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03.01.2003

07:00 Uhr

Technische Analysten halten Preisanstieg bis 400 Dollar für möglich

Nach Golde drängt, am Golde hängt . . .

VonWolfgang Drechsler

Jahrelang war der Blick auf den Goldmarkt fast genauso aufregend wie der Versuch, Gras beim Wachsen zuzuschauen. Oder besser: Zuzuschauen, wie ein vermeintlich wertvoller Vermögensgegenstand mehr und mehr von seiner Werthaltigkeit verlor. Im Januar 1980 war die Gold-Notierung kurzzeitig auf das Allzeit-Hoch von 850 $ pro Unze geschnellt. Danach ging es, abgesehen von einzelnen Zwischenerholungen, 20 Jahre lang bergab.

DÜSSELDORF. Doch jetzt ist eine Trendwende erkennbar: Sorgen vor einem möglichen Krieg im Nahen Osten, die rasante Baisse an den Weltbörsen und ein schwacher Dollar haben Bewegung in den Goldmarkt gebracht und dem gelben Metall zu neuem Glanz verholfen.

Ende vergangener Woche kletterte der Unzenpreis zeitweise auf über 350 Dollar - so teuer war Gold zuletzt vor sechs Jahren. Nur ein paar Tage zuvor lag die Notierung noch bei bei 328 Dollar und gestern pendelte sie um die Marke von 345 Dollar.

Die starken Schwankungen, die auch in den nächsten Monaten anhalten dürften, zeigen, dass am Goldmarkt eigene Gesetz gelten. Selbst Experten können die Übertreibungen nach oben wie unten oft nicht verstehen. "Häufig ist nicht ersichtlich, weshalb der Preis so wild in die eine oder andere Richtung ausschlägt" sinniert Bernard Swanepoel, Chef des südafrikanischen Goldproduzenten Harmony.

Sicher ist nur: Wer in Gold flüchtet, rechnet oftmals mit dem Schlimmsten: mit Inflation, Krieg, Terroranschlägen oder im äußersten Fall gar dem Zusammenbruch des Weltfinanzsystem. Und Gold gilt in dieser gefährlicher gewordenen Welt als klassisch sicherer (Anlage)Hafen.

Wer den Goldpreis voraussagen will, muss deshalb neben der Kenntnis wirtschaftlicher Abläufe auch etwas von Politik und Psychologie verstehen. Denn anders als bei den meisten anderen Rohstoffen, die, wie Kohle, Kupfer oder auch Platin, in einem engen Verhältnis von Angebot und Nachfrage stehen, ist für die Entwicklung des Goldpreises die geopolitische Großwetterlage von Bedeutung. Ebenso klar ist, dass der steigende Goldpreis das Verhalten vieler Investoren verändert hat. Nachdem die Anleger in den letzten beiden Jahren bittere Verluste am Aktienmarkt einstecken mussten, sind für viele nun nicht mehr hohe Renditen, sondern der Gedanke der Vermögenssicherung von übergeordneter Bedeutung. Im abgelaufenen Jahr ist es denn auch zu einer weiteren Umschichtung von Aktien in Gold gekommen. Immer öfter wird das gelbe Metall auch von großen Fonds als Sicherheitspuffer beigemischt.

Für einen anhaltend hohen Goldpreis spricht auch das stärker ausgewogene Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Nachdem die Zentralbanken jeden Anstieg des Preises zum Verkauf eines Teils ihrer auf rund 32 000 Tonnen geschätzten Goldreserven genutzt haben, ist der Markt ab 1999 durch ein Moratorium, das von 15 Zentralbanken beschlossen wurde, ruhiger und berechenbarer geworden. Bis 2004 dürfen die Notenbanken als Teil der kollektiven Selbstbeschränkung zusammen maximal 400 Tonnen pro Jahr aus ihren Beständen veräußern. Viele Beobachter erwarten für den Zeitraum danach eine ähnliche Übereinkunft.

Inzwischen hat der Preisanstieg eine Eigendynamik entwickelt. Ablesbar ist dies daran, dass nun auch die meisten Goldproduzenten an weiter steigende Preise glauben und ihre Terminverkäufe zurückgefahren haben. Hatten viele Minenkonzerne noch vor zwei Jahren einen Gutteil des im Boden befindlichen Golds für einen festen Preis im Voraus verkauft, um gegen weitere Preisverluste abzusichern, nehmen sie jetzt zunehmend davon Abstand.

Dies macht es erheblich schwerer, das Goldangebot langfristig zu kalkulieren, was Preis treibend wirkt. Ein Hinweis darauf ist, dass sich selbst die sinkende Nachfrage der Schmuckindustrie nicht negativ auf den Goldpreis ausgewirkt hat. So führte Indien, mit Abstand größte Gold-Importeur, 2002 markant weniger des Edelmetalls ein als im Vorjahr. Einige Beobachter erkennen darin bereits einen Nachholbedarf, der die Nachfrage - und damit auch den Goldpreis - bei einem Anziehen der Weltwirtschaft günstig beeinflussen könnte. Die meisten Goldexperten tendieren wie Andrew Smith von Mitsui Global Precoius Metals zu der Einschätzung, dass im heutigen Umfeld ein andauernd leichter Anstieg des Goldpreises wahrscheinlich ist, auch wenn ein Krieg gegen den Irak inzwischen im Kurs eingepreist sein sollte. Der technische Analyst Victor Hugo von Jse-shares.com rechnet hingegen wegen der allgemeinen Unsicherheit mit einer stark steigenden Nachfrage, die den Goldpreis im nächsten Jahr auf über 400 $ katapultieren könnte. Er und sein Kollege Clive Roffeyvon Share Action, der die Aktienbaisse als auch den Goldpreisanstieg im vergangenen Jahr richtig prognostiziert hat, empfehlen für die nächsten 12 Monate als Anlageform ausschließlich Bargeld oder Gold.

Vorsichtiger beurteilt Ingrid Sternby von Barclays Capital die Lage beim Gold. Nach den jüngsten Zugewinne kann sie fundamental keine Anzeichen für eine weitere Preiserholung sehen. Allerdings glaubt auch sie, dass das Edelmetall auf der anderen Seite schon wegen des möglichen Krieges im Irak und der Dollarschwäche auch kein größeres Rückschlagsrisiko birgt.

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