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23.01.2002

14:19 Uhr

Technologiebranche darf verhalten optimistisch sein

Silberstreif am Horizont bei Techno-Werten

Nach einem desaströsen Jahr 2001 mit Milliardenverlusten und Massenentlassungen schöpft die Technologiebranche weltweit wieder Hoffnung.

Reuters FRANKFURT. Neben zahlreichen amerikanischen Konzernen zeigen sich zusehends auch die deutschen Branchengrößen für 2002 verhalten optimistisch. Der defizitäre Halbleiterhersteller Infineon schließt zwar einen weiteren Milliardenverlust nicht aus, glaubt aber insgesamt den Boden erreicht zu haben. Siemens und SAP stimmen mit ihren jüngsten Zahlen die Analysten indes bereits optimistisch und nähren mit ihren Ausblicken die Hoffnungen auf bessere Geschäfte schon ab Jahresmitte. Branchenexperten warnen allerdings vor verfrühter Euphorie.

"Es könnte schon sein, dass wir langsam aus der Rezession kommen", beurteilt Friedrich Diel, Fondsmanager bei Frankfurt Trust, die neuesten Signale aus der Technologiebranche. Die Industrie scheine das Schlimmste hinter sich zu haben, die großen Konzernen könnten gestärkt aus der Krise hervorgehen. Allerdings rät Diel zur Vorsicht: "Die Lage ist nach wie vor bescheiden und es ist fraglich, wie stark die Erholung sein wird." Zudem seien zahlreiche Technologieaktien bereits "stolz" bewertet. "Jetzt muss die Erholung auch wirklich kommen, damit diese Preise gerechtfertigt werden." Auch Software-Analyst Matthias Dürr von der DZ-Bank sieht Zeichen der Besserung. "SAP hat einen relativ optimistischen Ausblick abgegeben, und das würden sie nicht machen, wenn sie nicht selbst dran glauben."

Ganz in einen Aufwärtstrend sind die Aktien der so genannten TMT-Firmen "Technologie, Medien, Telekommunikation" zwar noch nicht eingeschwenkt - zuletzt ging es tendenziell sogar wieder etwas bergab. Insgesamt entfernen sie sich aber allmählich von ihren Tiefstständen vom September vergangenen Jahres, wie die Technologie- und Telekom-Sub-Indizes des europäischen Börsenbarometers Stoxx oder der amerikanischen Indizes Dow Jones und Nasdaq zeigen. Eine ähnliche Kurve beschreiben auch deutsche Werte wie Siemens, Epcos und Infineon, obgleich die Aktien der Konzerne noch weit unter ihren Notierung im Frühjahr 2000 - dem Höhepunkt der Börseneuphorie - liegen. Gleiches gilt für die Technologieaktien am Neuen Markt. Analystenhäuser raten nun langsam, aber sicher wieder zum Einstieg in den Sektor.

Angeschoben wird die vermeintliche Genesung der Technologiebranche von US-Konzernen. Geradezu gebetsmühlenartig wird in Amerika eine Konjunkturerholung spätestens für die zweite Hälfte 2002 heraufbeschworen. Das US-Forschungsinstitut Conference Board ermittelte für Dezember den stärksten Anstieg seines an den Märkten viel beachteten Index für die Frühindikatoren seit Februar 1996. Weltkonzerne wie Intel , Apple , Compaq, Motorola oder Lucent senden nach den Hiobsbotschaften der vergangenen Monate wieder Signale der Hoffnung. Beinahe unisono gaben sie sich in den vergangenen Tagen bei der Vorlage ihrer Bilanzzahlen verhalten zuversichtlich, das Schlimmste hinter sich gebracht und nun bessere Zeiten vor sich zu haben.

Branchenkenner zeigen sich dagegen noch skeptisch und raten allenfalls zu "vorsichtigem Optimismus". "Es mag schon sein, dass wir die Talsohle durchschritten haben", räumt Warren Scott, TMT-Europa-Chef bei KPMG Corporate Finance ein. Jetzt müsse aber erst abgewartet werden, ob die jüngste Belebung kein Strohfeuer sei und tatsächlich eine nachhaltige Erholung dieser Industrie anstehe. Viele Firmen hätten ihre Investitionen auf Grund von Preisnachlässen der Anbieter vorgezogen, was die Ergebnisse im vierten Quartal 2001 angekurbelt habe, erläutert Scott die zuletzt besser als erwarteten Zahlen einiger Technologiefirmen.

Auch Matthias Jörss, Aktienstratege bei Sal. Oppenheim, warnt vor übertriebenen Erwartungen an die Technologiebranche. Ein deutlicher Kursaufschwung der Aktien sei nur dann gerechtfertigt, wenn der Technologiesektor wieder einen Boom wie in den vergangenen Jahren erleben würde. "Das sehe ich aber nicht", sagt Jörss. Im Gegenteil rät er dazu, sich von den jüngsten Erfolgsmeldungen der Firmen nicht über die fundamental weiter bescheidene Lage der Industrie hinwegtäuschen zu lassen. "In keinem Segment wird so manipuliert wie bei der Technologie. Die Ausblicke neigen teilweise zur Augenwischerei und dass ist ein gefährliches Spiel." Es sei schon damit zu rechnen, dass die Investitionen allmählich wieder anzögen, sagt Jörss. Die alles entscheidende Frage sei aber, mit welcher Dauer und in welchem Ausmaß dies geschehe.

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