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30.10.2015

11:18 Uhr

Nach Krebswarnung für Wurst

WHO versucht Wogen zu glätten

Nach dem Sturm der Entrüstung wegen der Warnungen vor Wurst und rotem Fleisch versucht die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Wogen zu glätten. Es gehe nicht darum, von den Leuten zu verlangen, keine Wurst zu essen.

Nach Aufrufen zur Klarstellung erklärte die WHO, die jüngste Bewertung ihrer Behörde verlange nicht den Verzicht von Fleischwaren. Reuters

WHO-Studio

Nach Aufrufen zur Klarstellung erklärte die WHO, die jüngste Bewertung ihrer Behörde verlange nicht den Verzicht von Fleischwaren.

Genf, LyonDer regelmäßige Verzehr von verarbeitetem Fleisch erhöht das Krebsrisiko – mit dieser Einschätzung hat die Weltgesundheitsorganisation WHO in dieser Woche aufhorchen lassen. Nach Protesten aus der Wirtschaft und Berichten über verunsicherte Verbraucher hat sich die WHO nun mit einer Klarstellung erneut zu Wort gemeldet.

Ihre Experten von der Krebsforschungsagentur (IARC) hätten keineswegs den völligen Verzicht auf Wurst verlangt, heißt es in der am Donnerstag veröffentlichten Erklärung. Die Agentur habe vielmehr darauf aufmerksam machen wollen, dass ein geringerer Verzehr Würstchen, Schinken und anderem verarbeitetem Fleisch das Krebsrisiko vermindern könne.

Fragen zum Fleisch

Was steckt Gutes im Fleisch?

Fleisch liefert hochwertiges Eiweiß, essenzielle Aminosäuren sowie die Vitamine B1, B6 und B12. Das Spurenelement Eisen ist wichtig für die Blutbildung. „Fleisch trägt dazu bei, den Protein- und Eisenbedarf zu decken“, sagt der Präsident des Max-Rubner-Instituts für Ernährung und Lebensmittel, Gerhard Rechkemmer. Wer als Vegetarier Milch und Eier esse, sei aber nicht automatisch unterversorgt.

Was ist nicht so gut?

Gerade geräuchertes Fleisch enthält relativ viel Salz. Nicht schmecken kann man Rückstände von Antibiotika und Keime. Um den Medikamenten-Einsatz in der Massentierhaltung wird seit langem gerungen. Beanstandet wird aber nur relativ wenig mit Antibiotika belastetes Fleisch, wie aus dem Bericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) von 2012 hervorgeht. Durch verunreinigtes Futter wurde in Fleisch auch schon Quecksilber nachgewiesen.

Sind solche Funde auch gesundheitsgefährdend?

Sind Höchstgrenzen überschritten, dürfen Produkte nicht in den Handel gelangen. Verkaufsverbot gilt europaweit auch für Fleisch von Tieren, die mit Wachstumshormonen behandelt wurden. „Der Standard der Lebensmittelsicherung in Deutschland ist so hoch, dass man sich um die Gesundheit keine Sorgen machen muss“, sagte der Epidemiologe Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE). Durch resistente Keime auf Fleisch wird allerdings eine Resistenz gegen Antibiotika auch für Krankheitserreger des Menschen befürchtet.

Wie sicher ist weißes Fleisch?

„Zu weißem Fleisch hat man bisher in keiner epidemiologischen Studie einen Zusammenhang mit Krebs gefunden“, sagte Boeing. Generell bewertet auch die DGE Geflügel unter gesundheitlichen Gesichtspunkten günstiger als rotes Fleisch. Aus Angst vor Krebs nun vermehrt auf Geflügel umzuschwenken, ist aber nicht unbedingt der logische Schluss aus der WHO-Empfehlung. Denn Antibiotika-resistente und andere potenziell krankmachende Keime werden insbesondere auf Geflügel gefunden. Hygiene bei der Zubereitung ist daher wichtig.

Was sollte man beachten, wenn man kein Fleisch mehr essen will?

Auf Fleisch kann man gut verzichten, sind sich Experten einig. Vegetarier müssten sich aber mit Nährwerten und abwechslungsreicher Ernährung befassen, um beispielsweise Eisen optimal auszunutzen. Denn Eisen aus Gemüse, Hülsenfrüchten oder Vollkornprodukten kann der Körper nicht so leicht aufnehmen wie tierisches. Kombiniert mit Vitamin C lässt sich die Aufnahme aber verbessern, wie Rechkemmer schildert.

Wer braucht Nahrungsergänzungsmittel?

Vitamin B12 ist für Veganer ein kritischer Nährstoff, weil er nicht in pflanzlichen Quellen vorkommt: Es müsste durch Nahrungsergänzungsmittel oder angereicherte Lebensmittel ersetzt werden. Wer zu Pillen greifen will, solle aber gezielt einen Stoff einnehmen, anstatt auf den Streueffekt zu setzen.

Welche schädlichen Seiten hat Fleischkonsum noch?

Massentierhaltung steht schon lange in der Kritik: Viehtransporter und dunkle, enge Ställe voller Tiere - das ist für viele Vegetarier und Veganer Anreiz genug zum Fleischboykott. Aber auch der Verzicht dem Klima zuliebe ist begründet: Die Umweltstiftung WWF etwa sieht hohen Fleischkonsum als „Brandbeschleuniger“ für die globale Klimaveränderung. Denn für eine fleischreiche Ernährung sind viel mehr Flächen nötig als für eine pflanzliche. Werden etwa Wälder in Südamerika für den Anbau von Tierfutter wie Soja abgeholzt, wird Kohlendioxid aus Bäumen und Böden freigesetzt.

Die WHO-Behörde hatte am Montag in Lyon mitgeteilt, der regelmäßige Konsum erhöhe das Risiko für Darmkrebs. Zudem stuften die Experten rotes Fleisch generell als wahrscheinlich krebserregend ein. Darunter wird das Muskelfleisch aller Säugetiere verstanden, also auch von Rind, Schwein, Lamm, Kalb, Schaf, Pferd und Ziege.

Eine Arbeitsgruppe aus 22 Experten hatte mehr als 800 Studien über den Zusammenhang von Fleischkonsum und dem Risiko für verschiedene Krebsarten ausgewertet. Die WHO-Behörde kam zu dem Schluss, dass das Darmkrebs-Risiko je 50 Gramm verarbeitetes Fleisch am Tag um 18 Prozent steigt.

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