcolm Turnbull aus dem Amt geputschte Premier Tony Abbott einst ab. Der Rohstoff sei vielmehr „gut für die Menschheit“. Doch Ökonomen warnen inzwischen, dass der Fokus auf der Kohleförderung aus volkswirtschaftlicher Sicht in eine Sackgasse führen könnte. So glauben Analysten, dass der jüngste Verfall von Preis und Nachfrage nicht zuletzt ein Symptom für eine fundamentale Bewusstseinsveränderung in wichtigen Märkten ist, allen voran im smoggeplagten China.

90 Prozent der australischen Kohlereserven, die noch für 500 Jahre reichen, müssten im Boden bleiben, wenn der globale Temperaturanstieg auf unter zwei Grad begrenzt werden soll. Australien gilt als Bremser in globalen Klimaverhandlungen und agierte in den zurückliegenden Jahren gegen wirkungsvolle Schutzmaßnahmen. Gleichzeitig sind die eigenen Ziele zur Schadstoffreduktion im weltweiten Vergleich schwach: Canberra will die Emissionen bis 2030 gegenüber 2005 um 26 bis 28 Prozent senken.

Der Grund: Die Regierung war bis vor kurzem von Klimawandelskeptikern dominiert, angeführt von Abbott. Kaum im Amt, begann er 2013 einen offenbar ideologisch motivierten Krieg gegen Klimaschutz. Eine erfolgreiche Klimasteuer strich er ersatzlos, ebenso wie eine Abgabe auf Rekordgewinne der Rohstoffindustrie. „Das Wort Klimawandel wurde in der Verwaltung zum Tabu“, sagt eine Ex-Wissenschaftlerin, die zusammen mit rund 800 Umweltexperten aus dem öffentlichen Sektor gedrängt wurde. „Eine ganze Generation von Wissen ging verloren“, meint ein anderer Forscher.

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