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29.11.2015

09:16 Uhr

Weltklimagipfel in Paris

Viel ist noch nicht genug

VonFatih Birol

Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur, beschreibt vor dem Gipfel in Paris, was in der Klimapolitik passieren muss. Im Zentrum aller Anstrengungen sieht er den Energiesektor. Ein Gastkommentar.

Die CO²-Emissionen durch den Energiesektor sollen gesenkt werden. dpa

Braunkohlekraftwerk Jänschwalde

Die CO²-Emissionen durch den Energiesektor sollen gesenkt werden.

Der 21. Weltklimagipfel der Vereinten Nation in Paris (COP 21) ist ein wichtiger Meilenstein im Kampf gegen den Klimawandel. Seit dem ersten Weltklimagipfel im Jahr 1995 ist der globale Ausstoß von Treibhausgasen um mehr als ein Viertel gestiegen. Der Spielraum, der beim Kohlenstoffdioxid verbleibt, um die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad Celsius zu beschränken, nimmt immer weiter ab, während sich gleichzeitig wissenschaftliche Belege über die gravierenden Auswirkungen des Klimawandels auf die Weltbevölkerung häufen.

Der Energiesektor ist der Hauptverursacher von Treibhausgas. Er steht deshalb im Zentrum aller Anstrengungen. Die gute Nachricht ist, dass von dort zunehmend ermutigende Zeichen kommen, ein Wandel sei möglich.

Der Autor ist Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA). Reuters

Birol Fatih

Der Autor ist Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA).

Im Jahr 2014 erreichte der globale Zubau an erneuerbaren Energien mit 130 Gigawatt ein neues Rekordhoch – die Hälfte aller in diesem Jahr neu gebauten Kraftwerkskapazitäten. Die Investitionen dafür lagen bei rund 270 Milliarden Dollar und wurden vor allem in China, den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union getätigt.

Energiesektor vor großen Herausforderungen

Auch in puncto Energieeffizienz gibt es gute Nachrichten. Der Anteil des globalen Endenergieverbrauchs, der politischer Regelung unterlag, um mehr Energieeffizienz zu erreichen, lag 2014 bei 27 Prozent. Das ist fast doppelt so viel wie 2005. Zudem ging in Kanada das erste kommerziell betriebene Kraftwerk mit CO2-Abscheidung und -Nutzung ans Netz, während die Europäische Union im Jahr 2015 ihr Emissionshandelssystem reformiert hat und China ankündigt, im Jahr 2017 ebenfalls ein Emissionshandelssystem einzuführen.

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Eine langfristige Transformation des Energiesektors muss jedoch auch langfristig angelegt werden. Die Entscheidungen, die während COP 21 in Paris und danach getroffen werden, müssen daher die Erfordernisse ebenso wie die Verantwortung des Energiesektors ins Zentrum stellen. Nur so werden seine vielfältigen Akteure von der Entschlossenheit der Politik überzeugt, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen.

Der Energiesektor steht vor großen Herausforderungen: Neben der Senkung der Emissionen muss er das Wirtschaftswachstum unterstützen, Versorgungssicherheit gewährleisten und weltweit Milliarden Menschen den fehlenden Zugang zu modernen Energiedienstleistungen verschaffen. Wenn der Energiesektor die notwendigen Investitionen tätigen soll, benötigt er klare Ziele von COP 21. Ein Abkommen, dass den Energiesektor nicht ins Zentrum stellt, riskiert, ein Fehlschlag zu werden.

Neue Maßnahmen zur Senkung von Emissionen

Nationale Klimaschutzziele, sogenannte Intended Nationally Determined Contributions, sind die Basis von COP 21. Sie enthalten auch die Senkung des Ausstoßes von Treibhausgasen. Der politische Wille, der hinter ihnen steht, ist beeindruckend: gut 160 Länder haben inzwischen ihre Klimaziele vorgelegt. Rund die Hälfte aller nationalen Ziele enthält explizite Ziele für den Energiesektor, entweder als Teil eines Emissionsziels oder als eigenständiges Ziel. Die am häufigsten genannten energiebezogenen Maßnahmen zielen auf den Ausbau erneuerbarer Energien oder auf die Verbesserung der Energieeffizienz.

Big Player beim Klima-Poker in Paris

China

Der weltweit größte CO2-Emittent hat in seiner Klimapolitik eine Kehrtwende vollzogen: Galt die Volksrepublik bei der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen noch als großer Verweigerer, erwarten Beobachter nun, dass sich das Land in Paris für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande sagten Anfang November in einer Erklärung zu, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele stark zu machen. Demnach soll alle fünf Jahre eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte erfolgen. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. 

USA

US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde „definitiv“ nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet – einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama wohl durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.

Europäische Union

Die EU hat sich selbst im internationalen Vergleich ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf Null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die Weltgemeinschaft ihre Klimaschutz-Anstrengungen alle fünf Jahre auf den Prüfstand stellt und falls nötig nachjustiert. Denn langfristig soll die Erderwärmung auf maximal zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden.

Entwicklungsländer (G77)

Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu. „Das wird ein grundlegender Vertrauenstest für Paris“, sagte der Geschäftsführer der Organisation Germanwatch, Christoph Bals.

Indien

Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie eine Reduktion der Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohle-Steuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

Hinzu kommen andere Maßnahmen zur schnellen Senkung von energiebezogenen Emissionen, wie zum Beispiel die geringere Nutzung ineffizienter Kohlekraftwerke, das Senken der Methanemissionen in der Öl- und Gasförderung, die Reform von Subventionen für fossile Brennstoffe und die Einführung von CO2-Preisen. Seltener erwähnt werden technische Optionen wie die Kernenergie, CO2-Abscheidung und -Speicherung sowie alternative Treibstoffe für den Transportsektor, die bei der langfristigen Dekarbonisierung des Energiesektors eine Rolle spielen können.

Wie neue Analysen der Internationalen Energieagentur (IEA) in ihrem World Energy Outlook Special Briefing for COP 21 zeigen, kann die Verwirklichung der Klimaziele das Wachstum des Ausstoßes von globalen energiebezogenen Treibhausgasen deutlich reduzieren: Der Anstieg der Emissionen bis 2030 würde nur ein Drittel des Wachstums von 2000 bis heute betragen. Bis zum Jahr 2030 würden diese Emissionen dann in einer Vielzahl von Ländern stagnieren oder bereits zurückgehen – unter anderem in der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten, China, Japan, Korea und Südafrika. Damit würden auf Ebene der nationalen Ziele das Wirtschaftswachstum und Emissionen in einer wachsenden Zahl Länder entkoppelt, so dass die spezifischen Emissionen pro Einheit Wirtschaftsleistung im Jahr 2030 um 40 Prozent niedriger wären als heute.

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