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29.11.2015

18:48 Uhr

Weltbank-Chef Jim Yong Kim

„Wir brauchen ein Signal des Aufbruchs vom Klimagipfel“

VonMoritz Koch

Dürren, Überschwemmungen, weniger Ackerland: Die Menschheit muss sich auf den Klimawandel einstellen – und das Schlimmste verhindern, sagt Weltbank-Chef Jim Yong Kim im Interview. Für reine Präventionspolitik sei es zu spät.

Der Weltbank-Chef gibt vor dem Klimagipfel in Paris auch optimistische Töne von sich. Er erwartet in der Umweltpolitik „einen Innovationsschub“, der zu positiven Entwicklungen führt, „die wir uns heute nicht einmal vorstellen können“. ap

Kim Jim

Der Weltbank-Chef gibt vor dem Klimagipfel in Paris auch optimistische Töne von sich. Er erwartet in der Umweltpolitik „einen Innovationsschub“, der zu positiven Entwicklungen führt, „die wir uns heute nicht einmal vorstellen können“.

WashingtonDer Weltbank-Chef Kim Jim verliert seinen Terminplan nie aus den Augen. Dafür reicht ihm ein dezenter Blick auf Handgelenk – dankt seiner Apple Watch. Kim ist ein gefragter Mann, auch beim Klimagipfel in Paris wird er einem Meeting zum nächsten eilen. Die Weltbank plant, ihre Mittel für grüne Investitionen auf jährlich 29 Milliarden Dollar aufzustocken. Vor seiner Abreise nach Paris sprach Kim mit dem Handelsblatt in seinem Washingtoner Büro über seinen Traum: emissionsfreies Wachstum.


Das Ziel der Weltbank ist es, Armut zu überwinden. Eine Jahrhundertaufgabe. Und jetzt wollen Sie auch noch das Klima retten?
Das eine ist von dem anderen nicht zu trennen. Unser Ziel, global die Armut bis 2030 zu überwinden, ist extrem ehrgeizig. Und wir werden es niemals erreichen, wenn wir nicht gleichzeitig den Klimawandel bekämpfen. Unsere Experten schätzen: Ohne große Anstrengungen gegen die Erderwärmung könnten 2030 zusätzlich 100 Millionen Menschen in Armut leben.

Worauf stützt sich diese Prognose?
Drei Faktoren, die mit dem Klimawandel verbunden sind, haben enormen Einfluss auf die Armut. Zuerst auf die Ertragskraft der Landwirtschaft. Wenn wir nicht gegensteuern, wird südlich der Sahara bis 2030 40 Prozent der Fläche für den Maisanbau verloren gehen. Wasser wird schon heute knapp. Und Wasser hat nicht nur Einfluss auf die Landwirtschaft, sondern auch auf die Gesundheit. Durchfallerkrankungen und Cholera-Ausbrüche werden wegen des fehlenden Zugangs zu sauberem Wasser zunehmen. Malaria wird sich ausbreiten. Daher ist Gesundheit das zweite große Thema. Das dritte sind Naturkatastrophen, die arme Menschen besonders hart treffen. Denken wir an Mosambik: Jedes Mal, wenn ein Tropensturm auf die Küste trifft, sind die Folgen desaströs, weil es keine Deiche gibt.

Im Kampf gegen die Armut war jedoch kein Land so erfolgreich wie China - wo der Klimaschutz überhaupt keine Rolle gespielt hat.
Ja, China hat eine große Menge Kohle verbrannt und gleichzeitig die beispiellose Zahl von 600 Millionen Menschen aus extremer Armut befördert. Inzwischen aber ist Chinas klimapolitischer Ehrgeiz enorm. Bis 2017 wollen die Chinesen in den Emissionshandel einsteigen. Weil China so groß ist, wird das die Märkte auf der ganzen Welt bewegen. Jedes Unternehmen, das auf den chinesischen Markt geht, muss sich künftig darüber Gedanken machen, wie es Lösungen zur Emissionsvermeidung anbieten kann. Derzeit ist es in vielen Teilen der Welt noch schwer, sich eine Sonnen- und Windenergie basierte Grundversorgung vorzustellen. Die Leute denken an ein Leben mit gedämpften Licht und leeren Akkus. Doch was wir erleben, ist die schrittweise Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Emissionen. Ich denke, wir sind davon nicht mehr weit entfernt.

