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12.11.2015

07:40 Uhr

Klimaschutz-Debatte

Ölindustrie muss Investitionen weiter drosseln

Die Unternehmen der Ölindustrie legen ein Großprojekt nach dem anderen auf Eis. Das Dauertief beim Rohölpreis ist nur ein Grund: Experten sehen die ganze Energiebranche im Wandel. Weil Aktionäre Druck machen fürs Klima.

Immer mehr Investoren sagen inzwischen öffentlichkeitswirksam Nein zu Renditen aus fossilen Rostoffen. Reuters

Arbeiter an einer Gas-Förderanlage im US-Bundesstaat Colorado

Immer mehr Investoren sagen inzwischen öffentlichkeitswirksam Nein zu Renditen aus fossilen Rostoffen.

WashingtonEs waren hochfliegende Pläne. Shell, einer der größten privaten Energiekonzerne der Welt, wollte vor Alaska nach Öl und Gas bohren. Unmengen an Geld und Mühe steckte das britisch-niederländische Unternehmen in die Vorarbeiten. Im Sommer kam dann das Aus: Zu teuer, hieß es lapidar. Investitionen von sieben Milliarden Dollar wandern in der Bilanz in die Rubrik Abschreibungen.

Shell ist nicht allein. Die Rohstoffindustrie fährt weltweit die Investitionen zurück, auch weil die Länder des Opec-Kartells derzeit den Markt mit billigem Öl überschwemmen. Allein im Jahr 2015 gehen die entsprechenden Summen in der Branche um 20 Prozent zurück, errechnete die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris. „Eine Transformation des Energiesektors ist in vielen Teilen der Welt auf dem Weg“, sagt der Generalsekretär der Agentur, Fatih Birol.

BP, Total, ExxonMobil, Chevron - alle Großen verkünden geringere Ausgaben für neue Unternehmungen. Und der Trend dürfte sich 2016 fortsetzen. Zuletzt verbot US-Präsident Barack Obama den Weiterbau der Keystone-Pipeline, die Kanadas Ölsand-Vorkommen mit den südlichen Bundesstaaten am Golf von Mexiko verbinden sollte.

Auch ein gemeinsames Arktik-Projekt von BP und ExxonMobil in der kanadischen Beaufort-See ist zu Ende - die Unternehmen ließen die Zeit verstreichen, in denen Bohrungen sinnvollerweise möglich gewesen wären. Für zwei weitere Ölfelder vor Alaska hat die US-Regierung gar nicht erst die Pachtverträge ausgeschrieben. „Kein Interesse der Industrie“, hieß es zur Begründung.

Das größte Ausrufezeichen setzte vielleicht Saudi-Arabien. Das Ölland schlechthin denkt laut über eine Zukunft nach den fossilen Energieträgern nach - und will einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Ein lange Zeit für undenkbar gehaltenes Zeichen aus dem Land, dessen Wirtschaft heute zu 80 Prozent vom Erdöl abhängt.

Westliche Konzerne bekommen zunehmend Druck von ihren Aktionären. Zuletzt musste sich der US-Kohlegigant Peabody zwei Jahre lang mit dem New Yorker Generalstaatsanwalt herumplagen. Teilhaber hatten moniert, das Unternehmen habe die aus dem Klimawandel resultierenden Risiken für Investments in der Branche nicht ausreichend deutlich gemacht.

Welche Staaten über die größten Ölressourcen verfügen

Venezuela

konventionell: 3 Milliarden Tonnen
nicht-konventionell: 62,3 Milliarden Tonnen

Kanada

konventionell: 3,5 Milliarden Tonnen
nicht-konventionell: 51,2 Milliarden Tonnen

Russland

konventionell: 20 Milliarden Tonnen
nicht-konventionell: 14,8 Milliarden Tonnen

USA

konventionell: 15,7 Milliarden Tonnen
nicht-konventionell: 8,8 Milliarden Tonnen

China

konventionell: 16,2 Milliarden Tonnen
nicht-konventionell: 4,5 Milliarden Tonnen

Brasilien

konventionell: 13 Milliarden Tonnen
nicht-konventionell: 0,7 Milliarden Tonnen

Saudi Arabien

konventionell: 11,8 Milliarden Tonnen
nicht-konventionell: -

Kasachstan

konventionell: 4 Milliarden Tonnen
nicht-konventionell: 6,7 Milliarden Tonnen

Iran

konventionell: 7,2 Milliarden Tonnen
nicht-konventionell: -

Irak

konventionell: 6,1 Milliarden Tonnen
nicht-konventionell: -

Erläuterung

Die Auflistung zeigt die Top 10 Länder mit den größten konventionellen und nicht-konventionellen (Ölsand, Schwerstöl oder Schieferöl) Erdölressourcen im Jahr 2012. Erdölressourcen sind nachgewiesene, aber derzeit technisch und/oder wirtschaftlich nicht gewinnbare sowie nicht nachgewiesene, aber geologisch mögliche, künftig gewinnbare Energierohstoffmengen.

Quelle: BGR Energiestudie 2013

Das gleiche Problem hat inzwischen ExxonMobil am Hals. Der Vorwurf: Exxon habe Dritte bezahlt, die den Klimawandel kleinreden. Weltweit verabschieden sich Investoren sich aus Anlagen in fossilen Energieträgern, vor allem Kohle. US-Universitäten sind bei dieser „Deinvestment“-Bewegung dabei - ebenso wie die Stadt Münster, der Verlag des britischen „Guardian“ und die französische Axa-Gruppe. Auch die Kirche von England will nicht mehr an Kohle und Öl verdienen.

Nicht mehr als ein Signal? Ökonomisch ernster ist der Rückzug beim norwegischen Pensionsfonds, einem der größten staatlichen Investoren der Welt. Bei dem aus Ölgeldern gespeisten Fonds geschieht der milliardenschwere Rückzug nicht aus Ideologie - sondern aus schlichter Risikoabwägung. Die Kohle ist den Norwegern inzwischen als Geldanlage zu gefährlich. Folgt bald das Öl?

Parallel zu all diesen Entwicklungen gehen die Ausgaben für erneuerbare Energieträger nach oben. Zwar noch immer viel zu langsam, um das Zwei-Grad-Ziel bei der Klimaerwärmung ernsthaft erreichen zu können, wie die IEA bemängelt. Aber immerhin. 2014 wurde weltweit eine Rekordleistung von 130 Gigawatt in der regenerativen Erzeugung neu installiert - mehr als die Hälfte der gesamten Neuleistung.

Die Erneuerbaren sind mittlerweile die zweitgrößte Quelle zur Stromproduktion nach der rückläufigen Kohle. „Erneuerbare sind in den vergangenen Jahren deutlich wirtschaftlicher geworden“, sagt Tobias Münchmeyer, Energieexperte bei Greenpeace.

Meinen es Politik und Wirtschaft am Ende also doch ernst mit ihren Versprechungen vor dem Ende November beginnenden Klimagipfel in Paris? Zumindest in den USA, dem Land mit dem absolut zweitgrößten Ausstoß von Treibhausgasen, ist ein erstaunliches Umdenken im Gange. Präsident Obama behauptet auf seiner neuen Facebook-Seite gar, die USA würden „den weltweiten Kampf gegen den Klimawandel anführen“.

Von

dpa

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