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14.12.2015

12:08 Uhr

Klimagipfel in Paris

Kein Weltuntergang? Ketzerisches zur Klimakonferenz

VonMichael Wolffsohn

Alle jubeln über die erfolgreiche Weltklimakonferenz. Doch es ist maßloser erdgeschichtlicher und menschheitsgeschichtlicher Irr- und Wahnsinn zu glauben, der Mensch könne Klimawandel verhindern. Aus zwei Gründen.

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

Professor Tacheles

Der Historiker Prof. Dr. Michael Wolffsohn schreibt für das Handelsblatt Gastbeiträge als Professor Tacheles.

Der Weltuntergang wird verhindert! Das ist jedenfalls die weltweit einhellig verkündete Heilsbotschaft nach der so erfolgreichen Pariser Weltklimakonferenz. Die Freude ist angebracht. Nicht nur unsere Bundesumweltministerin jubelt. US-Präsident Obama verkündet gar, dass nun das Klimaproblem „gelöst“ sei. Alle Teilnehmer feiern. Fast ist man zu sagen geneigt: Die ganze Menschheit jubelt.

Muss ich mich schämen oder tadeln, dass ich angesichts des einhelligen Jubels nicht mitjubele? Gewiss, das Ziel, die weitere Erderwärmung nicht nur zu bremsen, sondern zu verringern, ist höchst lobenswert. Damit kann zum Beispiel auch verhindert werden, dass so manches niedrige, am Meer gelegene Gebiet einstweilen keinen Untergang befürchten muss. Das ist zwar weniger als die Verhinderung des Weltuntergangs, aber immerhin großartig. Eindrucksvoll war auch die Konferenzleitung durch den französischen Außenminister Fabius. Wann hat man je die Regierung von Präsident Hollande oder auch nur einen ihrer Minister so souverän, effizient, pragmatisch und politisch erfolgreich erlebt? Hut ab, also „Chapeau“, monsieur le ministre.“

Aus zwei Gründen kann ich nicht mitjubeln, so sehr ich mich mitfreue. Erstens machen mich Jubelorgien skeptisch. Besonders dann, wenn sie eine Person für den Quasi-Messias oder ein politisches Ereignis als Weltrettung oder, umgekehrt, Weltuntergang feiern oder eben beklagen.

Zweitens schauen die meisten Akteure sowie die jubelnden Massen nur aufs Heute und Morgen. Wer jedoch das Gestern vergisst, kann auch das Heute und Morgen nicht richtig einschätzen.

Himmelhoch jauchzend ist meistens so falsch wie zu Tode betrübt. Ich erinnere mich noch an das Jahr 2008. Deutsche und andere in der Welt feierten Barack Obama fast wie einen Messias. Inzwischen ist der Messias von damals ein „Mensch wie du und ich“. Er ist zwar ungemein sympathisch, auch intelligent, aber seine Bilanz ist kaum ansehnlicher als die vieler seiner Vorgänger. In seiner Außenpolitik gilt „mal zick, ´mal zack“. Wenn Obama ein Problem für „gelöst“ hält, ist, wie beim Atomabkommen mit dem Iran, Skepsis angebracht.

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Kosten

Diese zahlen die Stromverbraucher. Die Ökostrom-Umlage und Rabatte für die Industrie belasten ihre Stromrechnungen.

Fördersystem

Die Wirtschaft warnt vor Planwirtschaft und fordert ein Förder-Ende sowie Wettbewerb auch für Ökostrom-Erzeuger.

20 Jahre Garantie

Da Solar- und Windanlagen bisher 20 Jahre lang Vergütungen bekommen, kann der Strompreis erstmal nicht sinken.

Soziale Schieflage

Die Zahnarzthelferin zahlt über den Strompreis die Renditen für Solarpanele, die sich ihr Chef aufs Dach setzt.

Industrie

Sie muss entlastet werden, damit niemand abwandert. Aber wie stark? Die Bürger müssen dadurch Mehrbelastungen schultern.

Zielkonflikt

Weniger Atomstrom führt dazu, dass mehr Kohlestrom produziert wird. Der CO2-Ausstoß ist 2012 und 2013 gestiegen.

Länder-Interessen

Der Norden will mehr Windräder, der Westen fürchtet um seine Industrie, der Süden will mehr Gaskraftwerke.

Stromnetze

Große Nord-Süd-Trassen werden gebraucht, sonst gibt es im Norden viel zu viel Strom. Aber die Bürger protestieren.

Fehlende Steuerung

Bisher können quasi unbegrenzt Ökoenergie-Anlagen gebaut werden - es fehlt oft an bedarfsorientierter Planung.

Grundlast-Problem

Ohne Speicher sind wegen der je nach Wetterlage schwankenden Ökostrom-Produktion weiterhin viele Kraftwerke nötig.

