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08.10.2015

12:53 Uhr

Energieintensive Branchen

Klimaschutz stellt Industrie vor Probleme

VonMartin Wocher

Energieintensive Firmen sehen ihre Produktion durch Verschärfungen beim Emissionshandel gefährdet. Vor allem die Unternehmen aus der Stahl-, Papier-, Aluminium- oder Zementbranche sorgen sich um Hunderttausende Jobs.

Die Stahlindustrie in Deutschland und Österreich sieht sich bedroht. Quelle: dpa

Stahlproduktion

Die Stahlindustrie in Deutschland und Österreich sieht sich bedroht.

Quelle: dpa

DüsseldorfDie energieintensiven Branchen in Deutschland und Österreich wie Stahl, Chemie, Papier, Aluminium oder Zement sorgen sich angesichts der geplanten Verschärfungen beim Klimaschutz um ihre Existenz und somit um Hunderttausende Jobs.

„Die Entwicklung einiger Standortfaktoren in den vergangenen Jahren deutet darauf hin, dass die bislang starke Stellung der Industrie in beiden Ländern gefährdet ist“, heißt es in einer Studie des Handelsblatt Research Institute. Zwar seien bislang noch keine öffentlichkeitswirksamen Schließungen von Unternehmen oder deren Verlagerung ins Ausland zu beobachten. „Ein solcher Prozess kann sich aber auch schleichend vollziehen.“

15 Gründe, weshalb die Energiewende so kompliziert ist

Kosten

Diese zahlen die Stromverbraucher. Die Ökostrom-Umlage und Rabatte für die Industrie belasten ihre Stromrechnungen.

Fördersystem

Die Wirtschaft warnt vor Planwirtschaft und fordert ein Förder-Ende sowie Wettbewerb auch für Ökostrom-Erzeuger.

20 Jahre Garantie

Da Solar- und Windanlagen bisher 20 Jahre lang Vergütungen bekommen, kann der Strompreis erstmal nicht sinken.

Soziale Schieflage

Die Zahnarzthelferin zahlt über den Strompreis die Renditen für Solarpanele, die sich ihr Chef aufs Dach setzt.

Industrie

Sie muss entlastet werden, damit niemand abwandert. Aber wie stark? Die Bürger müssen dadurch Mehrbelastungen schultern.

Zielkonflikt

Weniger Atomstrom führt dazu, dass mehr Kohlestrom produziert wird. Der CO2-Ausstoß ist 2012 und 2013 gestiegen.

Länder-Interessen

Der Norden will mehr Windräder, der Westen fürchtet um seine Industrie, der Süden will mehr Gaskraftwerke.

Stromnetze

Große Nord-Süd-Trassen werden gebraucht, sonst gibt es im Norden viel zu viel Strom. Aber die Bürger protestieren.

Fehlende Steuerung

Bisher können quasi unbegrenzt Ökoenergie-Anlagen gebaut werden - es fehlt oft an bedarfsorientierter Planung.

Grundlast-Problem

Ohne Speicher sind wegen der je nach Wetterlage schwankenden Ökostrom-Produktion weiterhin viele Kraftwerke nötig.

Strombörse

Im Einkauf fallen dank viel Ökostrom die Preise - die Bürger spüren davon wegen der Umlagen beim Endpreis kaum etwas.

Fehlender Markt

Viele Kraftwerke rechnen sich nicht mehr - der mit viel Geld geförderte Ökostrom stellt den Markt auf den Kopf.

Überkapazitäten

Wegen des rasanten Ausbaus wird oft zu viel Strom produziert. Nie wurde so viel Strom exportiert wie 2013.

Ärger bei den Nachbarn

Polen lässt Netzsperren einbauen, auch andere Länder klagen über Preis- und Stromfluss-Unwuchten.

Wärmemarkt

Im Wärmebereich hakt es besonders stark, auch beim Energiesparen - Gebäudesanierungs-Ziele werden kaum erreicht.

An vorderster Front sieht sich die Stahlindustrie in beiden Ländern bedroht. So möchte die Europäische Union (EU) ab 2019 dem Emissionshandel rund 1,5 Milliarden CO2-Zertifikate entziehen. Das könnte den Preis deutlich steigen lassen. Die Branche fürchtet einen Anstieg auf rund 30 Euro pro Tonne CO2. Aktuell liegt der Preis bei rund sieben Euro. Ab 2021 sind dann weitere Verknappungen geplant. Außerdem sollen die bisher erlaubten Ausnahmen für besonders energieintensive Industrien stark beschränkt werden. Mit der Reform des Emissionshandels will die EU ihren Beitrag zur Verringerung der Treibhausgase leisten.

Bislang zahlen viele Unternehmen dieser Branchen kaum oder gar nichts für die Verschmutzungsrechte, da sie Ausnahmeregelungen geltend machen können oder weil wegen der schwachen Absatzentwicklung in den vergangenen Jahren noch überschüssige Zertifikate vorhanden sind. Ab 2017/18 würden aber hohe Zusatzbelastungen fällig, sollten die Pläne umgesetzt werden.

Allein die Stahlhütten in Deutschland fürchten zusammen mit voraussichtlich steigenden Strompreisen für die Industrie eine zusätzliche finanzielle Belastung bis 2030 von einer Milliarde Euro pro Jahr. „Das ist für die Stahlindustrie existenzgefährdend“, sagte jüngst der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff. Dieses drohende Kostenszenario spiegelt sich inzwischen auch in den Investitionsentscheidungen vieler Unternehmen wider.

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