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02.01.2002

19:00 Uhr

Textil-Einzelhändler gibt Rabatt auf Kauf mit Geldkarte

Discounter rühren kräftig die Preistrommel

VonRUTH VIERBUCHEN (MICAELA KIENER-STUCK)

Deutschlands Discounter werben mit niedrigen Preisen und nehmen die Euro-Einführung zum willkommenen Anlass, ihre Angebote herauszustellen. Experten erwarten aber nicht, dass dadurch eine Preislawine losgetreten wird. Die schwierige wirtschaftliche Lage in Deutschland lasse einen dauerhaften Preiskampf derzeit nicht zu.

DÜSSELDORF. Deutschlands größter Discounter Aldi nutzt die Euro-Einführung für eine Werbekampagne der besonderen Art: In großen Anzeigen warb der Niedrigpreis-Pionier am Mittwoch in Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Frankreich mit der "größten Preissenkung aller Zeiten" und Abschlägen von teilweise mehr als 3 %.

Die Mitbewerber Lidl und Plus, eine Tochter der Tengelmann-Gruppe, stehen gleichfalls nicht nach und drücken ihre Preise. Auch die Karlsruher Drogeriekette DM hat bereits angekündigt, dass sie ihre Position als Preisführer der Branche verteidigen will und die Preise zur Währungsumstellung auf den Euro durchgängig nur nach unten abrunden wird.

"Durch diese Werbekampagnen wird die Einführung des Euros positiv gestaltet", begrüßt HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr die Aktivitäten der Discounter. Dass diese Preisnachlässe aber von Dauer sein werden, glaubt der Handelsexperte indessen nicht. Man solle sich von der Euro-Euphorie und dem guten Weihnachtsgeschäft nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass sich Deutschland in einer Rezession befinde. "Die Unternehmen haben angesichts der angespannten Wirtschaftslage nichts zu verschenken". Mit einem Wirtschaftsaufschwung rechnet er erst zur Jahresmitte.

Euro-Einführung kurbelt Januar-Geschäft an

Pellengahr geht deshalb auch nicht davon aus, dass die Werbeaktionen der Discounter zu einer breit angelegten, Preissenkung im gesamten Lebensmitteleinzelhandel führen wird. Für die Branche ist die Einführung der neuen Währung aus seiner Sicht vielmehr ein willkommener Anlass, das traditionell sehr schwache Januar-Geschäft anzukurbeln. "Der Einzelhandel bietet die meisten Sonderangebote im Januar" an, berichtet der HDE-Sprecher aus Erfahrung. Ziel sei es, nach dem Weihnachtsgeschäft das Umsatzloch zu stopfen.

Dass keine Preislawine losgetreten wird, belegt auch die Reaktion der Düsseldorfer Metro AG. "Wir wollen den Euro nicht für verstärkte Marketingmaßnahmen heranziehen", stellt Konzernsprecher Albrecht von Truchseß klar. Auch die Essener Karstadt Warenhaus AG plant keine Sonderaktionen. Und die Kölner Rewe-Gruppe übt sich in Zurückhaltung und will die Entwicklung zunächst beobachten, wie Unternehmenssprecher Wolfram Schmuck betont.

Preisanreiz für Karten-Käufer bei C& A

Der Düsseldorfer Bekleidungseinzelhändler C &A will allerdings einen Preisanreiz bieten, um die Unwägbarkeiten der Währungsumstellung zu umgehen und Staus an den Kassen zu vermeiden. Deshalb gibt das Unternehmen - befristet bis 5. Januar - allen Kunden 20 % Rabatt, wenn sie mit EC- oder Kreditkarte bezahlen, bestätigt Sprecher Thorsten Rolfes auf Anfrage. Das spart die lästige Herausgabe des Wechselgeldes.

Bei C &A bezahlen normalerweise nur rund ein Drittel der Kunden mit Karte. Ähnlich niedrig ist der Anteil bei den Warenhauskonzernen Karstadt und Kaufhof. Und auch bei der Elektrokette Media Markt/Saturn liegt der Anteil der Kunden, die mit Geldkarten bezahlen, nur bei 50 %. Zum Vergleich: Beim französischen Kaufhaus-Konzern Galeries Lafayette liegt er bei stattlichen 80 %.

Doch auch ohne Rabatt-Aktionen nach C & A-Muster verlief die Einführung des neuen Euro-Bargeldes im Einzelhandel gestern reibungslos. Das belegt eine Umfrage des Handelsblatts unter führenden deutschen Handelsunternehmen. In den Märkten der Kölner Rewe-Gruppe etwa bildeten sich keine langen Schlangen, wie Unternehmenssprecher Wolfram Schmuck berichtet. Die hätten seien eher an den Schaltern der Banken zu beobachten.

Eine entspannte Atmosphäre zwischen Kunden und Verkäufern registrierte auch die Essener Karstadt Warenhaus AG, die jede ihrer Kassen vorsichtshalber mit drei Personen besetzt hatte. Die Kunden zeigten sehr viel Verständnis für die Ausnahmesituation am ersten Tag der Euro-Umstellung, berichtet Karstadt-Sprecher Elmar Kratz. Es werde aber genau nachgezählt, ob das Wechselgeld auch stimme. Bei den Großunternehmen des Einzelhandels können die Kunden in DM, in Euro oder in gemischten Beträgen zahlen.

Die meisten Deutschen zahlten mit DM

Während der Einzelhandel sein Personal schon seit langem im Umgang mit der neuen Währung schult und in den vergangenen Monaten Tonnen an Euro-Geld für den Tag X eingelagert hatte, war es vielen Bundesbürgern bis gestern noch nicht gelungen, sich ausreichend mit Euro auszustatten. Denn die DM war auch nach wie vor noch das überwiegende Zahlungsmittel im Einzelhandel. In vielen Kaufhäusern, Bäckereien und Kiosken versuchten die Deutschen ihre Restbestände an D-Mark loszuwerden. Die wohl am häufigsten gestellte Frage verunsicherter Verbraucher lautete denn auch: "Nehmen Sie auch D-Mark?" Die Antwort des Verkäufers an der Düsseldorfer Pommes-Bude dürfte keine Ausnahme sein: "Aber natürlich, solange es kein 100-Mark-Schein ist." Gerade der Mittelstand fürchtet, dass seine Eurobestände zu schnell aufgebraucht sind.

Metro-Sprecher von Truchseß bestätigt, dass der überwiegende Teil der Einkäufe noch nicht in Euro bezahlt worden sei. Beim Düsseldorfer Bekleidungseinzelhändler C & A wurden im Durchschnitt betrachtet 60 % der Beträge in DM und 40 % in Euro gezahlt. Bei der Rewe-Gruppe ergab eine Stichprobe das gleiche Bild. Metro-Chef Hans-Joachim Körber sieht sich denn auch in der Einschätzung bestätigt, dass der Währungsumtausch vor allem im Einzelhandel abgewickelt wird. Er geht davon aus, dass sich der wesentliche Übergang von der D-Mark zum Euro in den beiden ersten Januar-Wochen vollziehen wird.

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