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12.12.2015

11:09 Uhr

UN-Klimagipfel in Paris

„Ohne Kaffee kann man hier nicht überleben“

Der UN-Klimagipfel von Paris wird zum Marathon. Auch am Samstag wird in den Messehallen weiter um ein Abkommen gerungen. Nach drei durchverhandelten Nächten sind viele Delegierte am Limit.

Neben dem Vertragswerk wird der Schlafmangel zum größten Problem der UN-Konferenz in Paris. Reuters

Nickerchen auf dem Klimagipfel

Neben dem Vertragswerk wird der Schlafmangel zum größten Problem der UN-Konferenz in Paris.

ParisIhre Aufgabe ist es, die Menschheit zu retten, doch während die UN-Klimakonferenz sich über den eigentlich geplanten Schlusstermin am Freitag hinaus hinzieht, kämpfen viele der erschöpften Delegierten vor allem mit dem Schlaf. Tausende Unterhändler haben fast zwei Wochen in Le Bourget vor den Toren von Paris um die richtigen Formulierungen gerungen. Viele von ihnen sind am Samstag am Ende ihrer Kraft.

Das Hauptproblem dabei ist die Schlaflosigkeit, denn in den vergangenen drei Tagen gingen die Verhandlungen quasi non-stop rund um die Uhr. Neben die inhaltliche Herausforderung trat der Belastungstest für das rein körperliche Durchhaltevermögen. Nur noch Koffein, Adrenalin und die Hoffnung auf ein gutes Ergebnis hielten die Diplomatie am Laufen.

„Kaffee hilft immer, diese Konferenzen sind die einzigen Zeiten, zu denen ich Kaffee trinke“, sagt der südafrikanische Unterhändler Maesela Kekana. „Ohne Kaffee kann man hier nicht überleben. Wir helfen uns alle gegenseitig, indem wir uns Kaffee bringen.“

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Guayanas Umweltminister Raphael Trotman sagte am Freitagnachmittag, er habe in zwei Nächten nur sechs Stunden Schlaf bekommen. „Mit etwas Adrenalin und viel Kaffee“ sei das aber noch okay. „Hoffnung und Erwartung treiben dich weiter“, auch gehe es allen anderen ja genauso. Allerdings habe er auch schon Kollegen gesehen, die in den Sitzungen eingenickt seien.

Eigenartige Bilder sind auf dem Konferenzgelände zu sehen: Delegierte, die in den Hallen auf Sesseln herumliegen, ohne Schuhe, Masken als Lichtschutz vor den Augen, um zwischendurch ein oder zwei Stunden Schlaf nachzuholen. Hochrangige Diplomaten schlafen in den Delegationsbüros auf dem Fußboden.

Allmählich wirke sich die Müdigkeit auch auf die Fähigkeit der Menschen aus, klar zu denken, sagt Espen Ronneberg aus der Delegation der Pazifikinsel Samoa. Auch der Umgangston habe sich geändert: „Wir sind alle müde und reden nicht mehr so diplomatisch. Stattdessen kommen wir direkt auf den Punkt.“ Die Begrüßung werde häufig gestrichen, ein leichtes Kopfnicken müsse reichen.

Große Delegationen sind in Le Bourget eindeutig im Vorteil, weil sie sich die Verhandlungszeiten aufteilen können. Am besten ist die EU dran, die auch ihre komplette Ministerriege gezielt auf unterschiedliche Beratungsrunden und -zeiten verteilen kann. „Kleine Länder haben dagegen kleine Delegationen und schlafen entsprechend weniger“, sagt die kanadische Konferenzbeobachterin Naomi Klein.

15 Gründe, weshalb die Energiewende so kompliziert ist

Kosten

Diese zahlen die Stromverbraucher. Die Ökostrom-Umlage und Rabatte für die Industrie belasten ihre Stromrechnungen.

Fördersystem

Die Wirtschaft warnt vor Planwirtschaft und fordert ein Förder-Ende sowie Wettbewerb auch für Ökostrom-Erzeuger.

20 Jahre Garantie

Da Solar- und Windanlagen bisher 20 Jahre lang Vergütungen bekommen, kann der Strompreis erstmal nicht sinken.

Soziale Schieflage

Die Zahnarzthelferin zahlt über den Strompreis die Renditen für Solarpanele, die sich ihr Chef aufs Dach setzt.

Industrie

Sie muss entlastet werden, damit niemand abwandert. Aber wie stark? Die Bürger müssen dadurch Mehrbelastungen schultern.

Zielkonflikt

Weniger Atomstrom führt dazu, dass mehr Kohlestrom produziert wird. Der CO2-Ausstoß ist 2012 und 2013 gestiegen.

Länder-Interessen

Der Norden will mehr Windräder, der Westen fürchtet um seine Industrie, der Süden will mehr Gaskraftwerke.

Stromnetze

Große Nord-Süd-Trassen werden gebraucht, sonst gibt es im Norden viel zu viel Strom. Aber die Bürger protestieren.

Fehlende Steuerung

Bisher können quasi unbegrenzt Ökoenergie-Anlagen gebaut werden - es fehlt oft an bedarfsorientierter Planung.

Grundlast-Problem

Ohne Speicher sind wegen der je nach Wetterlage schwankenden Ökostrom-Produktion weiterhin viele Kraftwerke nötig.

Strombörse

Im Einkauf fallen dank viel Ökostrom die Preise - die Bürger spüren davon wegen der Umlagen beim Endpreis kaum etwas.

Fehlender Markt

Viele Kraftwerke rechnen sich nicht mehr - der mit viel Geld geförderte Ökostrom stellt den Markt auf den Kopf.

Überkapazitäten

Wegen des rasanten Ausbaus wird oft zu viel Strom produziert. Nie wurde so viel Strom exportiert wie 2013.

Ärger bei den Nachbarn

Polen lässt Netzsperren einbauen, auch andere Länder klagen über Preis- und Stromfluss-Unwuchten.

Wärmemarkt

Im Wärmebereich hakt es besonders stark, auch beim Energiesparen - Gebäudesanierungs-Ziele werden kaum erreicht.

Auch die Vertreter kleiner Staaten wie die Delegation Samoas probieren allerdings, so gut es geht, mit den Kräften hauszuhalten. „Wir haben versucht, Leute zwischendurch ins Hotel zu schicken“, sagt Ronneberg. Das habe jedoch nicht geklappt, weil die Fahrzeit von rund einer Stunde zu lang sei. Daher sei auch für sie das Schlafen im engen Delegationsbüro der einzige Ausweg gewesen.

Djordjije Vulikic aus der auch recht kleinen Delegation Montenegros sagt, er sei zwar müde, noch reiche aber die Anspannung, um hinreichend bei der Sache zu bleiben. Allerdings ertappe er sich dabei, davon zu träumen, was er tun werde, wenn das Klimaabkommen beschlossen ist: „Ich werde dann zwei komplette Tage schlafen.“

Von

afp

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