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07.12.2015

14:40 Uhr

Klimakonferenz in Paris

Arme Staaten haben es besonders schwer

Wenig Schlaf, viel Kaffee und Streit ums Detail: Die Klimakonferenz verlangt Unterhändlern viel ab. Für arme Staaten gilt das besonders, denn sie haben kein Geld für große Delegationen. Dabei geht es für sie um alles.

Zu den Teilnehmern der Pariser Klimakonferenz gehören auch 48 besonders arme Staaten. AFP

Klimakonferenz in Paris

Zu den Teilnehmern der Pariser Klimakonferenz gehören auch 48 besonders arme Staaten.

ParisEs ist ein mehrmonatiger Verhandlungsmarathon mit zweiwöchigem Endspurt: Die Verhandlungen für den Weltklimavertrag gehen an die Substanz, auch bei Giza Gaspar-Martins. Der eloquente 43-Jährige aus dem westafrikanischen Angola koordiniert bei der Pariser Klimakonferenz eine Ländergruppe von 48 besonders armen Staaten.

„Das ist eine extreme Herausforderung“, sagt er. Etwa wenn es darum geht, dreißig gleichzeitig stattfindende Expertentreffen zu besetzen. Fürs Innehalten ist keine Zeit: „Wir haben Mitglieder, deren Überleben auf dem Spiel steht“, sagt Gaspar-Martins.

Die Gruppe, deren Arbeit Gaspar-Martins in Paris organisiert, heißt im UN-Jargon LDC. Das steht für die am wenigsten entwickelten Länder der Welt („least developed countries“). Für die Allianz, der neben Afghanistan oder kleinen Inselstaaten vor allem afrikanische Länder angehören, geht es beim Klimawandel um alles: „Die Wirkungen des Klimawandels verschlimmern sich in den am wenigsten entwickelten Ländern, einfach weil wir am wenigsten dafür gerüstet sind“, sagt der Klima-Diplomat.

Daten, Fakten und Namen rund um den Klima-Gipfel

Arbeitsplätze

Das Umweltministerium zählt für 2013 in Deutschland 371.400 Arbeitsplätze zum Bereich erneuerbare Energien, die meisten in der Windenergie. Im alten Kraftwerksbereich sank die Zahl der Beschäftigten stetig: von 240.000 in 2006 auf 210.000 in 2012.

Basic-Staaten

Diese Gruppe umfasst die vier großen Schwellenländer Brasilien, Südafrika, Indien und China. Sie haben zwar auch Klimaziele, pochen aber vor allem auf die historische Verantwortung der Industriestaaten. BRICS heißt diese Staatengruppe plus Russland. Sie umfasst über 40 Prozent der Weltbevölkerung.

CO2

Kohlendioxid (CO2) trägt zu 76 Prozent zum Treibhauseffekt bei. Heute ist die CO2-Konzentration in der Atmosphäre um 40 Prozent höher ist als vor dem Beginn der Industrialisierung um 1750.

Dämme

Industrieländer können Dämme bauen, auf kleinen Inselstaaten ist das nicht möglich. Der Meeresspiegel ist laut IPCC von 1901 bis 2010 um 19 Zentimeter gestiegen. Er klettert immer schneller, derzeit um über drei Millimeter pro Jahr

Einstimmigkeit

Bei den UN-Klimaverhandlung ist es üblich, dass das Abschlussdokument ohne Gegenstimme angenommen wird.

Christiana Figures

Sie leitet das UN-Klimasekretariat seit 2010 und ist somit die UN-Klimachefin. Die resolute Diplomatin aus Costa Rica studierte in England und war unter anderem Botschafterin in Deutschland. Sie ist 1956 geboren und hat zwei Töchter.

Fluorierte Kohlenwasserstoffe

Die FCKW tragen zu zwei Prozent zum Treibhauseffekt bei. Die Produktion dieser ozonzerstörenden Stoffe ist durch das Montreal-Protokoll zum Schutz der Ozonschicht inzwischen weitgehend verboten, sie sind aber sehr langlebig.

