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12.12.2015

18:12 Uhr

UN-Klimagipfel

Stolz und Freude über Vertrag von Paris

VonSilke Kersting

Europa, USA und die Entwicklungsländer sagen ja zum Klimavertrag von Paris. NGOs und Wissenschaft loben das Abkommen als Signal. In Deutschland steht jetzt der Kohleausstieg wieder im Fokus.

Die Gipfelteilnehmer standen unter hohem Druck der Öffentlichkeit. dpa

Demonstration in Paris

Die Gipfelteilnehmer standen unter hohem Druck der Öffentlichkeit.

ParisEs wäre ein historischer Durchbruch: Kurz vor dem Ende der zweiwöchigen Pariser UN-Klimakonferenz haben Gastgeber Frankreich, die EU und Umweltschützer eindringlich für ein Ja zu einem umfassenden Weltklimavertrag geworben. Von den USA bis hin zu den Entwicklungsländern wurde von allen Seiten große Zustimmung signalisiert. Die endgültige Billigung des Dokuments sollte am Samstagabend erfolgen.

Das Abkommen war noch nicht unterzeichnet, da wurde es bereits gefeiert. „Ich bin sehr zufrieden“, sagte Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth dem Handelsblatt. Auch die ersten Reaktionen von Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen auf den am Samstagmittag vorgelegten letzten Textentwurf fiel positiv aus. „Ein wichtiger Schritt zum Abschied vom Erdöl“, kommentierte Regine Günther, Generaldirektorin Politik und Klimaschutz des WWF Deutschland.

Analyse zum Klimagipfel: Der Paris-Deal – ausgewogen statt ambitioniert?

Analyse zum Klimagipfel

Der Paris-Deal – ausgewogen statt ambitioniert?

Die Welt hat wohl ein neues Klimaabkommen. Haben sich die Staaten in Paris auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, oder kam mehr heraus bei den knapp zweiwöchigen Verhandlungen? Eine Analyse.

Erstmals werde eine Architektur aufgesetzt, „bei der sich alle Staaten gemeinsamen, transparenten Zielen und Regeln unterwerfen, um den Klimawandel zu bekämpfen“. Die Entwicklungsorganisation Germanwatch sprach von einem „ausgewogenen Paket für Klimaschutz und Solidarität mit den Hauptbetroffenen des Klimawandels“.

Das Abkommen sieht vor, die globale Erwärmung im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten auf unter zwei Grad zu begrenzen, mit dem Anspruch, 1,5 Grad in Sichtweite zu bringen. Der Text folge damit den Vorgaben der Wissenschaft, so Günther. „Dies ist ein wirklich bedeutender Schritt, gerade für die verletzlichsten Staaten und kleinen Inseln“. Außerdem sei es ein Signal dafür, „dass die Welt sich von fossilen Energien beschleunigt verabschieden wird“.

Die wichtigsten Schlagworte zum Klimawandel

Globale Erwärmung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Temperatur auf der Erde um gut 0,8 Grad Celsius angestiegen. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts (von 2001 bis 2010) war nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie das heißeste seit 1881 - im Durchschnitt betrug die Temperatur 14,47 Grad an der Land- und Meeresoberfläche und damit 0,47 Grad mehr als im Durchschnitt zwischen 1961 und 1990.

Anstieg des Meeresspiegels

Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen 20 Jahren beschleunigt. Laut dem IPCC-Bericht von 2007 dürfte der Meeresspiegel bis zum Endes dieses Jahrhunderts um zwischen 18 und 59 Zentimeter ansteigen. Im neuen Bericht dürfte diese Zahl angehoben werden. Studien zufolge geht der Anstieg zu rund einem Drittel darauf zurück, dass sich das Wasser bei zunehmender Wärme ausdehnt, zu einem weiteren Drittel auf das Schmelzen von Gletschern und zu etwas weniger als einem Drittel auf das Abschmelzen der Eiskappen in Grönland und der Antarktis.

Eisschmelze

Die Arktis erlebte im vergangenen Jahr eine Rekord-Eisschmelze. Laut der US-Behörde für Ozeanologie und Atmosphärenforschung (NOAA) verkleinerte sich die Eisfläche in der Arktis 2012 auf 3,41 Millionen Quadratkilometer. Das ist die kleinste Fläche seit Beginn der Satelliten-Beobachtung der Region vor 34 Jahren und 18 Prozent weniger als der bisherige Niedrigrekord aus dem Jahr 2007. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gewässer rund um den Nordpol bis 2050 im Sommer eisfrei sein könnten.

Gletscherschwund

Bei Gebirgsgletschern wird weltweit eine starke Eisschmelze beobachtet, etwa im Himalaya-Gebirge oder in den südamerikanischen Anden. Die Gletscher der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien könnten bis 2050 ganz verschwunden sein.

Extreme Wetterphänomene

In einem Sonderbericht hatte der Weltklimarat IPCC im November 2011 festgehalten, dass es im Zuge der Erderwärmung zu einer Zunahme extremer Wetterphänomene wie heftiger Regenfälle, Hitzewellen und Dürreperioden gekommen ist und diese Entwicklung anhalten wird. 2012 wurden laut eine Untersuchung etwa die Hälfte aller Extremwetterphänomene durch den Klimawandel verstärkt.

Artensterben

Unter einem weiteren Temperaturanstieg wird auch die Tier- und Pflanzenwelt leiden. Ein Anstieg zwischen 1,5 und 2,4 Grad im Vergleich zu den 20 letzten Jahren des 20. Jahrhunderts würde dafür sorgen, dass 20 bis 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht würden.

Zwei-Grad-Ziel

Internationales Ziel ist es, den Temperaturanstieg bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwei Grad zu beschränken. Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen wird der Anstieg aber zwischen drei und fünf Grad betragen, wenn es bei den bisherigen Bemühungen zur Reduzierung von Treibhausgasen bleibt.

Climategate

Im November 2009 drangen Hacker in die Computer des Klimaforschungszentrums der University of East Anglia ein, stahlen mehrere tausend Dokumente und veröffentlichten sie im Internet als angebliche Belege für wissenschaftliches Fehlverhalten der Klimaforscher. Mehrere Untersuchungen unabhängiger Institutionen konnten allerdings keine Hinweise auf ein solches Fehlverhalten nachweisen.

Der Text enthalte das notwendige Signal für den weltweiten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas in den nächsten Jahrzehnten, sagte auch Christoph Bals von Germanwatch. Konkret heißt das: Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bis Mitte des Jahrhunderts und zusätzlich Treibhausgasneutralität der anderen Sektoren in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. „Die Emissionen weltweit müssen vor 2030 ihren Höhepunkt erreichen“, forderte der deutsche Klimawissenschaftler Hans Joachim Schellnhuber.

WWF-Expertin Günther verwies darauf, dass es jetzt darauf ankomme, auf nationaler Ebene die Geschwindigkeit bei der Umsetzung zu erhöhen. In Deutschland, aber auch in anderen Ländern, ist damit konkret der Ausstieg aus der Kohle gemeint. Die Grünen hatten schon während der laufenden Verhandlungen durchklingen lassen, dass sie das Thema nach dem Ende des Gipfels wieder in den Focus rücken wollten.

„Das Dekarbonisierungs-Signal von Paris heißt für Deutschland, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel bald Pläne für den Kohleausstieg innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte vorlegen muss“, forderte Bals.

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