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20.07.2000

21:43 Uhr

Trotz Gesundheitsreform

Ab Herbst drohen höhere Kassenbeiträge

VonPeter Thelen

Ortskrankenkassen in den roten Zahlen – Angst vor Mitgliederverlusten – Gesundheitsministerin Fischer gerät unter Druck. Experten erwarten, dass die Beitragssätze etlicher Kassen um bis zu zwei Prozentpunkte steigen

HANDELSBLATT BERLIN. Der Druck auf Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer wächst: Nach Informationen des Handelsblatts kommt auf die Versicherten der Krankenkassen spätestens im Herbst eine Welle von Beitragserhöhungen zu. Experten erwarten, dass die Beitragssätze etlicher Kassen um bis zu zwei Prozentpunkte steigen. Trotz Gesundheitsreform haben viele Krankenkassen Vermögensdefizite in Milliarden-DM-Höhe aufgebaut.

Insgesamt schreibt die gesetzliche Krankenversicherung auf Bundesebene zwar in der Tendenz schwarze Zahlen, so dass der durchschnittliche Beitragssatz in diesem Jahr sogar leicht auf etwas unter 13,6 % zurückgegangen ist. Doch eine Reihe von Krankenkassen schiebt steigende Defizite im Vermögensbestand vor sich her. In manchen Bundesländern wie Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt stecken alle Kassenarten in der Schuldenfalle. Besonders schlecht steht es in Berlin. Bei den Betriebskrankenkassen in der Hauptstadt entsprach das Minus zum Ende des ersten Quartals 2000 dem 3,5fachen ihrer monatlichen Leistungsausgaben. Der AOK Berlin fehlt über eine Milliarde DM (2,1 Monatsausgaben) im Vermögensbestand. Eigentlich müsste sie daher ihren Beitragssatz von 14,9 % auf über 17 % erhöhen.

Insgesamt stehen bei rund einem Drittel der Kassen Beitragserhöhungen ins Haus. Die Spanne reicht von Zehntelprozentpunkten bis zu satten Erhöhungen von zwei Prozentpunkten. Damit droht in vielen Regionen erneut ein Anstieg der Lohnnebenkosten für die Unternehmen: Der Faktor Arbeit wird, wenn nicht gegengesteuert wird, wieder teurer.

Noch schrecken die Kassen trotz roter Zahlen vor den Beitragserhöhungen zurück, weil sie Angst davor haben, dass vor allem junge und gesunde Versicherte zu günstigeren Krankenkassen wechseln und sich auf diese Weise ihre Finanzlage weiter verschlechtert. Einige Ersatzkassen haben deshalb bei den solventeren Schwesterkassen bereits um Finanzhilfe gebeten, um ihre Beiträge nicht anheben zu müssen. Eine Arbeiter-Ersatzkasse konnte nur durch ein eilig zusammengezimmertes Sanierungspaket vor der sofortigen Schließung bewahrt werden. Der Verband der Innungskrankenkassen reformiert derzeit seine interne Solidarordnung, um unverdient in Schieflagen geratenen Mitgliedskassen zu helfen.

Die ersten Erhöhungsbeschlüsse dürften jedoch bereits im Herbst fallen. Denn 2001 werden die Krankenkassen zudem für den Bundeshaushalt mit 1,2 Mrd. DM zur Kasse gebeten. Obendrein werden sie wegen eines Bundesverfassungsgerichtsurteils Krankengeld in Milliardenhöhe nachzahlen müssen.

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