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18.11.2015

16:24 Uhr

China kann auch anders

Vorreiter statt Klimakiller

VonStephan Scheuer

China will Europa und den USA vormachen, wie Emissionshandel geht - mit einem radikalen Ansatz. Und das Land will im Kampf gegen den Klimawandel in keinem Fall in die gleiche Falle tappen wie die Europäische Union.

Versinken im Smog: In den Großstädten Chinas gehört die Luftverpestung zum Alltag.

Alltag in China

Versinken im Smog: In den Großstädten Chinas gehört die Luftverpestung zum Alltag.

PekingChinas Präsident Xi Jinping hat den Ort für seine große Ankündigung genau gewählt. Ausgerechnet beim Treffen mit US-Präsident Barack Obama in Washington stieß Staatschef Xi mit einem ambitionierten System zum Handel von Emissionsrechten vor. Ab 2017 soll das System in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt landesweit umgesetzt werden. Gerade der weltgrößte Klimasünder kann mit einem ambitionierten Programm aufwarten, während der als Klimapräsident angetretene Obama den Emissionshandel trotz eines Pilotprojektes in Kalifornien nicht landesweit etablieren konnte. Pekings System könnte auch das strauchelnde Handelsprojekt in Europa weit hinter sich lassen.

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Kosten

Diese zahlen die Stromverbraucher. Die Ökostrom-Umlage und Rabatte für die Industrie belasten ihre Stromrechnungen.

Fördersystem

Die Wirtschaft warnt vor Planwirtschaft und fordert ein Förder-Ende sowie Wettbewerb auch für Ökostrom-Erzeuger.

20 Jahre Garantie

Da Solar- und Windanlagen bisher 20 Jahre lang Vergütungen bekommen, kann der Strompreis erstmal nicht sinken.

Soziale Schieflage

Die Zahnarzthelferin zahlt über den Strompreis die Renditen für Solarpanele, die sich ihr Chef aufs Dach setzt.

Industrie

Sie muss entlastet werden, damit niemand abwandert. Aber wie stark? Die Bürger müssen dadurch Mehrbelastungen schultern.

Zielkonflikt

Weniger Atomstrom führt dazu, dass mehr Kohlestrom produziert wird. Der CO2-Ausstoß ist 2012 und 2013 gestiegen.

Länder-Interessen

Der Norden will mehr Windräder, der Westen fürchtet um seine Industrie, der Süden will mehr Gaskraftwerke.

Stromnetze

Große Nord-Süd-Trassen werden gebraucht, sonst gibt es im Norden viel zu viel Strom. Aber die Bürger protestieren.

Fehlende Steuerung

Bisher können quasi unbegrenzt Ökoenergie-Anlagen gebaut werden - es fehlt oft an bedarfsorientierter Planung.

Grundlast-Problem

Ohne Speicher sind wegen der je nach Wetterlage schwankenden Ökostrom-Produktion weiterhin viele Kraftwerke nötig.

Strombörse

Im Einkauf fallen dank viel Ökostrom die Preise - die Bürger spüren davon wegen der Umlagen beim Endpreis kaum etwas.

Fehlender Markt

Viele Kraftwerke rechnen sich nicht mehr - der mit viel Geld geförderte Ökostrom stellt den Markt auf den Kopf.

Überkapazitäten

Wegen des rasanten Ausbaus wird oft zu viel Strom produziert. Nie wurde so viel Strom exportiert wie 2013.

Ärger bei den Nachbarn

Polen lässt Netzsperren einbauen, auch andere Länder klagen über Preis- und Stromfluss-Unwuchten.

Wärmemarkt

Im Wärmebereich hakt es besonders stark, auch beim Energiesparen - Gebäudesanierungs-Ziele werden kaum erreicht.

Im Kern des chinesischen Systems steckt ein revolutionärer Ansatz: Das Eigentum an natürlichen Ressourcen soll grundsätzlich von dem Recht gelöst werden, sie auch zu nutzen. Die Rechte sollen hingegen mit einem Marktsystem verkauft werden, und so zum ökonomischen Treiber für Umweltschutz werden.

Wang Wenqiang ist einer der Architekten des Programms. Der schlaksige Han-Chinese mit Brille hat über lange Zeit mit seiner Firma SinoCarbon Innovation & Investment die Regierung zum Emissionshandelssystem beraten. „Viele der grundsätzlichen Ideen für das chinesische Programm stammen aus Europa und den USA“, räumt er im Gespräch mit dem Handelsblatt ein.

Das Prinzip ist einfach: Wenn eine Firma Treibhausgase in die Luft schleudert, muss sie dafür mit Emissionszertifikaten zahlen, die auf den Energiebörsen gehandelt werden. Aber China will in keinem Fall in die gleiche Falle tappen wie die Europäische Union. Nachfrage und Angebot sollen besser gesteuert werden. Und das System soll langfristig nicht auf Luft beschränkt bleiben, sondern könnte etwa auch auf Wasser und Boden erweitert werden. Vielleicht lässt sich in einigen Jahren auch das chinesische mit dem europäischen System verknüpfen, wie Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) meint.

In Europa gilt der Handel mit CO2-Zertifikaten seit seiner Einführung 2005 als zentrale Säule im Kampf gegen den Klimawandel. Energiewirtschaft und Industrie sind zur Teilnahme an dem Handelssystem verpflichtet, nicht aber die Landwirtschaft oder der Verkehrssektor. Mit drastisch sinkenden Preisen durch ein Überangebot an Zertifikaten sind die ökonomischen Anreize für viele Unternehmen aber verschwunden, in emissionsarme Technik zu investieren. Die EU hat sich darum auf die Einführung einer Marktstabilitätsreserve geeinigt, um die Überschüsse am Markt langsam abzubauen.

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