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10.12.2015

06:47 Uhr

Klimawandel in Kambodscha

Exodus am Mekong

VonUrs Wälterlin

Der Klimawandel und die Jagd nach Energie bedrohen Millionen Menschen am Flussdelta. Damit ist das weltweit bedeutende Reisanbaugebiet gefährdet und es drohen massive Folgen für die globale Ernährungssicherheit.

Meerwasser frisst sich in die Süßwassersysteme. dpa

Fischer im Mekong-Delta

Meerwasser frisst sich in die Süßwassersysteme.

Phnom PenhGedankenverloren blickt Domaden auf eines seiner Reisfelder. Statt satten, grünen Pflanzen stecken vertrocknete Halme in staubigem Boden. „Der Regen ist unzuverlässig geworden, die Winde stark, die Temperaturen immer höher“, sagt der Mann leise. Eine tödliche Kombination für eine Pflanze, die darauf angewiesen ist, im Wasser zu wachsen. Etwa drei Stunden von der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh entfernt bewirtschaftet Domadens Familie 2,6 Hektar Land. Noch haben die meisten Pflanzen Wasser. Aber die trockenen Flächen breiten sich aus. „Wir können den Klimawandel sehen, mit unseren eigenen AugenÅ, sagt Domaden. Der 58-Jährige hat Angst vor der Zukunft.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Angst ist in Kambodscha ständiger Begleiter. Bis in die 90er-Jahre wüteten auch in Domadens Dorf die Roten Khmer. Insgesamt drei Millionen Menschen starben - an Hungersnöten, Folter und Mord. Heute haben es die Bewohner mit einem noch mächtigeren Gegner zu tun. In vielen Teilen des Mekong-Beckens in Kambodscha und Vietnam geht es ums Überleben. Der „Reisschüssel Asiens“ droht die Apokalypse.

150 Millionen Hektar Reisfelder gibt es weltweit, ein bedeutender Teil davon im Einzugsgebiet und Delta dieses fast 4500 Kilometer langen Flusses. Wie eine gigantische Schlagader zieht sich der Mekong von Tibet durch China, Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam. Der Fluss ist Quelle von Nahrung und Einkommen. Reis ist mit Abstand das wichtigste Agrarprodukt, er ernährt Millionen. Laut Prognosen der Vereinten Nationen wird die weltweite Nachfrage nach dem Getreide von 439 Millionen Tonnen (2010) auf 555 Millionen Tonnen (2035) steigen. Das größte Wachstum (67 Prozent) wird in Asien erwartet, aber auch in Afrika und in Amerika werde der Hunger nach Reis zunehmen. Doch die Flächen der wichtigsten Anbaugebiete Südostasiens schrumpfen.

75 Prozent des Reises in Thailand, Kambodscha und Vietnam werden auf Feldern produziert, die mit der traditionellen Überflutungsmethode bewirtschaftet werden. Der Klimawandel hat dort bereits dramatische Auswirkungen. Ein Mangel an Regen, flutartige Niederschläge, häufigere Wirbelstürme und Hitzeperioden führen zum Verlust von Agrarland. Im Großgebiet des Mekongs ist es in den vergangenen 50 Jahren um zwischen 0,5 und 1,5 Grad wärmer geworden - Tendenz steigend. Nicht nur Reis, sondern auch verschiedene Gemüsearten, zeigen wenig Toleranz für Klimavariationen.

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