Strombörse

Im Einkauf fallen dank viel Ökostrom die Preise - die Bürger spüren davon wegen der Umlagen beim Endpreis kaum etwas.

Fehlender Markt

Viele Kraftwerke rechnen sich nicht mehr - der mit viel Geld geförderte Ökostrom stellt den Markt auf den Kopf.

Überkapazitäten

Wegen des rasanten Ausbaus wird oft zu viel Strom produziert. Nie wurde so viel Strom exportiert wie 2013.

Ärger bei den Nachbarn

Polen lässt Netzsperren einbauen, auch andere Länder klagen über Preis- und Stromfluss-Unwuchten.

Wärmemarkt

Im Wärmebereich hakt es besonders stark, auch beim Energiesparen - Gebäudesanierungs-Ziele werden kaum erreicht.

Nicht persönlich, sondern grundsätzlich ist meine Skepsis gegenüber dem Pariser Klimaabkommen. Die in diese Vereinbarung gesetzten Hoffnungen sind ganz und gar unrealistisch.

Man muss kein Klimaforscher und kann, wie ich, Historiker oder sonst was sein, um zu wissen: Klimawandel ist eine Konstante der Erdgeschichte. Er hat nie aufgehört, er ist im Gange, und er wird sich fortsetzen. Mit und ohne menschliches Zutun.

Kommentare (51)

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Rainer von Horn

14.12.2015, 12:18 Uhr

Als ich im Fernsehen die Freudestränen der Bundesumweltministerin Hendricks sah, da wurde mir auh ganz warm ums Herz....

Wahrscheinlich deswegen, weil wir beide wohl an die vielen Billionen an CO2-Steuern denken mussten, die die gesamte Menschheit nun im Rahmen dieses modernen Ablasshandels an die Systemprofiteure zu zahlen verpflichtet ist.

Herr Peter Silberg

14.12.2015, 12:24 Uhr


Das Buch von Prof. Reichholf zu empfehlen ist leider keine gute Idee. Es strotzt vor Fehlern:
(http://www.pik-potsdam.de/~stefan/klimahysterie.html)

"Mit falschen und irreführenden Klimakurven arbeitet auch Josef Reichholf, dessen Buch Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends derzeit in vielen Buchläden ausliegt. Die Kernthese des Buches ist, dass die Klimaentwicklung im letzten Jahrtausend wesentlich unsere Geschichte geprägt hat. Überraschenderweise erfährt man jedoch praktisch nichts über den wissenschaftlichen Kenntnisstand zu dieser Klimaentwicklung. In der Fachliteratur gibt es inzwischen ein Dutzend Rekonstruktionen des Klimaverlaufs auf der Nordhemisphäre über diese Zeit, die auf den Daten aus Baumringen, Korallen, Eisbohrkernen, Sedimenten und der Gletscherausdehnung beruhen. Sie alle sind im neuen IPCC-Bericht diskutiert. Bei Reichholf werden diese Studien gar nicht erwähnt. Er diskutiert zwar, dass historische Ereignisse wie die Vorstöße der Mongolen wohl mit bestimmten Klimabedingungen zusammenhängen müssten – auf eine Überprüfung dieser Hypothese anhand von Klimadaten wartet der Leser jedoch vergeblich. Dafür liefert Reichholf reichlich Belege für sein Unverständnis elementarer Zusammenhänge im Klimasystem, z.B. wenn er über die Eiszeiten schreibt: „Die Niederschläge hatten global stark abgenommen, weil so viel Wasser an beiden Polen in Eis gebunden war.“

Ausführlich wird die Geschichte der Landverluste durch Sturmfluten an der Nordsee behandelt – aber ohne deren Ursache zu erwähnen, die nacheiszeitliche Landabsenkung um über 1 mm/Jahr [8]. Nach seinem Credo „warm ist gut“ führt Reichholf diese Landverluste stattdessen auf das schlechte Wetter während der „kleinen Eiszeit“ zurück. Dass einige der verheerendsten Fluten, z.B. die Julianenflut 1164 und die Marcellusflut 1219, während der mittelalterlichen Warmphase stattfanden, stört ihn dabei nicht."

Herr Vinci Queri

14.12.2015, 12:27 Uhr

<< Alle jubeln über die erfolgreiche Weltklimakonferenz. >>

Ob man eine Zweiwoechige Fress- und Sauftur von Schmarotzern dieser Welt, abgeschirmt vom Rest der Welt, als ERFOLGREICH bezeichnen kann ?

Das erstellte Papier ist geduldig und wahrscheinlich von seiner Qualitaet auch sehr gut geeignet, um sich damit den Allerwertesten abzuwischen !

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