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23.03.2006

12:44 Uhr

Tichys Wechselstube

Magie der runden Zahl

Irgendwie dreht sich an der Börse alles nur um Zahlen. Heller Aufruhr herrscht unter den Börsianern, wenn der Dax wieder einen Höchststand erreicht hat. Dabei ist die Aufregung meist unberechtigt.

Die 3 ist die mächtige Glückszahl, die 6 steht für Harmonie, die Null für Chaos. Die 7 ist magisch, die 8 bedeutet Wohlstand, und 22 ist die Meisterzahl, Tilt! Da rasselt und klingelt und scheppert der Flipper.

Zahlen werden magische Eigenschaften zugeschrieben. Wer den Abstand zwischen dem Kreismittelpunkt auf den Türmen von Notre Dame mit der Reduktion des Geburtsdatums von Leonardo multipliziert und die Illuminaten addiert, landet bei der Quersumme der Auflage von Dan Browns Da-Vinci-Code auf hebräisch.

Alles Mumpitz? Gar so weit sind viele Börsianer von der Zahlenmagie auch nicht entfernt, wenn man mal den Jargon bereinigt. Da ist dann die 6 000er-Grenze „psychologisch“ wichtig (wie vorher auch schon jeder Tausender-Schritt); und wenn der Dow-Jones seinen bisherigen Höchststand von 11 723 knackt, ist die Aufregung groß und der Himmel offen, mindestens bis zum Milleniumsgipfel von 8 025 Punkten beim Dax. Das jedenfalls ist derzeit zu lesen – fast überall.

Zu bedeuten hat das – nix. Längst hat sich die reale Wirtschaft so verändert, dass historische Maßstäbe gegenstandslos geworden sind. Anders als Wasserstandspegel, an denen man ablesen kann, wann die Füße nass werden und die Keller absaufen, taugen Index-Stände nicht als Bezugsgrößen: In der Wirtschaft verändert sich die Höhe der Dämme ständig. Immerhin sind ja die Gewinne der Dax-Unternehmen heute etwa doppelt so hoch wie beim Überschreiten der früheren 6 000er-Grenze.

Nur eine etwas modernere Form der Zahlenmagie ist auch ein großer Teil des komplizierten mathematischen Apparats, der Risiken und Kurschancen „objektiv“ ermitteln soll, selbstverständlich per Computer: Hinter den Formeln steckt ganz tief versteckt immer nur wieder die Hoffnung, dass sich Muster der Vergangenheit wiederholen. Schade, dass die Kurse sich einfach nicht daran halten.

Der Mensch braucht Magie. Ohne sie können auch Börsianer nicht leben angesichts dieser fiesen Unberechenbarkeit von Märkten. Und manchmal hilft er ja auch, der Zauber. Wie das Orakel aus dem PC: Kann es Zufall sein, dass der Dax just am 22. (Tilt!) 3.(!) 06 (!) die 6(!)-Tausendermarke touchiert? Naja, nicht ganz, aber schließlich müssen Sie die Quersumme des Datums immer mitrechnen – oder abziehen?

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