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09.02.2001

12:50 Uhr

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Teure Medizin

Sollte die US-Wirtschaft auf eine Rezession zusteuern, könnten Pharma-Aktien zu den Gewinnern zählen. Allerdings sind die Aktien derzeit nicht preiswert.

Barry White macht Soul-Musik, und das ist an sich nichts Schlechtes. Wenn er sich allerdings ungebeten in das Leben seiner Fans einschleicht, kann das problematisch werden. Ally Mc Beal, Star der gleichnamigen US-Fernseh-Anwaltserie mit Kultstatus, wurde von Halluzinationen geplagt, in denen ihr Barry White erschien. Da helfe nur noch Prozac, meinte ihr Psychologe. Das Mittel soll Depressionen lindern und ist im wirklichen Leben ein Kassenschlager. Das bedeutet, der US-Pharmariese Eli Lilly konnte allein mit diesem Medikament einen Umsatz von bis zu 2,4 Milliarden Dollar erzielen - das sind rund 25 Prozent des gesamten Umsatzes des Unternehmens, wie die Deutsche Bank schätzt.

Dieses Jahr läuft allerdings der Patentschutz für Prozac aus. Dann droht Konkurrenz durch billigere Nachahmer-Produkte (so genannte Generika). Viele Unternehmen der Branche werden in den kommenden fünf Jahren unter Patentabläufen leiden. Die Deutsche Bank schätzt, dass Medikamente, die 1999 über 40 Milliarden Dollar wert waren, den Patentschutz verlieren werden. Darunter sind Medikamente von Astra Zeneca, Schering Plough und Merck & Co.

"Neutral" heißt deswegen auch die Einschätzung der Pharma-Experten der US-Investmentbank Goldman Sachs und der Commerzbank für die gesamte Branche - zumindest wenn es in den USA zu einem "weichen Landung" der Konjunktur kommen sollte. Das bedeutet, Nordamerika würde nicht in eine Rezession abgleiten. Dann könnten Technologie-Aktien ein Comeback erleben - Pharma-Titel würden kaum noch beachtet. Zu den Gewinnern zählen könnten die Titel der Medikamenten-Produzenten allerdings, wenn die US-Wirtschaft auf "hart landen" sollte. Die Pharma-Titel zählen zu den defensiven Aktien. Das bedeutet, sie können sich auch in einem wirtschaftlich schwierigeren Umfeld durch ihre relativ konstanten Wachstumsraten behaupten. "Das muss aber nicht bedeuten, dass mit diesen Aktien viel Geld zu verdienen ist", gibt Michael Fischer, Fondsberater bei Medical Strategy in München, zu bedenken, "das kann auch heißen, dass man als Anleger weniger Geld verliert". Zumindest kurzfristig sind Verluste auch bei den Aktien, die Analysten derzeit zum Kauf empfehlen (siehe Kästen), nicht ausgeschlossen. Eine Alternative können auch kleinere Pharma-Werte darstellen (siehe Kasten).

US-Pharma-Titel sind derzeit preiswerter als europäische Aktien, obwohl die Erträge der US-Unternehmen stärker wachsen. Das sagt die US-Investmentbank Goldman Sachs. Lehman Brothers bevorzugen eindeutig den US-Pharma-Sektor und vergeben sogar das Prädikat "Übergewichten". Europäische Pharma-Unternehmen hätten generell ältere Produktportfolios und seien weniger stark auf den lukrativen US-Markt ausgerichtet, kritisiert die Investmentbank.

Die Branche leidet aber nicht nur unter den drohenden Patentabläufen. Problematisch ist auch, dass die Wachstumsraten der vergangenen Jahre wohl nicht gehalten werden können. Die kürzlich vorgelegten Zahlen der großen US-Pharmakonzerne für das vierte Quartal zeigten zwar kaum ein Anzeichen von Schwäche. Sie konnten ihre Betriebsgewinne überwiegend mit zweistelligen Raten verbessern - und damit die Erwartungen der Analysten erfüllen. Allerdings war das Wachstum bei neun der zehn führenden US-Pharmahersteller im Schlussquartal 2000 schon schwächer als in den neun Monaten davor. Schon heute wird die Ertragssteigerung nicht allein aus dem geschäftlichen Wachstum gespeist, sondern auch aus umfangreichen Rationalisierungsmaßnahmen.

Verschlechterten Wachstumsaussichten stehen steigende Kosten für Forschung und Entwicklung gegenüber. Diese sind in den vergangenen 20 Jahren um das Zehnfache gestiegen, wie die Deutsche Bank herausfand. Auch die Zulassungsbedingungen (siehe Kasten) sind seit Beginn der 80er-Jahre verschärft worden. Im Durchschnitt lag die Zahl der klinischen Tests vor 20 Jahren bei 30; heute sind es 70. Während früher 1 300 Testpersonen benötigt wurden, sind es heute 4 200. Im Schnitt kostet es heute 500 Millionen Dollar, ein Medikament auf den Markt zu bringen. Hinzu kommt, dass das US-Bundesgesundheitsamt FDA wieder länger braucht, um Medikamente zuzulassen. 1999 lag die durchschnittliche Dauer noch bei 12,6 Monaten, im vergangenen Jahr waren es bereits 17,6 Monate.

Auf der Suche nach guten Unternehmen sollten Anleger ihren Blick auf die Produkt-Pipeline richten. Umsätzen, die wegen Patentabläufen ausfallen, muss ein zu erwartendes Umsatzplus durch die Markteinführung neuer Medikamente gegenüberstehen. Eine gut gefüllte Pipeline bescheinigt Fondsberater Fischer Pharmacia Corporation und American Home Products. Als weniger aussichtsreich beurteilt er dagegen den US-Konzern Eli Lilly.

Wichtige Erfolgskriterien sind außerdem: Hohe Marktanteile in den USA. Der US-Markt ist lukrativ, da die Preise im Gegensatz zu Europa keinem politischen Einfluss unterliegen. Etwa 41 Prozent aller Umsätze erzielt die Branche laut der Markforschungsfirma IMS in den USA. Die Bedeutung des europäischen Marktes hat dagegen in den letzten 20 Jahren immer mehr abgenommen: Der Anteil an den weltweiten Pharma-Umsätzen ging von 30 auf 24 Prozent zurück.

Zumindest die politischen Rahmenbedingungen sind für die Branche günstiger, seitdem feststeht, dass George Bush US-Präsident ist. So sehe es derzeit weiterhin danach aus, dass Importe der bis zu 30 Prozent preiswerteren Medikamente aus Europa und Kanada auch weiterhin verboten blieben, sagt Michael Fischer. Zudem werden wohl kaum weitere Arzneimittel in das Medicare-Programm für ältere US-Bürger einbezogen werden. Damit ist die Furcht vor Preiskontrollen auf dem Pharmamarkt zunächst gebannt.

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