Für Entwicklungsländer ist die entscheidende Frage, wie teuer die grüne Grundversorgung sein wird.
Allein in meinen dreieinhalb Jahren bei der Weltbank sind die Kosten für Solarenergie um zwei Drittel gesunken. Wir machen gewaltige Fortschritte. Natürlich, wir können nicht jetzt schon auf alle fossilen Brennstoffe verzichten. Aber Entwicklungen wie der Emissionshandel in China oder auch die enorme Bereitschaft Indiens, in Sonnenenergie zu investieren, bieten uns die Möglichkeit, die Entkoppelung von Industrialisierung und Kohlenstoff weiter voranzutreiben. Darum ist die Konferenz in Paris so wichtig. Wir brauchen ein Signal des Aufbruchs.

Big Player beim Klima-Poker in Paris

China

Der weltweit größte CO2-Emittent hat in seiner Klimapolitik eine Kehrtwende vollzogen: Galt die Volksrepublik bei der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen noch als großer Verweigerer, erwarten Beobachter nun, dass sich das Land in Paris für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande sagten Anfang November in einer Erklärung zu, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele stark zu machen. Demnach soll alle fünf Jahre eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte erfolgen. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. 

USA

US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde „definitiv“ nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet – einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama wohl durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.

Europäische Union

Die EU hat sich selbst im internationalen Vergleich ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf Null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die Weltgemeinschaft ihre Klimaschutz-Anstrengungen alle fünf Jahre auf den Prüfstand stellt und falls nötig nachjustiert. Denn langfristig soll die Erderwärmung auf maximal zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden.

Entwicklungsländer (G77)

Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu. „Das wird ein grundlegender Vertrauenstest für Paris“, sagte der Geschäftsführer der Organisation Germanwatch, Christoph Bals.

Indien

Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie eine Reduktion der Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohle-Steuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

Paris steht noch immer unter Schock. Fürchten Sie, dass die Terrorgefahr die langfristigen Risiken des Klimawandels überschattet?
Kurz nach den Anschlägen war ich beim Gipfel der G20-Staaten in der Türkei. Wir haben den Klimawandel nie außer Acht gelassen. Gleichzeitig herrschte kein Zweifel: Der Terror ist eine Bedrohung für die gesamte Welt. Einfache Lösungen gibt es nicht, weil die Ursachen des Problems so komplex sind. Terror wurzelt nicht allein in Ideologie, Religion oder Armut, sondern in einer Kombination dieser Faktoren. Die internationale Gemeinschaft muss zusammenarbeiten, und soweit Armut eine Rolle spielt, müssen wir innovativ sein. Dort, wo Terroristen Rekruten anwerben, müssen wir den Menschen ein Leben ermöglichen, das ihnen Hoffnung gibt und sie vom Terror fernhält.

Betrachten Sie die Erderwärmung auch als Sicherheitsproblem? Sind heutige Flüchtlingswellen womöglich nur die Vorboten künftiger Klimakrisen?
Es gibt Prognosen, wonach die Golfstaaten bis Ende des Jahrhunderts unbewohnbar werden könnten. Können Dürren, Hunger und Extremwetter Instabilität und Konflikte befördern? Wir müssen davon ausgehen, dass es so ist. Denn selbst wenn der Kampf gegen den Klimawandel Erfolg hat, werden wir eine Erwärmung der Atmosphäre erleben, die zu mehr Dürren, Überflutungen und zum Verlust von Ackerland führt. Wir müssen vorbereitet sein. Für eine Politik, die nur auf Prävention setzt, ist es schon zu spät. Wir müssen Wachstum und Emissionen entkoppeln, aber gleichzeitig auch in die Anpassung an veränderte Klimaverhältnisse investieren, etwa in den Küstenschutz.

Die Staatengemeinschaft hat sich dem Ziel verschrieben, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Prominente Klimaforscher warnen: Das Treibhausdesaster wird so nicht abgewendet, sondern festgeschrieben.
Wir sehen heute schon, wie sich Extremwetterereignisse häufen. Dinge, die eigentlich nur alle 100 Jahre geschehen sollten, treten alle zwei oder drei Jahre ein. Aktuell beschäftigt uns El Niño im Pazifik: Die Wassermassen vor der peruanischen Küste sind sechs Grad Celsius wärmer als normal. In vorangegangenen El-Niño-Perioden stieg die Temperatur nur um zwei Grad. Die ersten Folgen sehen wir bereits: Verheerende Waldbrände in Australien, Regenfälle in Chile, wie wir sie seit 80 Jahren nicht gesehen haben. Natürlich kann man nicht jedes Wetterphänomen monokausal mit dem Klimawandel erklären, aber es besteht keine Frage, dass die Ozeane eine enorme Menge C02 absorbiert haben und die Wassertemperaturen steigen.

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