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10.11.2015

12:15 Uhr

Kampf ums Klima

Die USA entdecken den Klimaschutz

Vor 10 Jahren brauchte es einen Jahrhundertsturm und das in den Fluten versunkene New Orleans, um den Amerikanern eine Ahnung von der Zerstörungskraft des Klimawandels zu geben. Heute reicht der normale Gezeitenwechsel.

US-Präsident Barack Obama bei der Bekanntgabe seiner Initiative zur Bekämpfung des Klimawandels. dpa

Klimaziele

US-Präsident Barack Obama bei der Bekanntgabe seiner Initiative zur Bekämpfung des Klimawandels.

WashingtonIm Frühling und im Herbst, wenn Mond und Wind die Springflut antreiben, bedeutet Hochwasser „Land unter“ auf den Straßen von Miami Beach. Geschäfte verbarrikadieren sich hinter Sandsäcken, der Verkehr wird umgeleitet, das Leben erstarrt, bis die Ebbe einsetzt. In Miami Beach ist die Überflutung kein Ausnahmezustand mehr, sie entwickelt sich zum Alltagsphänomen. Genau das macht sie so bedrohlich. „Der Klimawandel ist Realität - und wir spüren die Folgen“, sagt Ben Kirtman, Klimaprofessor der University of Miami.

Es hat gedauert, bis diese Erkenntnis ins Bewusstsein der Amerikaner gekrochen ist. Doch nun teilen 76 Prozent der Amerikaner Kirtmans Einschätzung, dass der Klimawandel Realität ist. Wenn sich die Weltgemeinschaft im Dezember auf einen Klimapakt einigen sollte, dann vor allem deshalb, weil die USA aufgewacht sind.

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Kosten

Diese zahlen die Stromverbraucher. Die Ökostrom-Umlage und Rabatte für die Industrie belasten ihre Stromrechnungen.

Fördersystem

Die Wirtschaft warnt vor Planwirtschaft und fordert ein Förder-Ende sowie Wettbewerb auch für Ökostrom-Erzeuger.

20 Jahre Garantie

Da Solar- und Windanlagen bisher 20 Jahre lang Vergütungen bekommen, kann der Strompreis erstmal nicht sinken.

Soziale Schieflage

Die Zahnarzthelferin zahlt über den Strompreis die Renditen für Solarpanele, die sich ihr Chef aufs Dach setzt.

Industrie

Sie muss entlastet werden, damit niemand abwandert. Aber wie stark? Die Bürger müssen dadurch Mehrbelastungen schultern.

Zielkonflikt

Weniger Atomstrom führt dazu, dass mehr Kohlestrom produziert wird. Der CO2-Ausstoß ist 2012 und 2013 gestiegen.

Länder-Interessen

Der Norden will mehr Windräder, der Westen fürchtet um seine Industrie, der Süden will mehr Gaskraftwerke.

Stromnetze

Große Nord-Süd-Trassen werden gebraucht, sonst gibt es im Norden viel zu viel Strom. Aber die Bürger protestieren.

Fehlende Steuerung

Bisher können quasi unbegrenzt Ökoenergie-Anlagen gebaut werden - es fehlt oft an bedarfsorientierter Planung.

Grundlast-Problem

Ohne Speicher sind wegen der je nach Wetterlage schwankenden Ökostrom-Produktion weiterhin viele Kraftwerke nötig.

Strombörse

Im Einkauf fallen dank viel Ökostrom die Preise - die Bürger spüren davon wegen der Umlagen beim Endpreis kaum etwas.

Fehlender Markt

Viele Kraftwerke rechnen sich nicht mehr - der mit viel Geld geförderte Ökostrom stellt den Markt auf den Kopf.

Überkapazitäten

Wegen des rasanten Ausbaus wird oft zu viel Strom produziert. Nie wurde so viel Strom exportiert wie 2013.

Ärger bei den Nachbarn

Polen lässt Netzsperren einbauen, auch andere Länder klagen über Preis- und Stromfluss-Unwuchten.

Wärmemarkt

Im Wärmebereich hakt es besonders stark, auch beim Energiesparen - Gebäudesanierungs-Ziele werden kaum erreicht.

Die Bastion der Erderwärmungsignoranten ist gefallen. Amerika, die Führungsmacht der Industrienationen, das Land, das mehr CO2 in die Luft gepumpt hat als jedes andere, beginnt, seiner besonderen Verantwortung gerecht zu werden. Der umweltpolitische Umschwung in den USA ist mit einem Namen verbunden: Barack Obama. Dabei war der Mann zunächst eine gewaltige Enttäuschung. Umweltschützer hatten die Hoffnung schon aufgegeben, als sich Obama seiner Vollmachten besann - und mit Emissionsgrenzen für Kraftwerke de facto den Ausstieg aus der Kohleenergie verordnete. Auch Autos und Trucks müssen sparsamer werden. Das Ziel: den CO2-Ausstoß bis 2025 um 26 Prozent unter das Niveau von 2005 zu drücken. Das mag vielen Umweltschützern nicht genügen. Doch es ist ein Anfang. Und vor allem ist es ein Signal. Die Großemittenten China und Indien können sich nicht länger hinter den tatenlosen Amerikanern verstecken.

Obama dient seine Klimadiplomatie als Beweis, dass Amerika, die erschöpfte Weltmacht, noch führen kann: „Weil die Vereinigten Staaten mit gutem Beispiel vorangehen, haben bis heute 150 Länder, die für mehr als 85 Prozent des globalen Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich sind, Pläne zur Verringerung ihrer CO2-Emissionen vorgelegt.“

Die Frage lautet: Reicht das? Die Antwort: wahrscheinlich nicht. Was auch immer auf dem Pariser Gipfel beschlossen werden wird - „es kann nur ein Anfang sein“, sagt Klimaforscher Kirtman. Die Widerstände aber sind beträchtlich. Die Rohstoffbranche bekämpft den Klimaschutz verbissen, ihr politischer Arm sind die Republikaner. Sie argumentieren, dass sich die Erderwärmung nicht bekämpfen ließe, ohne die Wirtschaft zu zerstören.

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