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09.11.2015

09:48 Uhr

Im Zentrum einer Katastrophe

Wenn Borneo brennt

VonMathias Peer, Christoph Kapalschinski

Borneo brennt - und die Stadt Palangka Raya droht zu ersticken. Die Flammen der illegalen Brandrodung sind in Indonesien außer Kontrolle geraten und bedrohen Menschen und Klimawandel. Die Spur führt zur Palmölbranche.

Die Emissionen der Brände sind bereits jetzt höher als der gesamte jährliche CO2-Ausstoß Deutschlands. dpa

Feuer in Indonesien, Rauch über Singapur

Die Emissionen der Brände sind bereits jetzt höher als der gesamte jährliche CO2-Ausstoß Deutschlands.

Bangkok, HamburgEs herrscht Weltuntergangsstimmung in Palangka Raya. Ein orangefarbener Schleier liegt über der indonesischen Stadt im Süden der Insel Borneo. Die Sonne scheint zwar, ihre Strahlen dringen durch den dichten Rauch aber nur vereinzelt bis zum Boden. Die Brücke über den Kahayan-Fluss, ein Wahrzeichen der Stadt, verschwindet im Nebel. Ohne Schutzmaske lässt es sich nur schwer atmen. Die Luftverschmutzung liegt ein Vielfaches über dem Grenzwert, den Ärzte für gesundheitsgefährdend halten.

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Kosten

Diese zahlen die Stromverbraucher. Die Ökostrom-Umlage und Rabatte für die Industrie belasten ihre Stromrechnungen.

Fördersystem

Die Wirtschaft warnt vor Planwirtschaft und fordert ein Förder-Ende sowie Wettbewerb auch für Ökostrom-Erzeuger.

20 Jahre Garantie

Da Solar- und Windanlagen bisher 20 Jahre lang Vergütungen bekommen, kann der Strompreis erstmal nicht sinken.

Soziale Schieflage

Die Zahnarzthelferin zahlt über den Strompreis die Renditen für Solarpanele, die sich ihr Chef aufs Dach setzt.

Industrie

Sie muss entlastet werden, damit niemand abwandert. Aber wie stark? Die Bürger müssen dadurch Mehrbelastungen schultern.

Zielkonflikt

Weniger Atomstrom führt dazu, dass mehr Kohlestrom produziert wird. Der CO2-Ausstoß ist 2012 und 2013 gestiegen.

Länder-Interessen

Der Norden will mehr Windräder, der Westen fürchtet um seine Industrie, der Süden will mehr Gaskraftwerke.

Stromnetze

Große Nord-Süd-Trassen werden gebraucht, sonst gibt es im Norden viel zu viel Strom. Aber die Bürger protestieren.

Fehlende Steuerung

Bisher können quasi unbegrenzt Ökoenergie-Anlagen gebaut werden - es fehlt oft an bedarfsorientierter Planung.

Grundlast-Problem

Ohne Speicher sind wegen der je nach Wetterlage schwankenden Ökostrom-Produktion weiterhin viele Kraftwerke nötig.

Strombörse

Im Einkauf fallen dank viel Ökostrom die Preise - die Bürger spüren davon wegen der Umlagen beim Endpreis kaum etwas.

Fehlender Markt

Viele Kraftwerke rechnen sich nicht mehr - der mit viel Geld geförderte Ökostrom stellt den Markt auf den Kopf.

Überkapazitäten

Wegen des rasanten Ausbaus wird oft zu viel Strom produziert. Nie wurde so viel Strom exportiert wie 2013.

Ärger bei den Nachbarn

Polen lässt Netzsperren einbauen, auch andere Länder klagen über Preis- und Stromfluss-Unwuchten.

Wärmemarkt

Im Wärmebereich hakt es besonders stark, auch beim Energiesparen - Gebäudesanierungs-Ziele werden kaum erreicht.

Die Stadt ist das Zentrum einer Katastrophe, die an Indonesiens Grenzen nicht Halt macht. Zehntausende Waldbrände sind in dem südostasiatischen Land außer Kontrolle geraten. Satellitenbilder zeigen, wie der giftige Rauch der brennenden Regenwälder über die ganze Region zieht: Singapur warnt vor Aktivitäten im Freien, Malaysia schließt Hunderte Schulen, auf der thailändischen Ferieninsel Koh Samui fallen wegen schlechter Sicht etliche Flüge aus.

Indonesiens Brände haben längst auch eine globale Dimension: Sie sorgen für enorme Mengen an zusätzlichem Treibhausgas in der Atmosphäre und beschleunigen damit den Klimawandel. „Die Emissionen der Feuer sind bereits jetzt höher als der gesamte jährliche CO2-Ausstoß Deutschlands“, sagte der Wissenschaftler Guido van der Werf, der an der VU Universität Amsterdam über Waldbrände forscht, Mitte Oktober. „Und die Feuersaison ist längst noch nicht zu Ende.“

Ebenso global wie die Folgen des Feuers sind auch seine Ursachen: Die seit Jahrzehnten steigende Nachfrage nach Palmöl wirkt wie ein Brandbeschleuniger in Indonesien, das beim Export des Rohstoffes Weltmarktführer ist. Um zu sehen, was das billige Fett, das in Tiefkühlpizzen genauso steckt wie in Lippenstiften und Tiernahrung, mit den Flammen zu tun hat, reicht in Palangka Raya eine kurze Fahrt an den Stadtrand. Bauern haben dort im Regenwald absichtlich Feuer gelegt, um Platz für ihre Palmölplantagen zu schaffen. Das ist zwar illegal, aber die Polizei geht nur selten gegen die Brandstifter vor.

Die Untätigkeit rächt sich in diesem Jahr besonders: Weil das Wetterphänomen El Niño für eine ungewöhnliche Dürre sorgt, sind einmal gelegte Brände kaum noch zu stoppen. Die Löscharbeiten der 20.000 Einsatzkräfte wirken wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die Brände seien „ein unglaubliches Verbrechen gegen die Menschheit“, sagte Sutopo Purwo Nugroho, der Indonesiens Katastrophenschutz leitet. Gut 100 Unternehmen stehen nach Behördenangaben unter Verdacht, für die Feuer verantwortlich zu sein. Bisher gab es aber erst in 14 Fällen Sanktionen, etwa einen temporären Lizenzentzug.

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