Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.12.2015

10:18 Uhr

Umstrittene Technik CCS

So wird die Kohle nicht sauber

CO2 nicht in die Atmosphäre entlassen, sondern dauerhaft unterirdisch einlagern: Das könnte ein Weg sein, die Klimaerwärmung aufzuhalten. Aber die Technik wird seit Jahren erprobt – mit eher ernüchternden Ergebnissen.

Das Kraftwerk sollte ein Vorzeigeprojekt in Sachen CCS werden. Stattdessen dient die immer noch nicht fertiggestellte Anlage als Beweis dafür, dass die Technik die in sie gesetzten Hoffnungen bisher nicht erfüllt hat. ap

Kraftwerk in Kemper County (US-Staat Mississippi)

Das Kraftwerk sollte ein Vorzeigeprojekt in Sachen CCS werden. Stattdessen dient die immer noch nicht fertiggestellte Anlage als Beweis dafür, dass die Technik die in sie gesetzten Hoffnungen bisher nicht erfüllt hat.

DekalbEin Vorzeigeprojekt sollte das Kraftwerk in Kemper County im US-Staat Mississippi werden. Der Welt wollte man zeigen, dass Kohle auch verbrannt werden kann, ohne klimaschädliche Gase in die Luft zu blasen. Stattdessen dient die immer noch nicht fertiggestellte Anlage mittlerweile als Beweis dafür, dass die Technik der CO2-Abscheidung- und Speicherung (Carbon Dioxide Capture and Storage; CCS) die in sie gesetzten Hoffnungen bisher nicht erfüllt hat.

Die Kosten für den Bau sind inzwischen auf 6,5 Milliarden Dollar gestiegen, drei Mal so viel wie ursprünglich geplant. Kemper ist damit eines der teuersten Kraftwerke, die je gebaut wurden und trieb auch die Stromrechnungen für die 186.000 Kunden des Betreibers Mississippi Power in die Höhe. Nach mehrfachen Verzögerungen soll das Projekt nun am 30. Juni fertiggestellt sein, zwei Jahre später als vorgesehen.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Mithilfe von CCS wird CO2, das bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe oder bei Industrieprozessen entsteht, in unterirdische Lagerstätten gebracht. Die Technologie würde es der Welt erlauben, weiterhin Kohle, Öl und Gas zu verbrennen, dabei aber deutlich weniger Treibhausgase zu produzieren als bisher.

Doch trotz jahrzehntelanger Forschung und Pilotprojekten wartet CCS noch auf den Durchbruch. In jüngster Zeit kam es eher zu Rückschlägen. So beendete Norwegen 2013 ein CCS-Projekt, das es zuvor mit der ersten Mondlandung verglichen hatte. Als Grund wurden die hohen Kosten genannt.

Und am 25. November, nur wenige Tage vor dem Beginn der UN-Klimakonferenz in Paris, zog Großbritannien die Zusage über eine Milliarden Pfund (rund 1,4 Milliarden Euro) für die Technologie zurück. Zwei Projekte hatten sich um das Geld beworben, ihre Zukunft ist nun unklar.

Die Kosten sind ein Problem, Widerstand von Umweltschützern ein anderes. Organisationen wie Greenpeace und WWF erklären, der Klimaschutz müsse sich darauf konzentrieren, dass Energie künftig zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne stamme, und nicht darauf, die Nutzung fossiler Brennstoffe zu verlängern. Die Internationale Energieagentur (IEA) und der Weltklimarat (IPCC) führen dagegen an, ohne die CO2-Abscheidung sei das Ziel, die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius zu drücken, nicht zu erreichen.

In Paris dürfte die Technologie nur am Rande Thema sein. Von den mehr als 170 Ländern, die vor der Konferenz Aktionspläne einreichten, nannten nur acht CCS als mögliche Maßnahme zur Eindämmung des Ausstoßes von klimaschädlichen Gasen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×