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26.05.2000

12:39 Uhr

Technologie und Medien

AOL will im Homebanking Fuß fassen

T-Online ist traditionell Marktführer im wichtigen Bereich des Homebanking in Deutschland. Das ist dem ewigen Zweiten AOL ein Dorn im Auge. Eine Kooperation mit den Sparkassen soll jetzt den Durchbruch bringen. Heute befasst sich der Vorstand des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands mit dem Thema.

pos mhm DÜSSELDORF/BERLIN. Ein wichtiger Tag für AOL Deutschland. Heute will der Vorstand des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) in Stuttgart darüber entscheiden, ob die mächtige Sparkassenorganisation sich auf einen gemeinsamen Auftritt im Online-Banking einigt und mit der Nummer Zwei des deutschen Onlinemarktes zu einer strategischen Partnerschaft zusammen schließen wird. Auch wenn die Chancen für den gemeinsamen Antritt aller Sparkassen im elektronischen Bankgeschäft trotz heftigen Werbens von DSGV-Präsident Dietrich H. Hoppenstedt eher skeptisch beurteilt werden, dürfte es dennoch zu der Kooperation mit AOL kommen. So soll unter anderem bereits die Hamburger Sparkasse, das größte Sparkasseninstitut Deutschlands, mit AOL handelseinig geworden sein. Denn die Sparkassen sehen sich von T-Online mächtig düpiert, seit dieser trotz einer im November geschlossenen Zusammenarbeit mit der Sparkassen eine massive Kooperation mit der Konkurenz von der Comdirect-Bank eingegangen ist. Legten in Zukunft sogar alle Sparkassenmitarbeiter ihren Kunden nahe, bei der Eröffnung eines Online-Kontos AOL statt T-Online zu bevorzugen, könnte der Onlinedienst nach vielen vergeblichen Anläufen endlich das letzte große Monopol des Erzrivalen brechen. Homebanking ist, wie E-Mail oder Chat, eine der "Killerapplikationen" im Internet. Das sind Anwendungen, die über kurz oder lang wahrscheinlich einfach jeder Websurfer brauchen oder nutzen wird. Das Marktforschungsunternehmen Jupiter Communications etwa geht davon aus, dass bereits heute über 40 % der deutschen Online-Nutzer das Internet für die Abwicklung ihrer Bankgeschäfte nutzen, 2004 sollen es schon über 60 % sein. Die Masse der Nutzer wählt sich heute über T-Online in ihre Konten ein. Zum einen aus traditionellen Gründen, weil T-Online aus BTX-Zeiten viele Kunden in die neue Welt hinüber retten konnte. Zum anderen aber auch, weil T-Online über strategische Partnerschaften bislang der bevorzugte Partner der Sparkassen war. Wurde bei der Einrichtung eines Onlinedepots ein T-Online-Account mit eröffnet, gab es eine Prämie für das Institut. Heute ist das anders: Ein neuer, für das Internet tauglicher Homebanking-Standard ermöglicht es allen Internet-Providern in das Banking einzusteigen. Die BTX-Technik läuft Ende des Jahres aus. AOL-Sprecher Frank Sarfeld sieht für sein Unternehmen erhebliches Potenzial: "Ohne den Vertriebsweg Sparkassen wäre T-Online bei weitem nicht da, wo sie heute sind", mutmaßt er. Immerhin repräsentieren die Sparkassen fast 60 % der privaten Geldanleger. Was dies an effektiven Neukunden für AOL bedeuten könnte, will er aber nicht beziffern. Aktuell kommt AOL Deutschland auf 1,5 Mill. Kunden, so Sarfeld. T-Online-Sprecher Stefan Broszio will die laufende Sparkassen-Kooperation derzeit nicht weiter kommentieren und kann auch keine Zahl nennen, wie viele T-Online-Kunden speziell Banking-Kunden sind. Die neue Comdirect-Seite auf T-Online sei aber mittlerweile "eine der bestbesuchten Seiten" des Portals, räumt er ein, die Klickraten hätten sich in den letzten Monaten verdreifacht. T-Online nennt aktuell rund 5,5 Mill. Kunden. AOL will für die Sparkassen ebenfalls einen eigenen Finanzkanal einrichten, was die Entscheidung für AOL erleichtern soll. Wählt sich ein Sparkassenkunde ein und gibt das Stichwort "Finanzen" ein, so gelangt er auf einen separaten Finanz-Channel - ausschließlich der Sparkassen. Aufgrund der eigenen AOL-Software, so ein Techniker bei AOL, könne sogar garantiert werden, dass keine "unerwünschte Werbung" - etwa für T-Online oder Comdirect - über die Sparkassenseiten geleitet werde. Für die Sparkassenorganisation geht es dabei mehr als nur um die Entscheidung für die Kooperation mit einem Onlinie-Dienst. Auf der Tagesordnung steht das bereits einmal verschobene Grundsatzvotum für eine Internet-Strategie, mit der die Organisation nach dem Willen ihres Präsidenten verlorenes Terrain im elektronischen Bankgeschäft wettmachen soll. Hoppenstedt schwebt eine gemeinsam und kostengünstig zu betreibende Plattform vor, über die etwa Wertpapiere geordert, aber auch Bauspargeschäfte und Versicherungen abgeschlossen werden können. Die Investitionen dafür sind zunächst mit 870 Mill. DM veranschlagt. In der Sparkassenorganisation, die bereits vielfältige regionale Internet-Angebote hat, wird aber bezweifelt, dass die Kosten wieder hereingespielt werden können.

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