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26.01.2005

16:49 Uhr

Teilnehmer stimmen beim Town Hall Meeting über Schwerpunkte ab

Armut und gerechte Globalisierung sind drängenste Themen

VonHermann-Josef Knipper und Christoph Rabe (Handelsblatt)

Das gab es noch nie auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos: In der Congresshalle, wo in der Regel Regierungschefs und Könige ihre Statements abgeben, sitzen an diesem Mittwochnachmittag 500 kluge Köpfe an 50 runden Tischen, um sich Gedanken darüber zu machen, mit welchen sechs Top-Themen sich die Mächtigen der Welt in den nächsten Monaten und Jahren mit höchster Priorität befassen sollten.

HB DAVOS. Erstaunliches Ergebnis: Zwei Drittel des Konzils der Fünfhundert votiert am Ende für die Bekämpfung der Armut.

Und das kam so: Die Atmosphäre im Kongresszentrum erinnert an alte Schulzeiten, als der Lehrer Gruppenarbeit anordnete. Da sitzt ein Biotech-Unternehmer aus Kanada neben dem Banker aus Andorra, einer Medizinprofessorin von der US-Ostküste, einem deutschstämmigen IT-Wissenschaftler aus Kalifornien und dem jugendlich wirkenden Bürgermeister von San Francisco an einem Tisch, und sie diskutieren mit anderen Führungskräften aus allen Teilen der Erde, welche Punkte ganz oben auf der Weltagenda stehen sollten. Die erste Frage lautet: Welche Eigenschaften verlangen Sie von den Führungskräften der Welt? Antwort Nummer eins über alle Tische hinweg: Ehrlichkeit, gefolgt von Toleranz und Transparenz...

Dieser laut WEF-Organisatoren "einzigartige" Meinungsbildungsprozess unter den Davos-Teilnehmern soll dieses Jahr die Tagesordnung des gesamten Treffens mit seinen über 200 Einzelveranstaltungen in den Schweizer Bergen bestimmen. Und er soll am Ende sechs konkrete Handlungsvorschläge für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft hervorbringen: Erstmals will Davos konkret Einfluss auf die Entscheider nehmen. Beim bloßen Gedankenaustausch soll es diesmal nicht bleiben. Jedes Davoser Treffen steht zwar seit vielen Jahren unter einem übergreifenden Motto, aber das verschaffte bisher nicht immer eine klare und vor allem nachhaltige Orientierung. Das Forum wartet daher diesmal mit dieser Innovation auf, die man "Global Town Hall" taufte. Prominentester Gast im globalen Rathaus war zum Auftakt der britische Premierminister Tony Blair. Zuvor sprach Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac per Video zu den Kongressteilnehmern.

Die Macher von Davos haben damit versucht, dem Programm diesmal eine klarere Struktur zu geben. "Verantwortung übernehmen in schwierigen Zeiten" lautet das überwölbende Leitmotiv. In Programmelemente übersetzt, bietet das Forum im Wesentlichen eine Diskussion über zwölf Themenkomplexe der globalen Agenda an: China, Klimawandel, Gerechte Globalisierung, Europa, globale Wirtschaft, globale Führung, Islam, Naher Osten, Armut, US-Führung, Massenvernichtungswaffen, Welthandel. Aus diesen Themen sollen die Town-Hall-Diskutanten die wichtigsten herausfiltern und eigene Akzente setzen.

Zu Beginn des Debattiernachmittags werben Prominente dafür, einzelne dieser zwölf Themenkomplexe in den Mittelpunkt zu stellen. Für John Thain etwa, den Vorstandschef der New Yorker Börse (Nyse) und früheren Top-Manager der Investmentbank Goldman sollte das Thema Globalisierung im Vordergrund stehen. Wichtig sei es, so Thain, die weitere Globalisierung als Chance dafür zu nutzen, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, um Wohlstand und Demokratie zu fördern. Nur mit einer stärkeren Integration der Entwicklungs- und Schwellenländer in die Weltwirtschaft ist nach seiner Einschätzung politische Stabilität erreichbar. Eine starke Führungsrolle müsse dabei die USA übernehmen: Als ein Land, dass zwar nur sechs Prozent der Weltbevölkerung stellt, aber ein Drittel des Welthandels verantwortet, biete die USA Im- und Exporteuren, Kapitalsuchenden und-gebenden gleichermaßen eine Handelsplattform.

Citigroup-Chef Charles Prince schlägt vor, Europas bislang nicht ausreichende Integration in die Weltwirtschaft zu thematisieren. Die Frage sei, so Prince, ob sich Europa auf immer damit abfinden wolle, dass die USA international die Innovations- und Flexibilisierungs-Führerschaft habe. Daniel Vasella, Chef des Schweizer Chemiekonzerns Novartis, plädierte schließlich dafür, das Thema Armut auf Platz eins der politischen Tagesordnung zu setzen.

Nach zweistündiger Diskussion, bei der die Meinung jedes einzelnen Teilnehmers elektronisch eingefangen wurde, ließ das WEF abstimmen. Mit 64,4 Prozent landete die Armutsbekämpfung auf Platz eins. Auf den zweiten Rang kam die "Gerechte Globalisierung" (54,9 Prozent), gefolgt vom Klimawandel (51,2), dem neu aufgenommenen Thema Bildung (43,9), dem Nahen Osten (43,7) und "Global Governance" (43,2), dem verantwortungsvollen Regieren und Managen in Politik und Wirtschaft. Nur 3,5 Prozent stimmten für das Thema Europa: Offenbar hält es nur noch eine kleine Minderheit der Davos-Gäste, die übrigens zu zwei Dritteln aus Europa und Nordamerika kommen, für wichtig, die politischen und ökonomischen Herausforderungen Europas als weltpolitisches Problem anzusehen. Die Zeiten, in denen die Erstarrung des alten Kontinents im Mittelpunkt der Kritik stand, scheinen im Zuge der Reformpolitik vorüber zu gehen.

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