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12.07.2000

17:22 Uhr

Teurer Kick für Kirch und Kundschaft

Premiere World will mit Fußball-Bundesliga den Durchbruch schaffen

VonMatthias Eberle

Wer Bundesliga-Fußball live sehen will, muss künftig extra zahlen: Für Premiere World die vielleicht letzte Chance, dem Pay-TV zum Durchbruch zu verhelfen. Heute startet der große Werbefeldzug mit "Kick".

HAMBURG. Der Kaiser ist schon wieder im vollen Einsatz: Kaum hat er Fußball-Deutschland die ersehnte Weltmeisterschaft 2006 vor die Haustüren geholt, geht Franz Beckenbauer für einen Fernsehsender Klinken putzen. Als Vorzeigetrommler für das neue Bundesligapaket von Premiere World ist das allgegenwärtige Fußballidol von heute an nahezu täglich in 90-sekündigen TV-Spots zu sehen. Mit einem gewohnt charmanten "Schaun mer mal rein" preist der Multifunktionsmann eine Neuerung im deutschen Fernsehen an. Eine Innovation, die der Pay-TV-Sender gar als "neue Dimension" anpreist.

Jährlich 900 Fußballspiele

Das kann man in der Tat so sehen: Erstmals in der Geschichte der Fußball-Bundesliga zeigt Premiere World künftig alle 306 Begegnungen der höchsten deutschen Spielklasse live im Fernsehen. Hinzu kommen 157 Spiele der Champions League sowie weitere Liga-Übertragungen aus fremden Ländern. Insgesamt wird der Premiere-Kunde künftig aus einem Wust von jährlich 900 Fußballspielen seine Lieblingskost aussuchen können. "Opulent", befindet Premiere-World-Geschäftsführer Markus Tellenbach.

TV-Mogul Leo Kirch hatte die Bundesligarechte kürzlich für vier weitere Jahre erworben und dafür 3 Mrd. DM an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) überwiesen. Der war durchaus damit einverstanden, die inflationäre Ware nun via Pay-TV zu verknappen. Liveübertragungen von Ligaspielen im Free-TV wird es künftig nicht mehr geben. Deutschlands beliebteste Sportart soll dem schwach gestarteten Pay-Kanal dafür zu einem größeren Kundenstamm verhelfen.

Bisher nur geringer Erfolg mit Pay-TV

Bisher hat die Kirch-Gruppe in erster Linie Lehrgeld bezahlen müssen, was das gebührenpflichtige Fernsehen im Lande anbetrifft. Den dicht besetzten deutschen Medienmarkt via Digital-Box zu erobern, scheint für die Münchner zum Marathonlauf zu werden. Ob die Kondition dafür ausreicht, steht noch in den Sternen. Ende letzten Jahres griff Rupert Murdoch der Kirch-Gruppe mit einer Kapitalbeteiligung kräftig unter die Arme. Der einstige Gegenspieler hält an der Kirch PayTV KgaA nun 24 %. Eine Motivationshilfe, auf die Kirch zunächst gerne verzichtet hätte.

Mit der Gewinnung neuer Abonnenten kommt der Münchner Sender bisher schwerlich voran. Zu den 2,9 Millionen Kunden, die für Ende 2000 eingeplant sind, fehlen aktuell immerhin noch 700 000. Jetzt ruhen die Hoffnungen auf der Bundesliga, die in der Premiere-World-Sprache künftig auf das simple Wörtchen namens "Kick" hört. "Das wird ein wilder Ritt", verspricht Premiere-Sportchef Carsten Schmidt und meint damit jene 500 Mitarbeiter, die den Bundesliga-Fußball zwar nicht neu erfinden, aber weiter "emotionalisieren" sollen. Eben noch in Bochum, jetzt schon in Berlin, zwischendurch bei den Bayern - das digitale Format erlaubt bei Premiere World den schnellen Schwenk quer durch die Liga.

Wer nicht bis zur ran-Sendung in Sat.1 warten und sich den Live-Kick nach Hause holen will, wird zusätzlich zur Kasse gebeten: 349 DM kostet ein Saisonticket, im Vorverkauf zahlt der Kunde 299 DM. Einzelne Spiele können für 12 DM live abgerufen werden. Wer innerhalb eines Spieltags durch die Stadien der Republik zappen will, ist mit 25 DM dabei - oder wahlweise mit einem monatlichen Beitrag von 39,90 DM. Grundgebühren mit eingerechnet, kommen Fußball-Abonnenten pro Jahr auf mehr als 1000 DM Pay-TV-Kosten.

Auch der DFB verdient mit

Für Premiere World und den DFB (mit ihm müssen Einnahmen geteilt werden) ein lohnendes Geschäft - falls sich nur genügend Kunden für eine D-Box entscheiden. "Fußball pur, wie die Fans ihn lieben", verspricht sich Tellenbach den großen Kick auch fürs Geschäft. Damit das neue Format Aufmerksamkeit findet, wird weiter investiert: Allein vor dem Bundesligastart wird Premiere 40 Mill. DM in Werbung stecken, bei der neben Beckenbauer auch der neue Bundes-Rudi (Völler) eine Hauptrolle spielen soll. Insgesamt beträgt das Marketingbudget 200 Mill. DM.

Premiere World hofft, dass nach Anlaufverlusten von mehr als 2 Mrd. DM Ende 2002 der Break Even erreicht werden kann. Dafür braucht der Pay-Kanal allerdings rund vier Millionen Abonnenten. Das scheint wenig wahrscheinlich. Aber vielleicht leistet Beckenbauer ja wieder Überzeugungsarbeit.

>>Interview mit Premiere World-Chef Markus Tellenbach: "Bis zur WM vergeht eine halbe Ewigkeit"

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