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20.02.2002

17:49 Uhr

Teekocher setzte Zug in Ägypten in Brand

Mehr als 375 Tote bei Zugunglück in Ägypten

Beim Brand in einem Zug sind am Mittwochmorgen südlich von Kairo mehr als 375 Menschen ums Leben gekommen. Das schwere Zugunglück wurde ausgelöst, weil sich das Personal in einem der Waggons Tee gekocht hatte.

Foto: WiWo/AP

Foto: WiWo/AP

dpa KAIRO/EL AJAT/MINIA. Das Feuer griff nach der Exploson einer Gasflasche sofort auf sechs weitere Wagen über. Bis zum Nachmittag bargen die Rettungskräfte mehr als 375 Leichen. "Wir wissen noch nicht, wie viele insgesamt gestorben sind, vielleicht sind es 400, vielleicht auch mehr", hieß es im Kairoer Innenministerium. Die Bergungsarbeiten wurden auch nach Einbruch der Dunkelheit fortgesetzt. Die Verletzten wurden in nahe gelegene Krankenhäuser gebracht. Der ägyptische Präsident Husni Mubarak, Bundespräsident Johannes Rau und Außenminister Joschka Fischer sprachen den Familien der Opfer ihr Beileid aus.

"Zuerst habe ich nur Schreie gehört und dann liefen plötzlich alle diese Menschen auf mich zu", erinnert sich Hamad Abdelhalim (18). Der junge Mann aus Oberägypten, der mit leichten Verletzungen im Krankenhaus von El Ajat liegt, konnte sich durch einen Sprung aus dem brennenden Zug retten. "Hätte ich noch eine Minute länger gewartet, wäre ich jetzt auch tot, so wie die anderen", sagt er leise.

Den Rettungskräften bietet sich ein Bild des Grauens. In den sieben ausgebrannten Waggons liegen die völlig verkohlten Leichen zu Dutzenden übereinander. "Man kann sehen, dass sie verzweifelt versucht haben, aus dem Zug zu springen", meint ein Augenzeuge. Die Fenster der Waggons der dritten Klasse sind alle vergittert, so dass nur diejenigen entkamen, die entweder die Türe öffnen konnten oder durch das kleine Glasfenster in der Tür kletterten.

Das Feuer in dem Zug, der auf dem Weg von Kairo nach Assuan war, brach kurz nach ein Uhr aus. Der Zugführer Mansur Jussif el Kummur (45) bemerkte zunächst nicht, was in den hinteren Wagen vor sich ging und fuhr mit dem brennenden Zug noch etwa zehn Kilometer weit. Entlang der Strecke fanden die Rettungskräfte später die Leichen von 44 Menschen.

Als Kummur den Zug schließlich 70 Kilometer südlich von Kairo zum Stillstand brachte, versuchte er nach eigenen Angaben erst, zusammen mit seinem Beifahrer, das Feuer selbst zu löschen. "Als ich sah, dass es aussichtslos ist, rief ich am Bahnhof von Beni Sueif an", erklärt der Zugführer später vor Journalisten. Von dort habe er dann die Anweisung erhalten, die brennenden Züge abzukoppeln und mit den vorderen, unversehrten Waggons weiterzufahren. Er fuhr mit dem Zug nach Beni Sueif und später weiter bis ins oberägyptische Minia.

Die brennenden Waggons, die er zurückließ, konnten zunächst nicht gelöscht werden, da sie jenseits eines Kanals standen, an dem es keine Brücke für die inzwischen eingetroffenen Löschfahrzeuge gab. "Der Zug musste erst fünf Kilometer weiter zum Bahnhof von el Rika el Gharbia geschleppt werden", berichtet ein Augenzeuge.

Die meisten Opfer sind arme Ägypter, die auf dem Weg nach Süden waren, um die Ferien bei ihren Verwandten zu verbringen. Ausländer sind wahrscheinlich nicht unter den Toten. Denn mit den langsamen unklimatisierten Zügen der dritten Klasse reisen in der Regel nur Einheimische, die sich den Schnellzug nicht leisten können. Wegen des Beginns der Ferien zum islamischen Opferfest Eid el Adha war der Zug mit mehreren tausend Fahrgästen voll besetzt.

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