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30.01.2009

17:56 Uhr

Top-Business-Schools beim World Economic Forum

Was machen Sie in Davos, Professor Lehmann?

VonChristoph Mohr

Das in Jahrestreffen des World Economic Forum in Davos bringt für einige Tage wieder die Mächtigen dieser Welt in das Schweizer Bergdorf. 2500 geladene Gäste, darunter 1400 Top-Manager und nicht weniger als 41 Staats- und Regierungschefs. Weniger bekannt ist, dass sich auch etwa 50 Business School-Professoren und Wissenschaftler unter den Gästen tummeln. Aber was machen sie da? Handelsblatt sprach mit Jean-Pierre Lehmann, Professor an der Schweizer Top-Business School IMD in Lausanne.

"Ich werde ein bisschen reden, aber vor allem werde ich zuhören", sagt Professor Lehmann von der IMD.

"Ich werde ein bisschen reden, aber vor allem werde ich zuhören", sagt Professor Lehmann von der IMD.

Handelsblatt: Professor Lehmann, Davos ist die ultimative Veranstaltung der Mächtigen dieser Welt. Wie sind Sie an eine Einladung gekommen?

Lehmann: Ich bin in diesem Jahr zum vierten Mal in Davos. Ich habe zuvor an verschiedenen regionalen Konferenzen teilgenommen, die vom World Economic Forum organisiert werden, insbesondere in Asien, und über die Jahre hat sich eine Beziehung entwickelt. Diese wurde enger, als ich 2005 Mitglied einer kleinen Arbeitsgruppe über die Zukunft Chinas wurde. Danach wurde ich Mitglied zweier so genannter „Global Agenda Councils“, eines über Handel, eines über China. Ich nehme jetzt vielleicht an sechs bis acht WEF-Veranstaltungen pro Jahr teil, und ich gebe auch Seminare für “Global Leadership Fellows”, einem besonderen Programm des WEF für ambitionierte, junge Menschen.

Und was genau machen Sie in Davos?

Ich werde ein bisschen reden, aber vor allem werde ich zuhören. Ich werde an einigen Podiumsdiskussionen teilnehmen und eine Arbeitsgruppe leiten. Aber der interessantere Teil für mich ist, zu hören, was die Top-Manager denken. Ich habe sie in der Vergangenheit immer als viel zu selbstgefällig empfunden. Es wird in diesem Jahr sehr interessant sein, zu sehen, ob es irgendeine Form von Reue und Zerknirschung bei ihnen gibt. Vielleicht sind sie nicht direkt für die gegenwärtige Krise verantwortlich, indirekt aber auf jeden Fall. Wenn die Business-Welt nicht den Gang wechselt und ihre Verhaltensweisen ändert, ist die Zukunft der globalen Marktwirtschaft möglicherweise in Gefahr.

Und Sie haben nicht das Gefühl, dass Business School-Professoren wie Sie in Davos eigentlich nur Statisten sind?

Ich muss sagen, dass ich nie als Statist behandelt worden bin, zumindest habe ich es nie bemerkt. Ich habe einige gute Freunde bei den WEF-Leuten – und das auf allen Ebenen – und ich habe sie immer als freundlich, höflich und taktvoll empfunden. Wir diskutieren die Podiumsveranstaltungen zusammen und die Zusammenarbeit ist immer gut und angenehm. Und man muss sagen: Das World Economic Forum ist wirklich sehr professionell.

Aber welchen Einfluss haben Sie denn realistischerweise?

Wie gesagt, was mich betrifft, ist Davos ein Event in einer Reihe von WEF-Veranstaltungen, die über das ganze Jahre verstreut stattfinden, und an denen ich seit mehreren Jahren teilnehme. Ich glaube, dass ich in zwei Bereichen, in denen ich am aktivsten bin, nämlich Handel und China - Themen, die naturgemäß miteinander verwoben sind - tatsächlich etwas Einfluss auf die Dinge gehabt habe. Das wird nicht unbedingt bei den großen Veranstaltungen sichtbar, wo viele prominente Teilnehmer im Rampenlicht stehen, sondern eher in den parallel laufenden Diskussionen und Arbeitsgruppen, wo die globale „Agenda“ wirklich vorangebracht wird. In aller schuldigen Bescheidenheit möchte ich sagen, dass ich hier etwas Einfluss auf die Denkergebnisse und Politikempfehlungen gehabt habe. Insbesondere gab es in der Vergangenheit zum Thema Handel einige Veranstaltungen, die einen informellen Austausch mit Ministern und ranghohen Beamten ermöglichten, der anderswo kaum möglich wäre.

Seien Sie ehrlich: Ist Davos wirklich mehr als ein gigantischer Networking-Event?

Ich war bislang bei allen meinen Antworten ehrlich und werde es auch hier sein. Natürlich ist für viele Teilnehmer, vielleicht sogar für die Mehrzahl, der Hauptgrund, nach Davos zu kommen, das Networking.

Ein Freund von mir, der für ein multinationales Unternehmen für mehrere Kontinente verantwortlich ist, hat es einmal so formuliert: Wo sonst kann ich Treffen mit einem Dutzend Minister aus Ländern organisieren, die tausende von Kilometern auseinander liegen, und das innerhalb von fünf Tagen?

Für mich persönlich ist die Networking-Funktion nicht besonders wichtig. Ich gebe zu, dass es bis zu einem gewissen Grade ganz „vergnüglich“ ist, die Großen und Guten dieser Welt einmal in Persona zu sehen, aber ich betrachte sie meistens aus der Distanz und ich trete nicht in direkten Kontakt mit ihnen – mit Ausnahme von den Veranstaltungen über China oder Handel, von denen ich gesprochen habe.

Das World Economic Forum hat immer behauptet, „den Zustand der Welt verbessern zu wollen“. Nun kann man sich fragen, ob nicht viele Davos-Teilnehmer Schuld am Zustand der Welt sind.

Bei einem Meeting am WEF-Hauptsitz in Genf in der letzten Woche habe ich gesagt, dass der Zustand der Welt derzeit ja ziemlich schrecklich sei und gefragt, ob das WEF nicht teilweise mitverantwortlich für diesen schrecklichen Zustand sei. Oder aber ob der Zustand der Welt noch schlimmer wäre, wenn es das WEF nicht gäbe. Oder umgekehrt, ob das WEF nicht völlig bedeutungslos sei. Ich weiß die Antwort selbst nicht. Es wird einmal interessant sein, in zukünftigen Analysen der gegenwärtigen Krise nachzulesen, ob das WEF hier vorkommt oder nicht. Wie auch immer: Es ist ziemlich einfach, über Davos herzuziehen. Aber das World Economic Forum ist ziemlich einzigartig und in vielerlei Hinsicht wirklich ziemlich eindrucksvoll.

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