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13.11.2015

06:31 Uhr

Gesundheit

Das Recht auf die zweite Meinung

VonMaike Telgheder

Immer mehr Patienten holen sich vor Operationen zusätzlichen medizinischen Rat ein. Darauf gibt es ab 2016 für gesetzlich Versicherte einen Rechtsanspruch. Davon profitieren werden vor allem Internetportale.

Wer Bedenken bei einer Therapie hat, kann sich eine zweite Meinung einholen. Davon profitieren Internetportale. IMAGO

Patienten können mehrere Meinungen einholen

Wer Bedenken bei einer Therapie hat, kann sich eine zweite Meinung einholen. Davon profitieren Internetportale.

FrankfurtIn Deutschland wird zu viel operiert. Darauf verweisen internationalen Statistiken etwa der OECD. Und das hat Mediziner Jan-Christoph Loh während seiner Arbeit als Chirurg Tag für Tag erlebt: Im System der Fallpauschalen verdienen deutsche Krankenhäuser eben mehr, wenn sie möglichst viele Patienten behandeln. „Fälle gleich Stelle“ war das geflügelte Wort der Klinikärzte, und die entscheidende Motivation für Loh mit seinem Schulfreund Jan Dzulko 2011 das Internetportal „Medexo“ – Medizinische Experten Online zu gründen. Es bietet Patienten die Möglichkeit, online eine zweite Arztmeinung zu einer Behandlung oder Operation einzuholen.

Fünf Vorwürfe an die Krebs-Industrie

Das Buch

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach geht in seinem Buch „Die Krebs-Industrie“ (Rowohlt Verlag) hart mit den Pharmafirmen ins Gericht. Im Wesentlichen nennt er folgende fünf Vorwürfe...

1. Vorwurf: Teure Preise

Lauterbach moniert an der Krebs-Industrie: „Die hohen Preise haben nichts mit dem tatsächlichen Nutzen der Medikament zu tun.“ Er sehe keinen Zusammenhang zwischen der Hemmung des Krebswachstums und den Kosten für die Medikamente. Deswegen bezeichnet Lauterbach die Krebs-Industrie als „Wachstumsmarkt in einer alternden Gesellschaft“.

2. Vorwurf: Nur der Profit zählt

„Die hohen Medikamentenpreise resultieren nicht aus den Forschungskosten, sondern dienen allein den Profitinteressen der Unternehmen“, schreibt der SPD-Gesundheitsexperte in seinem Buch „die Krebs-Industrie“. Die hohen Forschungskosten seien schlichtweg ein nicht zu begründender Mythos.

3. Vorwurf: Missbrauch der Marktmacht

Die Konzerne missbrauchten ihre Marktmacht, das ist sich Lauterbach sicher. Denn es gäbe nur wenige Unternehmen, die ein neues Medikament auf den Markt bringen könnten. „Wenn es so weitergeht, wird niemals mehr ein mittelständisches Pharmaunternehmen ein Krebsmedikament herausbringen“, befürchtet der Experte.

4. Vorwurf: Behinderung der Forschung

„Die Pharmafirmen behindern die Forschung oft sogar“, kritisiert Lauterbach. Die Grundlagenforschung würde von den Pharmaunternehmen blockiert. Denn viele Firmen seien nicht gewillt, weniger Geld für Marketing und Werbung auszugeben. Statt Forschung komme es deswegen immer häufiger zu „Scheininnovationen“.

5. Vorwurf: Hohe Preise sprengen das System

Lauterbach spricht von einer „Kostenexplosion bei den Krebsmedikamenten“ und prognostiziert „den Ruin und die Verzweiflung des Krebskranken“. Die Gier der Aktionäre und Unternehmen koste schließlich in letzter Konsequenz das höchste Gut des Menschen: sein Leben.

Dass eine Operation etwa bei Rückenbeschwerden nicht immer die erste Behandlungsoption sein muss, zeigt das seit 2010 gestartete Modellprojekt „Zweitmeinung vor Wirbelsäulen-Operationen“ der Techniker-Krankenkasse. Bei 85 Prozent der mehr als 1500 Patienten, empfahlen die Zweitmeinungs-Experten, auf die angeratene OP zu verzichten. Nun kann man Krankenkassen unterstellen, dass sie ein Interesse daran haben, hohe Operationskosten einsparen zu wollen. Aber auch das Team von Medexo kommt nach mittlerweile mehr als 1100 erstellten Zweitmeinungen zu dem Schluss, dass nur 30 Prozent der angeratenen OPS an Hüfte, Rücken, Knie, Schulter und Hand durch die Experten des Zweitmeinungsportals bestätigt wurden. In fast neun von zehn Fällen seien dann übrigens die Ärzte, die die Erstdiagnose gestellt haben, der zweiten Meinung gefolgt, hat Medexo ermittelt.

Heute holen sich etwa 50 Patienten pro Monat eine zweite medizinische Einschätzung über Medexo ein. 80 Prozent der Anfragen betreffen dabei orthopädische Diagnosen und Eingriffe. Das liegt auch daran, dass Medexo sich 2012 mit dem Zweitmeinungsportal „Vorsicht Operation“ zusammengetan hat, das von Kniechirurg Hans Pässler zusammen mit anderen auf den Bewegungsapparat spezialisierten Chirurgen ins Leben gerufen wurden. Begutachtet werden die Patientenfälle von mittlerweile mehr als 80 Experten. Die Kosten für eine einfache Zweimeinung in Höhe von 300 Euro übernimmt dabei in vielen Fällen die gesetzliche Krankenkasse: Einige sind bereits offizieller Kooperationspartner von Medexo. In Fällen werden die Kosten oft auf Nachfrage erstattet, meint Loh.

Corinna Schäfer, Leiterin der Abteilung Patienteninformation beim Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin, empfiehlt jedem Patienten, sich vor dem Einholen einer zweiten Meinung darüber klar zu werden, was er damit erreichen will. „Wer sich an ein Portal wendet, dessen Angebot auf der Annahme basiert, dass zu viel behandelt wird, muss auch in seinem Fall mit einer entsprechenden Empfehlung rechnen.“

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