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04.12.2015

18:52 Uhr

Klimagipfel in Paris

„Es geht um Menschenleben“

VonThomas Hanke

Unternehmen müssen in Zukunft über ihre KIimabilanz genauso berichten wie über ihre Finanzen – das ist eines der Ergebnisse von Paris. Und: Arbeitsplätze gelten nicht mehr zwangsläufig als Entschuldigung.

Der Gouverneur der Bank von England (r.) und der frühere New-Yorker Bürgermeister und Medienunternehmer sprechen über Ergebnisse und Erkenntnisse des Klimagipfels von Paris. ap

Mark Carney und Michael Bloomberg

Der Gouverneur der Bank von England (r.) und der frühere New-Yorker Bürgermeister und Medienunternehmer sprechen über Ergebnisse und Erkenntnisse des Klimagipfels von Paris.

Die Szene könnte kaum belangloser scheinen: Zwei Männer sitzen in schwarzen Ledersesseln nebeneinander, ein dritter interviewt sie. Doch vielleicht wird diese dreiviertel Stunde am Freitag in einem der Säle auf der Pariser Klimakonferenz COP 21 in ein paar Jahren als einer der Schlüsselmomente im Kampf gegen den Klimawandel bewertet.

Denn was Mark Carney, Gouverneur der Bank von England und Chef des Financial Stability Board (FSB) gemeinsam mit dem früheren New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg verkündet, hat es in sich: Große Unternehmen werden künftig nicht nur detailliert über ihre finanzielle Lage berichten müssen sondern auch über ihre Klimabilanz. Wie viel Klimagifte stoßen sie aus, wo stehen sie mit Blick auf die Anpassung an nationale Verpflichtungen zur Verringerung der CO2-Emissionen, können und werden sie in einer Welt funktionieren, die „net zero“ ist, wie die Amerikaner knapp sagen, in der es also keine Emissionen von Gasen mehr geben wird, die zur Aufheizung der Atmosphäre führen?

„Derzeit gibt es keine wirklich verlässliche, konsistenten Informationen darüber, wo das einzelne Unternehmen steht“, stellte Carney am Freitag fest: „Ein Drittel der 1000 größten Unternehmen der Welt veröffentlicht die CO2-Bilanz, den ökologischen Fußabdrucks, aber nicht nach einer einheitlichen Systematik, über die anderen weiß man nichts.“ Es gebe 400 Organisationen, die den Beitrag von Unternehmen zum Klimawandel einzuschätzen versuchten, doch sei die Systematik nicht frei von Widersprüchen. Das FSB wird nun eine „Climate Change Disclosure Task Force“ einrichten, die Bloomberg leitet. Ihr Ziel: „Aus einer Hand alle klimarelevanten Informationen über einzelne Unternehmen zu liefern, damit ein Markt für den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft entstehen kann.“

Man könne ein Anhänger starker Maßnahmen gegen den Klimawandel sein oder vielleicht sogar zu der Minderheit zählen, die diesen immer noch leugnet, „aber was niemand ignorieren kann, ist die Reaktion des Kapitalmarktes“, urteilt Carney. Der werde künftig beurteilen, wie riskant ein Unternehmen sei mit Blick auf die Anpassung an den Klimawandel, „die Investoren werden ihr Urteil fällen über die Frage: Hat ein Unternehmen eine Strategie zur Vorbereitung auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft oder nicht. Und wenn das Urteil negativ ausfällt, werden die Kapitalkosten für dieses Unternehmen steigen“, erwartet der FSB-Chef. Das FSB werde aber nicht vorschreiben, wie die Finanzwirtschaft reagieren müsse, „das muss sie selber entscheiden, etwa mit Blick auf das Kreditrisiko, das ein Unternehmen mit einem großen CO2-Fußabdruck darstellt.“

Die Task Force werden keine Beamten, sondern die Privatwirtschaft tragen. Sie wird im Auftrag der 20 reichsten Länder (G20) und des FSB einen Standard für die Klima-Berichterstattung schaffen, so wie es heute bereits Standards für die finanzielle Rechnungslegung gibt. Die Regulierer werden dann entscheiden, welche Unternehmen den anwenden müssen. „Es geht um leicht zugängliche Informationen, die es dem Markt erlauben werden, sich ein Urteil zu bilden über das Klima-Risiko eines Unternehmens“, ergänzt Bloomberg.

Bloomberg, politisch ein Konservativer, erregte sich über die Reaktion mancher Vertreter der Kohleindustrie: „Sie warnen vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, aber erstens ist die Kohleindustrie heute nicht mehr arbeitsintensiv, und zweitens geht es hier um Menschenleben: Wenn wir durch Verzicht auf Emissionsminderung einen Arbeitsplatz in der Kohleindustrie retten könnten, aber fünf Menschen sterben, wäre das etwa ein guter Austausch?“

Big Player beim Klima-Poker in Paris

China

Der weltweit größte CO2-Emittent hat in seiner Klimapolitik eine Kehrtwende vollzogen: Galt die Volksrepublik bei der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen noch als großer Verweigerer, erwarten Beobachter nun, dass sich das Land in Paris für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande sagten Anfang November in einer Erklärung zu, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele stark zu machen. Demnach soll alle fünf Jahre eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte erfolgen. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. 

USA

US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde „definitiv“ nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet – einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama wohl durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.

Europäische Union

Die EU hat sich selbst im internationalen Vergleich ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf Null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die Weltgemeinschaft ihre Klimaschutz-Anstrengungen alle fünf Jahre auf den Prüfstand stellt und falls nötig nachjustiert. Denn langfristig soll die Erderwärmung auf maximal zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden.

Entwicklungsländer (G77)

Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu. „Das wird ein grundlegender Vertrauenstest für Paris“, sagte der Geschäftsführer der Organisation Germanwatch, Christoph Bals.

Indien

Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie eine Reduktion der Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohle-Steuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

Der Gründer des gleichnamigen Medienkonzerns verwies auch auf die bigotte Reaktion mancher Unternehmen: „Philip Morris stellt Zigaretten her, hat in seinen Büros aber das Rauchen verboten, und manche Unternehmen in den USA fördern und exportieren Kohle, setzen sich aber für die Schließung von Kohlekraftwerken in ihrer Umgebung ein, damit die Luft besser wird.“

Carney erinnerte daran, dass im Rahmen der G20 der Gedanke entstanden ist, die Gefahr des Klimawandels für den Finanzsektor zu untersuchen. „Die Aufheizung der Atmosphäre stellt eine systemisches Risiko für den Finanzmarkt dar“, sagte der Gouverneur. Denn noch wisse man nicht, ob die Investoren „schrittweise oder abrupt“ reagieren werden, „wir wollen aber nicht, dass sie sich abrupt aus bestimmten Unternehmen oder Sektoren zurückziehen und damit eine Krise auslösen“, versicherte der Gouverneur. Die neuartige Form der Rechnungslegung werde eine graduelle Anpassung ermöglichen an eine Wirtschaft, die „Klimarisiken mindert und neue Möglichketen, neue Chancen honoriert“.

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