Gletscher

Sie werden derzeit pro Jahr im Schnitt 0,5 bis ein Meter dünner. Das sei zwei- bis dreimal mehr als im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts, berichtet der World Glacier Monitoring Service. Sie sind in vielen Ländern ein wichtiges Trinkwasserreservoir.

Hitzewellen

Die Jahre mit den fünf heißesten Sommern seit 1500 lagen alle nach dem Jahr 2000. Besondere Hitzewellen gab es 2003 in Europa mit 70.000 Toten und Ernterückgängen sowie 2010 in Westrussland mit 55.000 Toten und Waldbränden. Viele Forscher vermuten als Ursache neben der Erderwärmung unter anderem den arktischen Jetstream.

IPCC

Der Weltklimarat IPCC wurde 1988 gegründet. Er soll zeigen, wie sich der Klimawandel auswirkt, welche Anpassungsstrategien es gibt und wie er gebremst werden kann. Mehrere Tausend Forscher werten bestehende Daten für die regelmäßig erscheinenden Berichte aus.

Jetstream

Dieser wellenförmige Windstrom umkreist die Nordhalbkugel in mehreren Kilometern Höhe. Gewöhnlich verändert sich die Lage seiner Wellen. Immer häufiger bleiben sie starr, was zu langen Dürren oder anhaltenden Regenfällen mit Hochwasser führen kann.

Kyoto

Das Kyoto-Protokoll von 1997 war der erste weltweite Klimavertrag, der jedoch nur den Industrieländern Klimaziele gab. Bei Kyoto II, das von 2013 bis 2020 läuft, sind nur noch die EU und zehn weitere Länder dabei, die 15 Prozent der Weltemissionen umfassen. Sie wollen ihren Ausstoß von 1990 bis 2020 um 18 Prozent reduzieren.

Staaten, die die UN als LDCs einstuft, haben eine Menge Probleme: Ihre Bevölkerungen sind vergleichsweise schlecht ausgebildet, hinzu kommen Unterernährung und hohe Kindersterblichkeit. Das Pro-Kopf-Einkommen ist niedrig, die Wirtschaft anfällig für Schocks, etwa, weil sie sehr stark von nur einem Produkt oder einer Dienstleistung abhängt, erklärt Gaspar-Martins. Da könne schon ein einziges Wetterereignis fatale Folgen haben: „Ein Ereignis von zwei oder drei Stunden kann die Infrastruktur eines Landes auslöschen - die soziale und ökonomische Infrastruktur, die das Leben erhält.“

Ein ähnliches Fazit zog jüngst auch die Umweltorganisation Germanwatch in ihrem aktuellen Klima-Risiko-Index: Hitzewellen, Überschwemmungen und andere Wetterkatastrophen treffen vor allem arme Entwicklungsländer. „Es trifft vor allem diejenigen, die am wenigsten dazu beigetragen haben und die sich am schlechtesten schützen können“, bilanziert Autor Söhnke Kreft.

Die armen Länder machen sich deshalb bei den Pariser Verhandlungen für ehrgeizige Klimaziele stark. Wenn die Politik den Empfehlungen der Wissenschaftler Gehör schenke, dann müsse die von Treibhausgasen befeuerte Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden - genau das ist einer der Knackpunkte der Verhandlungen. Bisher konnte sich die Weltgemeinschaft nur auf ein Ziel von höchstens 2 Grad einigen

Zudem müssten sich die 196 Verhandlungspartner auf ein bindendes Klimaabkommen einigen. „Eins der Übel, die den Prozess bisher heimgesucht haben, ist die Frage des Vertrauens“ in die Zusagen, meint Gaspar-Martins. Da helfe nur die Festlegung, dass gesetzte Ziele auch umgesetzt werden. Schließlich fordert die Gruppe finanzielle Hilfen entwickelter Länder. Doch in all diesen Punkten sind die Gespräche festgefahren. Gleichzeitig drängt die Zeit: Bis Freitag soll der Weltklimavertrag stehen.

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