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07.02.2003

14:13 Uhr

Trotz der Ermittlungen

Frankreich hält an Trichet fest

Trotz einer Strafforderung der Pariser Staatsanwaltschaft gegen Notenbankchef Jean-Claude Trichet will Frankreich den 60-jährigen weiterhin als Nachfolger von EZB-Chef Wim Duisenberg durchsetzen. Finanzminister Francis Mer sagte am Freitag vor Journalisten in Neu-Delhi auf die Frage, ob die Regierung an der Kandidatur Trichets festhalte: "Sicher, sicher."

Reuters PARIS. Mit Spannung wird nun der Ausgang des Gerichtsprozesses um einen Bankenskandal erwartet, in den auch Trichet verwickelt ist. Mit einem Urteil wird spätestens im Mai gerechnet. Nach Einschätzung von Analysten kann der Franzose nur dann an die Spitze der Europäischen Zentralbank wechseln, wenn er von aller Schuld freigesprochen wird. Amtsinhaber Duisenberg hatte sich am Donnerstag erstmals zu dem Prozess geäußert und sich dabei beunruhigt gezeigt.

Trichet steht derzeit im Zusammenhang mit einem Bilanzskandal vor rund zehn Jahren um die ehemals staatliche französische Bank Credit Lyonnais gemeinsam mit acht weiteren Beteiligten vor Gericht. Der damalige Credit-Lyonnais-Chef Jean-Yves Haberer muss sich mit zwei weiteren Managern dafür verantworten, in einer Bilanz Rückstellungen für riskante Investments absichtlich zu niedrig angegeben zu haben, um die vorgeschriebene Mindest-Kapitalausstattung einzuhalten. Trichet wird vorgeworfen, als Direktor des Schatzamtes, das für die Aufsicht von Staatsunternehmen verantwortlich ist, die Praktiken gebilligt zu haben.

Der Staatsanwalt hatte am Mittwoch die Vorwürfe als völlig begründet bezeichnet und eine zehnmonatige Haftstrafe auf Bewährung für Trichet gefordert. Dieser hatte davor bereits alle Anschuldigungen zurückgewiesen. Als Schatzamtsdirektor habe er keinen Einfluss auf Strategie oder Bilanzierung der Bank gehabt. Weder im Schatzamt noch bei der Bankenaufsicht der Notenbank sei man auf die Idee gekommen, dass die Bilanz gefälscht sein könnte. Die Anhörungen sollen Mitte nächster Woche abgeschlossen sein.

Nach den bisherigen Planungen will Duisenberg im Juli aus Altersgründen vorzeitig aus dem Amt scheiden. Trichet gilt bislang als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge des 67-jährigen Niederländers. Der Franzose war auf einem EU-Gipfel im Mai 1998 auf Drängen des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac informell zum Nachfolger Duisenbergs bestimmt worden, der vor Ablauf der regulären achtjährigen Periode das Präsidentenamt abgeben sollte.

Duisenberg bedauert die Verzögerung

Duisenberg, der bisher strikt jeden Kommentar zu Trichets Verwicklung in einen Strafprozess und zur Kandidatur des Franzosen abgelehnt hatte, hatte sich am Donnerstag besorgt über die anhaltenden Diskussionen über dieses Thema gezeigt. Der EZB-Chef sagte vor der Presse in Frankfurt: "Ich wünsche mir so wenig Unsicherheit wie möglich. Ich bedaure, dass dieser Prozess sich so lange hinschleppt." So etwas sei niemals gut, weder für die betroffene Person noch für die Institution, die sie repräsentiere - "und auch nicht für die Sache, die ihn und mich betrifft und an der wir arbeiten".

Analysten zufolge würden Trichets Ambitionen bei einem Schuldspruch zunichte gemacht. Abgesehen von seiner Verwicklung in den Bankenskandal gilt der Franzose als höchst qualifiziert für das Präsidentenamt und als energischer Verfechter einer stabilitätsorientierten Zinspolitik.

Bisher ist zumindest in der Öffentlichkeit noch nichts über Alternativkandidaten bekannt. Spekuliert wird über den ehemaligen EZB-Vizepräsidenten Christian Noyer, obwohl dieser 2002 wie vorgesehen nach vier Jahren als erster aus dem EZB-Direktorium ausschied und eine zweite Amtszeit formal eigentlich nicht möglich ist. So wird einem Bericht des "Handelsblatt" (Freitagausgabe) zufolge in Paris über einen "Plan B" nachgedacht. Dabei falle zumeist der Name Noyer, schrieb die Zeitung unter Berufung auf Regierungs- und Notenbankkreise. Allerdings könnte es dem 52-jährigen Franzosen am nötigen politischen Format fehlen.

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